Fast verliebt


Meine Beziehungskolumne aus der Weltwoche: Don’t fuck the company? Viagra in Langzeitbeziehungen? Keine verheirateten Männer daten? Mal sehen.


djs


Rockstars in Chitin


Der frühe Frühling macht so Sachen: Mal ist er da, dann geht er wieder. Aber er hat sich schon mal angekündigt – bald wird er uns endgültig in Blütenduft hüllen. Höchste Zeit, über den Hirschkäfer zu reden.

Die Existenz des Käfers mit dem geweihähnlichen Oberkiefer ist nämlich eine der interessantesten Metaphern für die Wendung zum Guten, die in jedem Leben möglich ist. Das durchschnittliche Hirschkäferdasein hält uns vor Augen, dass der persönliche Frühling machbar ist, selbst am toten Punkt. Mehr als in vielen Menschen steckt in diesem kleinen Tier der brachiale Wille zum Glück und zum prallen Leben – besonders, was die Liebe angeht. Gottverdammte Rockstars im Chitinpanzer, das sind die Hirschkäfer.

Wussten Sie nicht? Ging mir auch so. Bis ich neulich mit einer Wissenschaftsjournalistin in einer Bar versackte und sie mir von dem speziellen Käfer erzählte. Die Erkenntnisse, die ich aus ihrer Erzählung gewann, trafen mich so hart, dass ich fast den geteilten Joint hätte fallen lassen.

Was schätzen Sie, wie lange lebt so ein Hirschkäfer? Einen Sommer lang vielleicht? Das war zumindest mein Tipp – aber weit gefehlt: Der Hirschkäfer kann mehr als sechs Jahre alt werden. Wie viele grosse Geschichten beginnt auch seine am Abgrund: Er steckt verpuppt im Totholz. Denn als Larve ist es der Job des Hirschkäfers, Totholz zu verstoffwechseln. Ein Dienst am Ökosystem, der trister nicht sein könnte. Weitaus schlimmer als der des gängigen Büroarbeiters im Hamsterrad: kein Urlaub, keine Bewegung – nicht einmal Licht! In dieser Lebensphase ist es die Hauptaufgabe des Hirschkäfers, unbemerkt zu bleiben und fauliges Holz zu futtern. Tag für Tag für Tag, eine Ewigkeit lang. Denn: Eine Larve ist der Hirschkäfer bis zu sechs Jahren – ein gestandener Käfer mit Geweih aber nur wenige Monate!

Plötzlich durchbricht der Hirschkäfer aber sein Elend, unverhofft, und raus kommt er aus dem Totholz! Einfach so. Denn es ist Frühling, nach sechs elenden Jahren Finsternis. War der Job bisher eine Zumutung, der Sex nicht vorhanden und das Essen ein schlechter Witz, macht der vom Totholz auferstandene Hirschkäfer jetzt keine Gefangenen mehr. Vibrierend, von so viel Leben, Farben und Düften völlig verstört, fliegt er durch die Sonne, rammelt sich von einer Liebschaft zur nächsten – und ist dabei die meiste Zeit volltrunken von zuckerhaltigen Baumsäften. Der Hirschkäfer brennt. Er gibt alles. Für die Dauer eines Sommers ist die Welt seine Spielwiese, und er ist der König. Vergessen sind die Jahre des Totholzfressens.

Denken Sie nicht auch: Was der Hirschkäfer kann, kann ich schon lang? In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, mir und allen Hirschkäfern da draussen: ein zauberhaftes Frühlingserwachen.

Dieser Text erschien am 07.03.2019 in DIE WELTWOCHE





Liebesangst


Er stand am Zürcher Hauptbahnhof unter dem dicken Schutzengel von Niki de Saint Phalle und wurde von Liebe überwältigt. Er nahm sein Smartphone und tippte: «Ich liebe dich!» – da drückte ihm eine tonnenschwere Last auf die Brust. Gerade so, als hätte sich der Engel auf ihn gesetzt.

«Ich liebe dich!» – ernsthaft? Das wollte er ihr schreiben? Er schüttelte den Kopf. «Komm schon», sagte er zu sich selbst und lachte leise, aber schrill, während keiner der Passanten ihn beachtete. Er war doch mal originell gewesen! Seiner letzten Freundin hatte er gesagt, er werde niemals «Ich liebe dich» sagen. Viel zu abgedroschen. Wie viele Menschen weltweit wohl in jener Sekunde «Ich liebe dich» sagten? Wie war es möglich, dass alle das Gleiche empfanden? Was für eine Fehlprogrammierung führte dazu, dass alle auf denselben Satz zurückgriffen? Wieder und wieder und wieder: «Ich liebe dich.» Nein danke, da machte er nicht mit. Er war einzigartig. Niemand hatte denselben Leberfleck auf der linken Pobacke, niemand lachte wie er, niemand sonst auf der Welt hatte seine Eltern, niemand ausser ihm hatte ihre Macken übernommen.

Trotzdem war jetzt alles anders. Wegen ihr. So hatte er noch nicht gefühlt. Das Verrückte war, dass er in diesem Gefühl . . . auch so nah bei sich selbst war wie noch nie. Wie konnte das sein? Wie konnte das gleiche Gefühl, das ihn noch näher zu sich selbst führte, das ihn noch einzigartiger machte, wie konnte dasselbe Gefühl ihn zu einem Typen machen, der die Phrase aller Phrasen drosch? Was unterschied ihn noch von den anderen 7,63 Milliarden Menschen, wenn er auf der Höhe seiner Gefühle den gleichen Satz wie jeder sagte? Er war jedermann. O Gott!

Wo sollte das hinführen? Er schaute sich um. Sah in die Masse der Passanten – und sah seine Zukunft. Er und sie. Würden nicht voneinander lassen. Am Anfang würden sie es treiben wie die Karnickel. Dann würden sie aufhören. Bequemer werden. Sein Bauchansatz würde sich durchsetzen, sie würde zu Hause nur noch Trainerhosen tragen. Ein Kind, zwei Kinder – und er würde nach und nach aufhören, kleine Konzerte in dreckigen Klubs zu besuchen. Sie würden sich über den Einkauf und die Wäsche streiten, und es würde ihnen das Mark aus den Knochen saugen. Irgendwann würden sie nicht mehr gross reden. Sie würden über Trennung nachdenken. Da sie füreinander gemacht waren, würden sie aber beisammenbleiben. Ihre erwachsenen Kinder in fernen Städten besuchen. Manchmal am Flughafen, da würden sie Händchen halten. Und irgendwann würden sie an Krebs sterben und bald vergessen sein.

Er atmete tief ein und schaute hoch zu dem dicken Engel. Dann stiess er ruckartig den Atem aus. «Scheiss drauf», sagte er mit glitzernden Augen – und schickte ihr den gottverdammten Satz.

Dieser Text erschien am 14.02.2019 in DIE WELTWOCHE





Verlobungstourismus


Als er endlich kniete, machte sich auf ihrem Gesicht ein Grinsen breit. Die Erleichterung einer verkannten Kronprinzessin, die es nach fruchtlosen Intrigen in einer letzten, überraschenden Wendung des Schicksals doch noch unter die Krone schafft: Triumph! Selbst ihre Eltern hatten nicht mehr geglaubt, dass sie noch unter die Haube käme, doch da sass sie: Regula Müller, 36 Jahre, Versicherungsberaterin, die Füsse im Sand von Ko Yao Yai und vor ihr ein Mann auf Knien.

Die überraschende Wendung in Regulas Schicksal hiess Georg Schmidt. Obwohl man fairerweise sagen muss, dass an ihm nichts Überraschendes oder Wendiges war. Seine Begegnung mit Regula hatte strenggenommen auch nicht viel mit Schicksal zu tun, eher mit dem Internet, seinen Paarungsmöglichkeiten und akribischer Katalogrecherche. Er hatte eine Frau zum Heiraten gesucht und nach drei Tagen gefunden. Sie war zwar, fand er, nicht mehr ganz frisch im Gesicht und auch nicht unbedingt nett, wie sich bald herausstellte. Aber sie hatte einen guten Job, wirkte zumindest auf andere gefällig, auch auf seine Eltern, und sah nackt noch gut genug aus, dass er ihr zwei Kinder machen könnte, wenn auch eher von hinten.

Als Georg mit verstochenen Beinen in weissen Leinenhosen vor Regula im thailändischen Inselsand kniete, blickte diese auf sein glänzend rotes Haupt mit dem zurückweichenden Haar herab. Auch Regula hatte in einem Jahr Beziehung das Ihre getan, um diesem Moment die Überraschung zu nehmen. Bei einem Krach im Dezember hatte sie gesagt: «Wenn du es nicht bald auf die Reihe kriegst, mir einen Antrag zu machen, geh ich. Du unsäglicher Feigling ... glaubst du etwa, was Besseres zu finden?» Gellend gelacht hatte sie und gleichzeitig gehofft, dass der Druck wirkt. Kurz durchgerechnet hatte sie auch: Wenn sie sich demnächst trennen würde, wäre sie immer noch 36. Sie könnte wenige Monate später einen anderen kennenlernen, und wenn der vorwärts machte, könnte sie mit 38 verheiratet und schwanger sein. Nicht optimal – was würde sie Georg rückblickend hassen für die vergeudete Zeit. Doch zum Glück hatte Georg sich noch aufgerafft.

Wie es sich für alternde Yuppies gehört, hatte er Regula brav einen Diamantring von Tiffany gekauft. Und nun sagte sie «Ja» in Thailand, wo er Geld für Romantik hatte springen lassen: Dinner am Strand, Fackeln, Blumenschmuck, weisser Pavillon. Schon vorher hatten Regulas Freundinnen prophezeit, dass er ihr einen Antrag machen werde. Klar, aus Thailand kommen viele verlobt zurück, da ist Romantik im «Bachelorette»-Format erschwinglich und wirft Bilder zum Angeben ab. Am Tag danach postete Regula ein Antragsfoto, Szenerie: perfekt. «Was für eine Überraschung!», schrieb sie. «Verlobt!»

Dieser Text erschien am 24.01.2019 in DIE WELTWOCHE





Sadomaso


Launig wischt sich Tarik durch seinen Instagram-Feed und verteilt geizig Herzen. Ein gewisser Masochismus schwingt mit. Er weiss, was kommt. Und da ist sie auch schon: Lena fucking Morstedt. Lacht unter einer grossen Sonnenbrille hervor, ihre Lippen und Zähne glänzen in der Sonne. Sie steht vor einer Bank in Bern, vor dem Foto eines halbjungen, halbglatzköpfigen Mannes in einem schlechtsitzenden Filialleiter-Anzug. Dazu schreibt sie: «Breaking: Palastflüchtiger Prinz William in Bern aufgetaucht. Hat sich sofort neue Machtposition gesichert.» Tarik muss lachen. Der Filialleiter sieht wirklich aus wie Prinz William. Das ist vielleicht das Schlimmste, seit Lena zurück ist in seinem Leben: Sie ist witzig. Nicht so dumm, wie er sie gern hätte.

Vor vier Monaten kam sein Chef, sagte stolz: «Tarik, Lena Morstedt, vielversprechender Agenturneuzugang, ab Juni bei uns – du wirst sie einlernen!» Chefansagen, auf die man nichts entgegnen kann. Tarik war ohnehin zu schockiert. Das Einzige, was er noch fragte: «Wie heisst die Frau?» – «Lena Morstedt», hatte der Chef wiederholt. Plötzlich war Tarik nochmals dreizehn.

Dreizehn war Tarik, als er auf dem Schulhof stand und nicht aufhören konnte, das Mädchen mit dem skandinavisch-hellen Äusseren anzusehen. Lena Morstedt war die Reinheit. Er hingegen war dreckig, voller Pickel und Hormone, die ihn schräge Dinge träumen liessen. Er flog wie die Motte ins Licht. Auf Schulausflügen quasselte er sie voll, endlos. Manchmal löste sie sich einfach, ging zu ihren Freundinnen und lachte – er war sicher: über ihn.

An ihrem ersten Arbeitstag schüttelte ihm Lena die Hand, sagte: «So schön, Tarik!» Sie schien es ernst zu meinen, fügte an: «Ich glaube, wir waren auf dem Schulhof nicht die besten Freunde. Konntest du mich überhaupt leiden?» Als er antworten wollte, winkte sie lachend ab: «Jedenfalls ist das ewig her. Und ich finde es mega, hier ein bekanntes Gesicht zu haben!»

Seitdem trägt ihm Lena ihre Freundschaft hinterher. Lobt ihn vor dem Chef, hypt ihn geradezu. Auf Facebook kommentiert sie seine Fotos und wirkt dabei nicht mal wie die Untergebene, die sich beim Vorgesetzten einschleimt. Natürlich nicht. Sie ist Lena Morstedt, Traumfrau mit Gefühl. Tarik hat natürlich gleich recherchiert, ob sie einen Freund hat. Hat sie. Wie er sie hasst.

Er kann sie nicht loben, egal, wie gut sie arbeitet. Er spricht überhaupt nur dann mit ihr, wenn er muss. Endlich hat er die Macht, schönen Frauen die kalte Schulter zu zeigen. Aber wenn er alle im Büro fragt, ob sie ein Bier trinken wollen, nur sie nicht, und wenn er dann sieht, wie sie ihre Enttäuschung weglächeln will, dann: würde er am liebsten ihr Gesicht in beide Hände nehmen und nie wieder loslassen.

Dieser Text erschien am 05.07.2018 in DIE WELTWOCHE





Zwei gegen Papa


Noah liegt auf dem Wickeltisch, heult sich kraftlos, Christian hantiert angespannt an der Windel und versucht, beruhigend auf ihn einzureden. Gleich könnte die Situation das nächste Eskalationslevel erreichen – da betritt Anja den Raum. Beim Anblick von Mann und Sohn rauschen Gefühle durch ihren Körper, die widersprüchlich sind. Da ist diese schlaflose Gereiztheit, die schnell zu Wut wird. Da sind diese grenzenlose Liebe und das Mitleid für Noah, der jetzt auch schon seit drei Tagen krank ist. Hinzu kommt die Enttäuschung über Christians Unbeholfenheit mit dem Kleinen. Und noch etwas, was sie sich nie laut eingestehen würde: Schadenfreude. Ein böser Triumph über ihren Mann, und sie geniesst ihn. Zu einem hohen Preis, ja, aber sie geniesst ihn. Der Gefühlsrausch ist zu schnell, zu wirr, als dass sie ihn reflektieren könnte, doch immerhin sendet ihr Unterbewusstsein ein leises Signal an Anjas Schaltzentrale: «Da wäre jetzt eine Wahl, die du treffen könntest, wenn du einen Moment innehieltest.» Sie könnte zu den beiden hingehen, hinter Christian stehen bleiben, ihm die Hand auf die Schulter legen, fragen, ob er Hilfe braucht, und dabei etwas Distanz zu Noah halten. Sie könnte die zwei machen lassen.

Aber sie könnte auch . . . Da wirft Noah ihr schon einen Blick zu, vorbei an Christian, und schreit: «Mami!» – womit die Würfel gefallen sind. Anja folgt dem erstbesten Impuls, eilt zum kranken Schätzchen, sagt: «Schsch, mein Engel, Mami ist ja da!» Am Wickeltisch angelangt, stösst sie Christian regelrecht zur Seite, stöhnt genervt, fährt ihn an: «Ey, checkst du nach zwei Jahren etwa immer noch nicht, wie man Windeln wechselt und seinen Sohn beruhigt? Mein Gott!» Christian murmelt betreten irgendwas, streicht sich erschöpft die Haare aus dem Gesicht, ist erleichtert, dass Anja übernimmt, aber vor allem ist er: sehr, sehr unglücklich. Und das schon ziemlich lange.

Seit Noah auf der Welt ist, geniesst Anja die Allmacht, die das Kind ihr beimisst. Christian hat den Eindruck, dass seine Frau die von Natur aus starke Mutterbindung noch verstärkt, ein Bollwerk gegen ihn errichtet, ihn seine Nutzlosigkeit, seine Zweitrangigkeit, ja seine Entbehrlichkeit spüren lässt, wo sie nur kann. Mitunter ist er so verstört, so entfremdet vom Kind, dass er es anschaut und sich fragt, ob es überhaupt seins ist. Er spürt sich nicht mehr. Er spürt das Kind nicht mehr. Und wen er schon lange nicht mehr spürt, nicht mehr spüren will, ist seine Frau.

Anja streichelt die Wange ihres allerschönsten Sohnes, sie beugt sich zu ihm, küsst die Tränen weg. Für all die Male, in denen ihr Mann sie nicht wertschätzte, sie nicht beachtete, für all die Male liebt und braucht Noah sie tausendmal. Ein Gefühl, das er ihr mit jedem Atemzug schenkt. Er ist hilflos. Und sie ist süchtig nach ihm.

Dieser Text erschien am 28.06.2018 in DIE WELTWOCHE





Schlecht bestückt


Er war so klein, so etwas habe ich davor und auch danach nie wieder bei einem anderen Mann gesehen», schreibt Céline – und natürlich schicken jetzt alle Lach-Emojis, auch wenn wir es nicht böse meinen.

Es ist erstaunlich, wie präsent Brüste in unserer Gesellschaft sind. Von Werbeplakaten, aus OP-Dokus im SRF und von jedem Boulevardblatt wippen sie uns entgegen. Aber das Körperteil, das dem Grossteil der Frauen Lust bereitet? Bleibt privat. Während es in Buchhandlungen neuerdings Tische mit Vaginen-Büchern gibt, ist der Penis kein Thema. Im Alltag präsent ist er nur in Form von Kirchtürmen. Weshalb ich eine Penis-Whatsapp-Gruppe mit Freundinnen einberief – und manche Erkenntnis gewann.

Die Frage, die sich zuerst in den Vordergrund drängte: «Welche Männer sind am schlechtesten bestückt, und wie können wir sie schon von weitem erkennen?»

Mareike schickte eine Weltkarte in die Gruppe: Länder nach Penisgrössen. Am zartesten sind demnach die Asiaten ausgestattet, allen voran die Inder mit 11 cm. Die Russen kommen auf 13 cm. In den meisten Ländern des Westens ist man mit durchschnittlichen 14 cm im internationalen Vergleich gut aufgestellt, getoppt wird man hier nur von ein paar afrikanischen und südamerikanischen Ländern, die offenbar einen Zentimeter mehr aufbringen. Nach unten schlagen in Europa die Spanier (13 cm) und die Italiener (12 cm) aus. «Eine Erklärung des Machos?», fragt Mareike unter der Karte.

In der darauffolgenden Diskussion eruieren wir einen Indikator, der übers Geografische hinaus geht. Und zwar: «Betont schöne Männer, hypergepflegte, super exakt getrimmte, wahnsinnig modische Typen, auf die man vielleicht im ersten Moment abfährt, haben in aller Regel absurd kleine Penisse», schreibt Sabine, die sich sonst eigentlich nicht so ausdrückt; offenbar bringt sie das Thema in Fahrt. Wir anderen bestätigen das, sei es aus Erfahrung oder vom Hörensagen: Die Aller- eitelsten haben oft eine Kleinigkeit zu verbergen – was nicht für naturschöne Männer gilt, die kommen ja in allen Grössen.

«Und wie wichtig ist die Grösse?» An dieser Stelle kann fast jede von einer negativen Erfahrung mit einem «zu gut» bestückten Mann berichten. Denn das tut weh, vor allem nach dem dritten Mal in Folge. «Zu klein» ist leider tatsächlich auch kein Bringer. «Am besten so durchschnittlich gross», findet Céline, worauf wir uns einigen können – der Längen-Hype ist wirklich Unsinn. Wichtiger ist tatsächlich die Technik, das Gefühl, das der Mann aufbringt. Oder eben nicht. «Ich finde Härte und Dicke noch interessant», fügt Larissa an. «Wir Frauen sind anatomisch ja auch nicht alle gleich. Er muss vor allem zu mir passen, um die richtigen Punkte zu treffen.»

Dieser Text erschien am 21.06.2018 in DIE WELTWOCHE





Stirb, Kritiker!


Während meines Studiums begegnete ich einem Verrückten. Er hiess Antonin Artaud (1896–1948) und hatte ein Buch geschrieben, das brannte. Es hiess: «Das Theater und sein Double». Der Autor blickte einen vom Cover aus an, mit Augen, so blitzend, dass selbst Kafka im Vergleich verpennt wirken musste. Von einem «Theater der Grausamkeit» träumte dieser Artaud. Es sollte die Menschen im Mark erschüttern, echter als das Leben sein und den Schauspielern, diesen «Athleten des Herzens», alles abverlangen. Artaud wollte einen «Wirbelsturm höherer Kräfte» entfachen, der «zermalmen und hypnotisieren» sollte. Am meisten beeindruckte mich dabei die Selbstverständlichkeit, dass diese Form des Theaters im Kern keine Kritik vertrage. Um das Grossartige zu ermöglichen, müssen alle Beteiligten mit manischer Überzeugung an einem Strang ziehen. Der Kritiker, auch der innere, muss zum Schweigen gebracht werden.

Grandios, gaga, absolut und gefährlich ist das alles. Und eine prima Metapher für die Liebe. Auch in Beziehungen, dem grausamsten Theater unseres Lebens, entscheidet sich die Frage nach dem gelungenen Abend nicht selten im Spannungsfeld von Kritik und Bestätigung.

Verträgt Liebe auch Kritik? Muss man vollumfänglich an den Menschen glauben, mit dem man lebt? Für mich war’s immer: Ja und ja. Wer liebt, erkennt den anderen doch in mikroskopischer Klarheit. Dann feiert man ihn für seine liebenswürdigen Seiten ab. Und liebt ihn trotz seiner Dunkelheit.

So eine Einstellung kann einen aber auch zum irrsten Kritiker machen, quasi zum Anti-Artaud. Als ungehobelte Mittzwanzigerin schrieb ich einem Mann einmal: «Wir sind nicht gleich. Du bist dumm wie Brot. Aber ich liebe dich.» Er war ein Lebenskünstler ohne Intellekt, aber ich fand’s gut, dass er Motorrad fahren und Feuer machen konnte. Als sich eine Kluft zwischen uns auftat, sollte er wissen, dass ich ihn liebe, obwohl ich ihn kenne. In der Retrospektive ist mir aber auch klar, warum meine Rückgewinnungsaktion nicht so glücklich verlief.

Pärchen, die einander ausschliesslich lobhudeln, nerven mich jedoch bis heute. Freundinnen, die einem stundenlang erzählen, wie gut ihr Hengst aussieht, und dann guckst du ein Foto an und denkst: «Nein, tut er nicht.» Oder Männer, die nicht aufhören, Fotos von ihren Freundinnen in den sozialen Medien zu posten, dazu eine Liebeserklärung, als wären sie die glücklichsten Schweinehunde der Welt. Ein halbes Jahr später: Trennung.

Vermutlich werde ich in der Liebe immer Fan-Girl und Kritikerin sein, nie nur das eine. Manchmal aber, da höre ich die Stimme Artauds in mir, und er fragt: «Willst du jetzt meckern oder einen schönen Abend haben?» Und die Entscheidung für den schönen Abend, die ist dann selten die falsche.

Dieser Text erschien am 14.06.2018 in DIE WELTWOCHE





Griff ins Klo


Als Larissa ihren neusten Teufelskerl vorstellt, der mir, wie alle seine Vorgänger, als «perfekt» angekündigt wurde, haut mich die Erkenntnis aus den Schuhen: Stürze dich niemals, wirklich nie, nie, niemals, direkt nach einer Beziehung in die nächste! Klar, das ist keine neue Weisheit. Doch bisher dachte ich, die alte Dating-Regel drehe sich um guten Benimm. Dass man etwas Zeit verstreichen lässt, damit der Ex nicht verletzt wird und um nicht schwach zu wirken. Dass es hier aber um mehr geht, nämlich ums blanke Überleben, war mir bislang nicht klar.

Larissas Neuer ist ein Griff ins Klo. Er lacht zu viel. Klingt harmlos? Wenn Sie einen Abend lang mit einem Possenreisser verbracht haben, der nur über seine eigenen Schenkelklopfer lacht, während er das Lachen bei den Scherzen der anderen kategorisch ablehnt, vielleicht auch, weil er geistig nicht mitkommt, dann wissen Sie: Zu viel lachen, das kann durchaus Sünde sein. Hinzu kommt, dass seine Augen auf einer Diagonalen im Gesicht sitzen, wofür er zwar nichts kann, aber es ist halt hässlich. Der Mann ist nicht nur unansehnlich und eine gesellschaftliche Plage, er hat auch beruflich keinen Ehrgeiz und schnorrt permanent Zigaretten, Drinks und Taschentücher von allen, die seinen Weg kreuzen.

Gleichzeitig erkennt er Larissas natürliche Überlegenheit nicht an, nein, permanent behandelt er sie wie eine Babymaus mit Angststörungen, die ganz viel Schutz braucht und keinen Schritt alleine tätigen kann. Das Verrückte ist, dass sein Vorgänger das glatte Gegenteil war – womit wir wieder beim Thema wären: Larissa kompensiert am laufenden Band. Würde sie doch nur mal kurz innehalten, heilen und dann mit frischem Mut, erholtem Herzen und wachem Geist ans Paaren gehen. Aber nein. Der Nächste steht immer schon auf der Matte. Daraus ergeben sich zwei grauenvolle Muster, die ihre Paarungsbiografie durchziehen: Wird sie verlassen und vermisst den Mann, sucht sie sofort einen, der zwar genauso unpassend ist, aber an den alten erinnert. Hatte der letzte keine Haare, hat der nächste auch keine – auch wenn ihm ansonsten alle liebenswerten Eigenschaften des Vorgängers abgehen. Und wenn Larissa den Mann verlässt, wie diesmal, dann sucht sie seine Antithese. Larissas Ex war smart, ehrgeizig, ungesellig und schenkte ihr kaum Aufmerksamkeit. Der Neue ist sein Gegenstück, in der Horrorversion.

Es wird immer tragischer, Larissa und ihr Liebesleben befinden sich nicht mehr nur in der Abwärtsspirale, sondern im freien Fall.? Während ich so reflektiere, lacht sie verliebt über den nächsten verbalen Tiefflieger ihres bekloppten Mackers, und ich bin kurz davor, ihm eine Serviette in den Mund zu stopfen, damit er nur einfach endlich Ruhe gibt.

Dieser Text erschien am 07.06.2018 in DIE WELTWOCHE





Vom Drachentöten


Da sagte die Hexe etwas, was der Goldjunge nicht hatte kommen sehen: «Stell dir vor, ich wär die Richtige!» – Er brach in Lachen aus. Humor, das hatte sie. Man schaue sie nur an, die alte Hex’! Mit ihrer dicken Nase und den krummen Beinen. Nur hatte der Goldjunge auch schon lange auf die Eine gewartet. Zwanzig Jahre alt war er geworden, dann dreissig und schliesslich deutlich älter – nur aufgekreuzt war sie noch nicht. Ein letztes Spiel, dafür blieb wohl Zeit. So sprach er zu der Hexe: «Du also willst die Richtige sein? Eher fliegen Schweine durch die Luft, als dass ich mich an dein zahnloses Grinsen gewöhne. Doch sag, was soll ich tun? Und was ist mein Gewinn?»

Die Alte, im Stolz gekränkt von so viel Ehrlichkeit, fuhr sich mit eitler Hand durchs schütter’ Haar, und sagte: «Bade mich in Liebe und in Zuversicht, damit ich mich von den Schrecken des Lebens ein wenig kann erholen. Für zwei volle Monde zeige mir, dass ich die Beste bin, dass man mich lieben kann mit allen Macken. Gelingt dir das, sollst du die wahre Liebe finden.»

Der Goldjunge zweifelte. War er der Aufgabe gewachsen? Sie war schon ein besonders garstig’ Weib. Doch sollte sie Wort halten und ihn danach zur Richtigen führen – was konnte er verlieren? Sie kamen überein.

Beschwerlich waren die ersten Tage. Der Goldjunge fühlte sich wie ein Prinz, der Drachen töten muss, um zur Prinzessin vorzudringen. Nur wähnte er sich in einem Schauermärchen, und der grösste Drache war die «Prinzessin» selbst. Vergass er den Einkauf, während sie den Boden wischte, oder gelang es ihm nicht, zärtlich zu sein, so spie sie Feuer, und er bangte um sein Leben.

Wie nur sollte er im Angesicht des Monsters Zuneigung heucheln? Es gab nur einen Weg: Er musste zuerst sich selbst täuschen. Also suchte er mit aller Kraft das Gute in der Hexe. Lag in ihrem brüchigen Haar nicht eine kostbare Feinheit? Versteckte sich in ihrem schiefen Grinsen nicht die Fröhlichkeit des frechen Mädchens? Derart selbstverblendet, gelang es ihm, die alte Hexe zu behandeln wie ein delikates Blümchen. Nur in seinem stillen Kämmerlein legte er die rosa Brille ab. Bis er es einmal vergass. Und sie ihm fehlte. Veränderte sie sich nicht wirklich? Das Hündische an ihr war der Geschmeidigkeit einer Katze gewichen. Als er so von ihr träumte, fasste er sich erschrocken an den Bauch. War er mit diesem Ranzen gut genug für sie?

Eines Abends wagten die beiden ein Tänzchen. Da verjüngte sich die Hex’ in seinen Händen vollends im Minutentakt. Sie lachte. Und er fühlte Glück. «Ist das der Preis, den du versprachst?», fragte er. «Jawohl», sagte die Durchtriebene und drückte ihre Nase, die ihm nun gar nicht mehr so dick erschien, gegen seine.

Dieser Text erschien am 31.05.2018 in DIE WELTWOCHE





Womansplaining


Ich bin eine Womansplainerin!», erklärt meine Freundin Marion nach dem dritten Spritz, und es bricht dermassen aus ihr raus, dass sie mich beim Reden anspuckt. Während ich mir die Nase abwische, fügt sie im Scherz an: «So, es ist raus – und jetzt hör mir zu und lass mich ausreden!» Tatsächlich kann ich sie danach nicht mehr unterbrechen.

«Seit ein paar Jahren bin ich freiwilliges Opfer von Mansplainern», holt sie aus, «wie bei vielen Frauen hat sich mein Beuteschema Mitte zwanzig geändert. Aufreissertypen mit zu viel Humor und Testosteron, die mich im Sturm erobern und mir vor anderen an den Hintern greifen? Fand ich mal nicht ganz reizlos, aber die können mir heute echt gestohlen bleiben. Diese Veränderung war keine Kopfentscheidung, meine Sexualität ist einfach anders jetzt. Und als es passierte, hab ich’s nicht mal verschaltet.

Jedenfalls können heute ein Wikinger und ein Holzfäller im Tram direkt vor meiner Nase stehen – und ich remple die beim Aussteigen an, weil ich die gar nicht sehe. Bin ich aber in einem Saal mit Hunderten Menschen, wittere ich den einen Mann mit den sensibelsten Augen und dem enzyklopädischsten Charakter garantiert aus der Menge raus. Und sagt dann eine andere Frau: ‹Hey, vergiss den Typen, der hält sich für wahnsinnig schlau, mega ätzend, das ist voll der Mansplainer!›, dann kann sie davon ausgehen, dass ich – jetzt erst recht! – wie eine wildgewordene Jägerin direkt auf den zusteuere. Stehe ich dann vor ihm, bin ich in Sekundenbruchteilen paarungsbereit. Und gehen wir am nächsten Tag durch die Stadt und er entpuppt sich als Audioversion von Wikipedia, lässt sich von allem triggern, was wir sehen, und erklärt mir nonstop die Geschichte der Stadt, die Mechanik von Zügen, das Wetter, die Musikgeschichte, und lässt er dabei auch die Genetik von Kellerasseln nicht aus: Dann bekomme ich garantiert einen Eisprung.

Insofern kann ich überhaupt nicht verstehen, warum sich andere Frauen neuerdings so über Erklärbären aufregen. Für mich sind das die Geilsten. Das ganze Gerede übers Mansplaining hat mich aber darüber nachdenken lassen, wie ich selber bin.

Und zwar denke ich viel über Beziehungen nach. Dann erkläre ich den Männern ihr Sozialverhalten und die Dynamik zwischen uns, und ja, ich finde manchmal schon, sie könnten sich mehr Mühe geben. Wahrscheinlich müsste ich dringend damit aufhören. Erst wenn wir Frauen unsere Männer die Welt der Gefühle selbst entdecken lassen, ihnen da auch was zutrauen und selber Macht abgeben, leben wir in einer Zeit der beidseitig mündigen Partnerschaft, oder?» Marion schaut mich erwartungsvoll an. Aber bevor ich antworten kann, sagt sie: «Es ist nur so schwer, den Mund zu halten, wenn man es besser weiss!»

Dieser Text erschien am 24.05.2018 in DIE WELTWOCHE





Moste mich nicht!


Der Fall Joana endet mit einer unerhörten Wendung: Sie hat Maxim von heute auf morgen vom Sofortgeliebten zur Persona non grata gemacht. Sie flog mit ihm in den siebten Himmel – und blockierte ihn dann auf Facebook. Sie erinnern sich? Mein Cousin heult seit einer Weile rum. Er hatte «vielleicht die Richtige» gefunden, verbrachte eine tolle Nacht mit ihr, dann wollte sie nichts mehr von ihm hören. Letzter Stand: Wir dachten, ihr Verhalten hänge damit zusammen, dass sich keine coole Frau emotional auf einen Typen einlässt, dessen hoher Frauenverschleiss in einer Kolumne thematisiert wird. Nur scheint die Sache doch ganz anders gewesen zu sein.

In der Zwischenzeit hat Maxim ihr einen Brief geschrieben. So einen auf Papier, einen ehrlichen, in dem er seine Gefühle darlegte und darum bat, sie doch einfach noch mal auf einen Kaffee zu treffen, um das Bild, das nach dem Lesen der Kolumne bei ihr wohl entstanden sei, korrigieren zu dürfen. Sie aber reagierte nicht nur nicht, sie blockierte ihn auch auf sämtlichen Kanälen. Ein paar Tage später schickte sie ihm dann doch einen Einzeiler: «Ich empfinde nichts für dich, respektier’s bitte.» – Nur: Warum hatte sie dann in der kurzen Zeit ihres Zusammenseins einen verliebten, interessierten Eindruck gemacht und so viel Nähe gesucht? Warum wollte sie von seinen Reisewünschen wissen, von seinem ersten Kuss, von seiner Lieblingsband? Man muss bei Maxim kein Interesse und keine Gefühle heucheln, der steigt auch so mit Frauen ins Bett oder hat das zumindest bis vor ein paar Monaten so praktiziert. Der Verdacht liegt nahe, dass sie sich heiss-kalt verhielt, weil sie die emotionale Intensität genoss – und zwar für eine Nacht. Ein schräges Verhalten, das scheinbar immer mehr Menschen an den Tag legen. Es hat jetzt sogar einen Namen: «Mosting».

Das neue Unding unserer Dating-Kultur verbindet zwei Hässlichkeiten: «Love Bombing» und «Ghosting». Es wird die grosse Liebe vorgetäuscht – dann zischt man ab. Wer jetzt denkt: «Klar, so haben sich Männer schon immer verhalten, um Frauen ins Bett zu kriegen» – der hat’s nicht verstanden. Vielmehr geht es beim «Mosting» darum, dass bindungsunfähige Menschen ihr Bedürfnis nach Liebe missbräuchlich und in hochkonzentrierter Form an jemandem ausleben, um sich lebendig zu fühlen. Weil sich die Kinder von Instagram halt oft selbst am meisten lieben, macht man dann aber rasch wieder den Abgang, blockt die Person ab, um sich ja nicht mit komplexeren Gefühlen und einer anderen Person tiefer auseinandersetzen zu müssen.

Was nicht heisst, dass man nun in jedem Menschen, der «Ich liebe dich» sagt, gleich den Wolf im Schafspelz wittern muss. Aber fallen solche Sätze schon in der ersten Woche, darf einen das stutzig machen.

Dieser Text erschien am 17.05.2018 in DIE WELTWOCHE





Selfie-Liebe


Mein Trainingspartner ist verletzt: «Was für ein Mensch geht mit seinem Partner in eine coole, schöne Bar – und macht dann Selfies von sich, ohne ihn?», fragt er fassungslos zwischen zwei Sets. David ist seit einer Weile fest liiert. Aber von Tag eins an war da auch der Impuls, sich schleunigst wieder zu befreien – wie immer. Diesmal aber ist eine Sache anders: Er hat die Frau gern, wirklich. Trotzdem gelingt es ihm nicht, sich auf sie einzulassen. Was auch ein bisschen daran liegen mag, wie er im Allgemeinen auf das weibliche Geschlecht blickt.

Davids Ansicht nach «heischen» Frauen dauernd nach Aufmerksamkeit. Für ihn sind wir im Prinzip kleine, narzisstische Ungeheuer. Und mit schlafwandlerischer Treffsicherheit lacht er sich stets Frauen an, die seine These illustrieren. Eine von ihnen änderte alle fünf Minuten ihr Whatsapp-Profilbild. Eine andere schickte in den unnachvollziehbarsten Momenten Nackt-Selfies, etwa vormittags, wenn David gerade einen Kundentermin hatte. Beachtlich war auch die Tante, die ihm gefühlt hundert Sprachnachrichten pro Tag schickte und bei Nichtbeachtung anfing, sich immer extremere Geschichten auszudenken («David! Ich glaube ich verblute! Ruf mich sofort an, wenn du das hörst!?!») David will nicht der abrufbereite Statist in der Seifenoper einer Frau sein.

«Okay, das mit den Selfies ist komisch», versuche ich zu vermitteln. «Aber sie hat dann schon noch Bilder von euch zusammen gemacht?» David bejaht. Er habe sie in eine seiner Lieblingsbars geführt, und es gefiel ihr dort. Dann machte sie Fotos vom Interieur, von sich selbst, und schliesslich noch Paarfotos. «Aber mich hat sie nur mit ins Bild genommen, weil sie meinen entsetzten Blick nach ihren Selfies bemerkt hat», murrt er. «Alles in allem klingt es aber eigentlich nicht sooo schlimm», wiegle ich ab. «Was regt dich so auf?» –»Sie ist einfach wahnsinnig selbstverliebt!», entfährt es David mit einigem Dampf. «Kann man überhaupt einen anderen Menschen lieben, wenn man dermassen auf sich selbst fokussiert ist?»

Eine gute Frage, ein bisschen die Frage unserer Gegenwart. Läuft im Zeitalter der Selfies und der absolutistischen Individualität nicht jeder von uns Gefahr, zum Narzissten zu verkommen? Heischen wir nicht alle nach Aufmerksamkeit, wenn nicht auf Whatsapp, dann auf Instagram? Und wer hat denn noch so richtig Bock drauf, sich zu binden – und damit ein Stück weit von sich selbst abzurücken? Ich erinnere mich daran, dass David und seine Freundin eine Weile kaum Sex hatten, weil er zu oft anderen Frauen hinterherschaute. Jetzt hat er Angst, seine Freundin könnte sich selbst am nächsten stehen, sich ihm nicht genug verbunden fühlen. Oft regt man sich bei anderen über das auf, was einem selbst nicht gelingt.

Dieser Text erschien am 09.05.2018 in DIE WELTWOCHE





Gestempelt


Maxim hat eine neue Erklärung: Der Weltuntergang muss sich ereignet haben, als er Joana am Morgen danach kurz allein liess. «Davor war alles super süss – aber dann war sie eiskalt», erklärt er mir. Die Sache hängt ihm nach. Erstmals seit Jahren hat er eine Frau getroffen, in die er sich verknallte, von jetzt auf gleich. Sie verbrachten eine Nacht zusammen, redeten über Gott und die Welt, kamen sich nah, nicht nur körperlich. «Ich war mir sicher, dass sie es auch fühlt!», sagt er. Danach aber gab sie ihm den Laufpass.

Maxim liefert seit Wochen diverse Theorien. Jetzt glaubt er, dass Joana aufgewacht sei, während er das Frühstück machte. «Und dann hat sie die Kolumnen über mich gegoogelt, bekam Angst und hielt mich für einen Scheisskerl!» – «Woher soll sie denn bitte davon wissen? Wir haben ja deinen Namen geändert», frage ich meinen Cousin. «Weil ich’s ihr erzählt hab», sagt er betreten. «In der ersten Nacht?», frage ich entgeistert. Dass eine coole Frau keine Lust hat, sich emotional auf einen Aufreisser einzulassen, ist klar. Wie konnte er so blöd sein? «Na ja, sie hat mich halt gefragt, ob ich das öfter mache, Frauen sofort mit nach Hause nehmen», sagt er. «Und da ich schon verknallt war, habe ich ihr von der Kolumne erzählt.»

Das mit der Wahrheit ist so eine Sache. Wie viel davon erträgt der Mensch, gerade am Anfang? Hinzu kommt, dass es diese schwierige Phase gibt, wenn man jung ist: Die Albernheiten nehmen ab, man strebt nicht mehr so nach Coolness. Das schnelle Vergnügen wird schal, privat sucht man Festigung. Verkompliziert wird der Prozess, wenn die Vergangenheit dumm in die Gegenwart hineinfunkt.

Mir fällt eine Freundin ein, die immer die Rebellin sein musste. Schon als Teenager liess sie sich einen waschechten Schlampenstempel stechen: ein Tribal-Tattoo knapp über dem Gesäss. Heute promoviert sie in Physik, trinkt kaum Alkohol, härteren Drogen hat sie längst entsagt. Doch die bebrillten Doktoren, in die sie sich heute an Wandersonntagen verliebt, entdecken in der ersten Nacht das Schandmal der Vergangenheit in leicht verlaufener Tinte auf ihrem Rücken. Dann kommen die Fragen. Mittlerweile hat sie einen Trick: die ersten zehn Mal konsequent in der Missionarsstellung verharren. Die Typen drehen durch bei dem Versuch, sie zwecks Stellungswechsels umzudrehen, sie bleibt liegen wie ein Hinkelstein – bis sie das sichere Gefühl hat, der Mann sei wirklich bereit für ihre Kehrseite.

Kein Mensch geht ganz auf in der coolen Pose, die er in jungen Jahren stilisiert. Maxim zum Beispiel ist kein muskelbepackter Aufreisser-Spassvogel. Er ist klug, ein guter Zuhörer und ein loyaler Freund. Kurzum: einer der besten, die ich kenne. Im Umgang mit seiner Womanizer-Vergangenheit muss er nur noch seinen Hinkelstein finden.

Dieser Text erschien am 03.05.2018 in DIE WELTWOCHE





Markenkompatibel


Jonathan, der auf Instagram Jay7 heisst, schaut sich um in Célines Wohnung. Er fixiert den Beistelltisch. Weiss und gefällig – wie Céline, quasi. Sie wohnt in einem Neubau, das passt. Fast die komplette Einrichtung hat sie vom Edel-Tussi-Versandhandel Westwing. Hier sieht’s aus wie in einer Ausgabe von Schöner Wohnen. Bei Westwing kaufen Frauen, die vom Land in die Stadt gezogen sind und jetzt halbwegs gutes Geld machen. Pseudo-urbane Frauen, Mädchen von der Stange, cool nach David-Guetta-Standards, aber ohne Indie-Qualitäten. Landeier, die in ihrer Freizeit heimlich den Pop- Radiosender aus der Region hören, aus der sie kommen.

Manchmal fragt er sich, ob seinen Freunden auffällt, wie gewöhnlich Céline ist. Sie ist nett. Und echt. Aber nicht auf die coole Art, wie sie auf Instagram wirkt. Sie ist einfach sie selbst – und so banal dabei. Plötzlich fühlt sich Jonathan hasenherzig. Warum noch mal will er mit dieser Frau zusammenziehen? Er schaut sie an. Ja, er mag ihr knuffiges Mädchengesicht. Nicht ungetrübt, es ist ihm ein bisschen zu gesund. Aber er mag es. Also ringt er sich ein Lächeln ab, zumindest ein halbes.

Céline lässt Jonathans schiefes Lächeln auf sich wirken – wieder rutscht ihr das Herz in die Hose. Sie kann diesen Mann lesen wie ein Magazin. Ein Magazin, in dem oft dumme Sachen stehen. Er hatte vor Wochen vorgeschlagen, dass sie zusammenziehen. Neulich hat sie ihn gefragt, was denn nun sei – tun sie’s oder nicht? Da meinte er zaghaft, er habe Bedenken. Zum Beispiel, dass sie einen «leicht unterschiedlichen Einrichtungsgeschmack» hätten.

Céline hat jetzt auch Bedenken. Sie fragt sich, wie ein Mensch, der tiefgründig sein will, so oberflächlich sein kann. Neulich postete er auf Instagram: «Ich habe in meinem Leben Fehler gemacht. Aber wenigstens nie ein H&M-Teil getragen.» Dazu trug er ein Shirt mit Bügeleisen-Print, das ein erfolgloser Jungdesigner entworfen hatte. Jonathans komische Bubble gab ihm dafür mehr als hundert Herzchen. Die Indie-Musik, die er hört, ist emotional so unausgegoren, dass sich Céline jedes Mal einen Whitney-Houston-Song reinziehen muss, sobald sie heimkommt: Hauptsache, irgendwas mit klaren Gefühlen. Natürlich wohnt Jonathan in einem schäbigen Altbau im Kreis 4. Allein das wäre ein Trennungsgrund. Da drin ist es selbst im Sommer kalt. Und Céline ist häufiger krank, seit sie zusammen sind.

Wie eine Ausländerin, die in der Diaspora übertriebenen Nationalstolz entwickelt, fühlt Céline in dieser neurotisch-urbanen Beziehung eine Bäuerlichkeit in sich aufsteigen, die vorher undenkbar war. Im Moment etwa, da würde sie am liebsten den dicken Art-déco-Bildband von ihrem Beistelltisch nehmen. Und Jonathan über den Kopf ziehen

Dieser Text erschien am 26.04.2018 in DIE WELTWOCHE





Pussy Pain


Partnersuche ist kein Spaziergang, und Männerhass macht’s für Frauen nicht leichter. Lea hat miese Laune, gerne würde sie eine Flasche Crémant leeren. Dazu eine von den gefrorenen Zimtrollen in den Backofen schieben, oder drei. Kann sie ja machen, sie lebt doch alleine. Lea schaut auf den pinkfarbenen Pussyhat, der auf der Couch liegt, und zieht eine Schnute.

Als sie Anfang letzten Jahres dieses Demonstrantinnenmeer im Fernsehen sah, ergriff sie Sehnsucht. Kurz darauf war sie auch Feministin und fand Freundinnen, endlich. Als Pflegerin steht sie im Spital auf unterster Stufe. Aber sie wird mutiger. Neulich stand ein Arzt hinter Miriam, Leas Kollegin, und er sagte: «Dieser Anblick versüsst mir die Tage, Frau Hiller.» Er meinte Miriams Hintern. Lea meldete den Vorfall der Personalabteilung. Seither hat sich der geile Bock nicht mehr im Schwesternzimmer blicken lassen. Aber Miriam redet auch nicht mehr mit ihr. Und Lea hat weitere Probleme. Auf Tinder etwa verstehen viele ihre Selbstbeschreibung «Pussy Power» nicht, obwohl sie auf dem Profilbild ihren Pussyhat trägt – ganz schelmisch lächelt sie darunter hervor, und sie hat sich von oben fotografiert, was schlank und sexy wirkt. Einer schrieb zurück, das treffe sich gut, er verfüge über viel «Dick Power» und stelle das gegenüber ihrer Pussy gerne unter Beweis. Ein anderer meinte, er finde kräftige Muschis toll – ob sie mit ihrer denn Nüsse knacken könne?

Neulich war Lea in der Buchhandlung. Sie wollte am Vaginen-Tisch ein paar weitere Exemplare von «Viva la Vagina!» besorgen, das perfekte Geschenk für jeden Anlass, da sah sie einen süssen Typen. Er blätterte in ihrem Lieblingsbuch, und sie dachte: «Wow!» Aber dann drehte sich der Typ zu seinem Kumpel: «Meinst du, wenn ich diese Gebrauchsanweisung für Pussys lese, hilft mir das beim Aufreissen?» Schweinisch, es bedrückte Lea. Jeder Mann ein Täter. Feminismus und Männerhass, das ist nicht dasselbe, aber bei Lea schon. Selbst in guten Beziehungen erkennt sie Anzeichen von Sexismus. Sie erträgt Männer nicht mehr. Vor kurzem nahm sie Drogen mit Freundinnen im Klub und hatte dann die Wahnvorstellung, einer der Barkeeper wolle sie im Haus festhalten und zu seiner Sex-und Kochsklavin machen. «Beruhig dich, Mädchen. Ich steh nicht mal auf dich», meinte er. Und er fragte, in welcher Parallelwelt sie lebe.

Das fragt sich Lea in letzter Zeit auch manchmal. Macht ihr Feminismus sie einsam? Aber was wäre die Alternative? Auch wenn sie ihn ablegte, wären die Männer ja noch Schweine. Vielleicht ist sie zu sensibel, nimmt die Sache viel zu ernst? Andere Feministinnen führen schliesslich Liebesbeziehungen. Vielleicht sind die hübscher? Lea seufzt. Dann steht sie auf und schiebt drei Zimtrollen in den Ofen.

Dieser Text erschien am 19.04.2018 in DIE WELTWOCHE





Rechthaberin


«Ich find’s schwierig, wenn ich auf Dinge reagieren muss, die nur in deinem Kopf sind», sagt Ben – obwohl er weiss: Reden oder schweigen, das ist egal. Sophie hat recht. Sie hat immer recht. Und wenn sie nicht recht hat, streiten sie so lange, bis er mürbe ist. Dann bricht sein Kopf entzwei wie eine leere Kokosnuss, Sophies milchig-trübe «Wahrheit» sickert hinein. Ein Zustand totaler Erschöpfung, in dem er die Welt mit ihren Augen sieht. Es ergibt dann sogar Sinn, was sie sagt, irgendwie. Der andere Weg zum Frieden ist die Selbstverleugnung. Manchmal sagt Ben: «Es ist gut, du hast recht», dabei denkt er: «Schwachsinn! Lass mich einfach nur in Ruhe.» Gar nichts ist gut. Über eine andere Frau würde er sagen: «Furie! Gefährliche Irre. Lass bloss die Finger weg von der, die macht dich krank. Immer streiten. In dieser totalen, hemmungslosen Unvernunft.» Aber Sophie ist doch Bens Schatz. Er würde so nicht von ihr reden. Als ihm ein Freund neulich schuldbewusst erzählte, ihm sei im Streit mit seiner Frau einmal die Hand ausgerutscht, dachte Ben, das könnte ihm nie passieren. Eine Frau schlagen, die schwächer ist, das ist Verrat an der eigenen Menschlichkeit. Wobei sich Ben schon auch fragt, was Sophie mit seiner Menschlichkeit macht, wenn sie ihn verteufelt. Es tut ihm weh, zu sehen, wie sie sich reinsteigert und jedes Mass verliert. Wie sie ihn anschaut mit diesen schmerzverzerrten Augen, als stehe der Leibhaftige vor ihr. Sie fühlt sich verraten, ständig. Weil er vergessen hat, etwas aus der Apotheke zu holen. Weil er abends nach zwölf Stunden im Büro manchmal so abgekämpft ist, dass ihm der Nerv fehlt, sich ohne Punkt und Komma ihre peinlich genauen Schilderungen der undankbaren Kundschaft im Blumenladen anzuhören. Oder sie fühlt sich mies behandelt, weil er ihr Essen nicht mag, und er gebe es nicht mal zu, sagt sie – dabei liebt er ihr Essen. Er vergisst nur manchmal, sie dafür zu loben. Dann dreht sie durch. Über Stunden sind beide unrettbar verloren, zwei Schiffbrüchige im Meer ihrer tosenden Emotionen. Sie ist dann nicht niedlich und nicht handhabbar. Sie hat dann nichts gemein mit den schönen Frauen im Film, die Teller werfen und am Ende in die Arme des Mannes fallen, Versöhnungskuss. Nein, er kann Sophie dann nicht küssen. Das sind die unerotischsten Momente überhaupt. Aber irgendwann ist sie fertig. Und weint. Liegt im Bett wie ein kleines, krankes Mädchen. Sagt, sie kann nicht mehr: Es ist alles zu viel. Dann kauert sie sich zusammen, und Ben nimmt sie in den Arm, ist das grosse Löffelchen. Das Haus, das sie bauen, ist bald fertig. Sophie will dann schnell Kinder kriegen. Manchmal, wenn Ben das grosse Löffelchen ist, wird ihm bange. Was, wenn die Kinder nicht immer brav sind und Sophie reizen, was macht sie dann?

Dieser Text erschien am 12.04.2018 in DIE WELTWOCHE





Eifersüchtig? Er?


Cédric muss nur auf Whatsapp gehen, sehen, dass Marla online ist, schon bringt ihn das Wissen um ihre schiere Existenz in unter fünf Sekunden dazu, mit ihr schlafen zu wollen. Er sitzt in einer anderen Zeitzone, hat den ganzen Tag nicht ihre Sprache gesprochen. Doch jetzt, so gleichzeitig auf Whatsapp, fühlt es sich an, als synchronisierten sich ihre Herzen. Viel länger als fünf Sekunden vermag das gute Gefühl nicht zu bleiben. Schon weicht es einem anderen. Warum schreibt sie ihm nicht? Sie ist doch online. Wem zum Teufel schreibt sie?

Seit einem Jahr kennen sie sich. Sie begegneten einander auf der Hochzeit ihrer Schwester. Ihm war schon ernst ums Herz, bevor er Marla das erste Mal küsste. Diese Beschwipste in einem Kleid aus flüssiger Seide, tanzend auf der Hochzeit ihrer Schwester, Blümchen im Haar – er hatte sich das angesehen und gedacht: «Der reinste Kitsch.» Cool wollte er bleiben, nicht gleich emotional werden. Aber es war Liebe, schnell – neben einem Gefühl der Unausweichlichkeit, das einen fast physischen Schmerz verursachte: Er war ihr ausgeliefert, aus eigener Kraft gab’s kein Entkommen. Marla hat sich in der Beziehung verändert. Trotzdem schockiert sie ihn noch, in Momenten ist er zutiefst verzaubert. Wahr ist aber auch, dass er sie längst hasst.

Auf der anderen Erdhälfte vibriert Marlas Handy. Sie denkt an Cédric – und freut sich nur bedingt. Fast ängstlich geht sie zurück auf Whatsapp, wo sie gerade noch ihrer Mutter eine Frage zum Umtopfen von Pflanzen gestellt hat. Tatsächlich, Post von Cédric. Marla liest – oh Gott. Sie wirft das Handy neben sich auf die Couch. Ihr Magen reagiert gereizt. Woher kommt das jetzt wieder, dieser giftige Tonfall? Dabei ist Cédric ja nicht eifersüchtig, sagt er, kein bisschen sogar, es entspreche einfach nicht seinem Wesen.

Eigenartig, wie sich die Männerwelt an der Eifersuchtsfrage scheidet, denkt Marla zynisch. Die eine Fraktion, klar, die ist eifersüchtig. Die macht komische Sachen mit Frauen, verbietet ihnen vieles. Aber bei uns? Da gibt es keine eifersüchtigen Männer, Eifersucht ist nur etwas für Ehrenmörder – und für Frauen! Aber hallo, die sind doch alle eifersüchtig. Immer wieder lustig, die irrsten Eifersuchtsgeschichten von Frauen, auf Platz eins diese amerikanische Astronautin, die in Windeln von Houston nach Orlando fuhr, um die Geliebte ihres Freundes zu töten. Aber Männer im Westen, die sind definitiv nicht eifersüchtig, man muss sie nur fragen. Trotzdem hat Marla versucht, Cédric keinen Grund zur Eifersucht zu geben. Sie kleidet sich nicht mehr sexy. Strahlt nicht mehr so. Und fragt sich, wie lange es noch dauert, bis auch diese Beziehung an etwas zerbricht, was seiner Meinung nach nicht im Geringsten, aber wirklich kein bisschen, existiert.

Dieser Text erschien am 05.04.2018 in DIE WELTWOCHE





Bumerang


Es war einer der ersten Frühlingstage, warm genug für den Park mit Bier und Lederjacke. Und dort stiess Maxim, mein Cousin, auf Joana – sie alberte mit Freundinnen herum – , die hatte Sommersprossen und wildes Haar in leichten Locken, Haare mit rötlichem Einschlag, eine Räubertochter, und wenn sie lachte, klang es dreckig. Durchs paarungswillige Hirn schoss Maxim sofort ein Gedanke: «Mit der will ich Whisky trinken.» Wenig später, nachdem er ihr dreckiges Lachen für seine Witze gewonnen hatte, machten sie genau das. Sie tranken einen Whisky, in der Bar unweit vom Park, auch Joanas Freundinnen und Maxims Kumpel waren am Start.

Es wurde lustig. Sie tranken noch einen. Und noch einen . . . Irgendwann gingen die andern, und Joana fiel – wegen des Whiskys, aber auch wegen Maxims Gelaber – vor Lachen fast vom Hocker, rückwärts. Mit gutem Reflex griff Maxim ihr in den Rücken, grinste sie an, gab ihr Halt. Joana sah ihm in die Augen – und wurde still. So kam es, dass die zwei dort endeten, wo Maxim die Frauen meist gewinnt: im Bett. Man muss wissen, dass Maxim, der alte Aufreisser, seit einiger Zeit nach Liebe sucht. So über dreissig meint er es nun ernst – und stellt fest, dass dieser Ansatz, der seriöse, schwieriger zu verwirklichen ist als das x-beliebige Hirn-Rausvögeln. Zuletzt fasste er Zuneigung zu einer Alleinerziehenden, wir alle drückten die Daumen – aber es wurde schnell zu kompliziert.

Dann kam Joana. Als Maxim am Morgen erwachte und sah, wie sich ihr langer Rotschopf über sein Kissen ergoss, da fühlte er viele kleine Stiche. Fuck, was war sie schön! Und so tat Maxim nicht das, was er oft tat – einen Freund anrufen, laut labern, bis sie aufwacht und das Gefühl kriegt, nicht länger erwünscht zu sein –, nein: Maxim schälte sich leise und behutsam aus dem Bett, ging in die Küche, machte Kaffee, und ja, verdammt: Er machte Pancakes und gab Beeren und Ahornsirup dazu.

Als Joana vom Geruch erwachte – Maxim hielt ihr den Teller unter die Nase –, wirkte sie irritiert. Er wollte sie küssen, sie wich aus, hustete, sagte «hi» und «danke», ass brav auf, ging dann überraschend schnell. Sie habe viel zu tun. Maxim fragte sich, was das wohl sei, an einem Sonntag. Und schon bald schrieb er ihr – aber sie antwortete nicht. Bis dann doch die Kunde kam: «Hey Maxim, das war echt schön mit dir, aber ich will dich nicht näher kennenlernen. Danke, und sorry, J.»

Maxim war baff. Ihm wurde schlecht. «Ist das krass», dachte er. Und: «Jetzt merke ich mal, wie das ist, auf der anderen Seite.» Ihn hatte es gepackt – sie aber nicht, offenbar. Wie ein Mädchen blieb Maxim zurück. Ob sie wohl andere Gründe hatte? Ihn eben doch toll fand, aber zu verkorkst war? «Die lügt doch!», sagte er trotzig zu sich. Er trank ein Bier. Dann fand er Schokolade und ass die ganze Tafel.

Dieser Text erschien am 29.03.2018 in DIE WELTWOCHE





Falsche Feministen


Du brauchst mir deine Hände nicht zu geben», rezitiert Céline ein Gedicht. Dramatische Pause, sie zieht an ihrer Zigarette, lässt den Rauch durch die Lippen wabern und fährt fort: «Ich halt’ mich selber, komm’ halt du dagegen. Ich will nur einen kleinen Platz in deiner Welt, und manchmal einen Stern, der auf uns fällt.»

Sie hat schon Beknackteres von sich gegeben, diese Zeilen sind . . . «von Annette Berr – schön, nicht?», applaudiert Céline sich selbst zu. Immer ihrer Wirkung bewusst, da begegnet sie ihrem Freund, dem Instagrammer Jay7, auf jeden Fall auf Augenhöhe. Céline wirkt zufriedener als letztes Mal. Das mag an der Crêpe mit Zimt und Zucker in ihrer Hand liegen. Vielleicht aber auch daran, dass ihr heikles Projekt, das Führen einer feministischen Beziehung, offenbar in die Gänge kommt.

«Ich habe gestern meine Tage bekommen», sagt sie, «und bisher haben wir jedes Mal am ersten Tag meiner Periode, oder kurz vorher, gestritten.» Sie sei nicht stolz darauf, und ja, sie frage sich auch manchmal, ob ihre hormonell bedingte Zickigkeit nicht allzu gut dem patriarchalen Klischee von der menstruierenden Frau entspreche. «Aber ich sage mir dann, dass ich eben sensibler und tiefgründiger werde, wenn ich blute, und dann nur Unstimmigkeiten wahrnehme, die ja eh da sind . . .»

Lange Rede, kurzer Sinn: Dieses Mal hätten sie nicht gezofft, Premiere! «Gratuliere», sage ich. «Ja, ist toll, nicht?», meint Céline. Es sei ein Zeichen dafür, dass ihre feministische Liebe langsam funktioniere.

Lange hat sie gelitten, trotz Verliebtheit. Dass sie den ersten Schritt machte, erschien ihr unweiblich und nagte an ihr. Ausserdem richtete sich Jay7 in seinem eigenen Bekenntnis zum Feminismus teilweise wie ein fauler Pascha ein. «Starke Frauen vor!», lautete seine Devise – was oft hiess, dass Céline jede Entscheidung treffen musste, vom Restaurant für den Abend bis zum nächsten Ferienziel. Er wolle nicht über sie bestimmen, hiess es, wenn sie mehr Engagement seinerseits forderte. «Aber das ist passé!», verkündet Céline heiter – und ich bin gespannt, wie das sein kann.

«Ich habe umgedacht», erklärt sie. So finde sie es jetzt eben cool, dass sie Jay7 aufgerissen habe und nicht umgekehrt. «Ich bin halt das Aschenbrödel, das den Prinzen stalkt, nicht das verpennte Dornröschen, das auf Erlösung wartet.» Und ihr Fake-Feminist, hat der auch umgedacht? «Totaaal!», sagt Céline sehr überzeugt. «Er ist jetzt sogar extreeem initiativ! Er hat mich sogar gefragt, ob wir zusammenziehen!» Da muss ich lachen. Einerseits, weil ich mich für sie freue, aber auch wegen des Bildes in meinem Kopf: Jay7, faul auf der Couch, während seine Feministin für ihn kocht und putzt und wäscht. Dieses Projekt, es wird gerade interessant.

Dieser Text erschien am 22.03.2018 in DIE WELTWOCHE





Frühlingsstress


Auch wenn Sie dieser dreckige Winter mit seinen Superviren noch ans Bett gefesselt hält wie eine gnadenlose Domina oder wenn Sie, wie ich, endlos verschnupft im Büro sitzen und sich fragen, wann Sie seitwärts vom Stuhl kippen: Es ist so weit. Nicht das Umkippen, der Frühling! Sonne, erste Blumen und Vogelgezwitscher: Er ist da. Womit auch die Flirtsaison eröffnet wäre. Was jetzt?

Wir Frauen klauben panisch unser Geld, das Gold und die Bitcoins zusammen und verstecken alles im Keller. Dann kommen wir wieder hoch – und lächeln, lächeln unser schönstes Lächeln! Denn zwei Dinge über Männer haben wir besonders verinnerlicht: Zu viel messbare Karriere verschreckt sie. Und: Sie mögen uns lieber fröhlich. Derweil stehen die Herren der Schöpfung vor dem Spiegel und üben das Erzählen ihrer Berufsgeschichte, und zwar so, dass sie nach dreimal mehr klingt. Am Ende macht Mann ein Gesicht wie Ryan Gosling: die Stirn schmissig in Falten werfen, dazu ernste Augen. Weil: Darauf stehen Frauen. Siehe Ryan Gosling.

Haben wir den genderspezifischen Teil unserer Hausaufgaben erledigt, erwartet uns alle dieselbe Pflicht: Ein neues Bild muss her, fürs Online-Dating. Dazu ziehen wir uns Sportsachen an, steigen auf ein Velo oder einen Berg und machen ein Selfie. Hauptsache, wir wirken sportlich. Zu-zweit.ch, ein Vergleichsportal für Online-Dating, hat vor kurzem Millionen Profilbilder von Schweizern ausgewertet. Besonders gerne zeigten sich die Schweizer – Männer wie Frauen – beim Sport.

Nur: Wie viele Menschen kennen Sie eigentlich, die sich tatsächlich über ihre Sportlichkeit definieren?

Es ist ein altes, leidvolles Lied, dass der Mensch glaubt, er müsse für die Liebe ein anderer sein, als er ist. Frauen machen sich kleiner – wozu? Er wird ihre wahre Grösse früher oder später ohnehin erkennen, und ist er blöd, dann geht er. Bei Männern durchschauen Frauen ohnehin jede Lüge, egal, wie kunstvoll sie ist. Man täte besser daran, gleich auf Menschen zu zielen, die einen so nehmen, wie man ist. Klar schaut man sportlichen, dynamischen Menschen mit guten Körpern hinterher. Aber verliebt man sich in sie?

Die wenigsten haben doch einen «Typ», auf den sie stehen. Wenn ich schaue, welche Männer mir unter die Haut gingen, dann war vom zierlichen Mathe-Nerd über die charmante Sportskanone bis zum sexy Schöngeist alles vertreten. Was aber jeder hatte, war ein Zauber. Etwas Eigenes, das mir neu war. Eine Färbung in der Stimme, ein Gespür in den Händen, ein Geruch, der Schmetterlinge macht, oder eine Art, über Bücher zu reden, die mitreisst. Etwas, was sich nicht trainieren lässt. Etwas, was aber von selbst zur Geltung kommt, vor allem, wenn man sich einfach entspannt.

Dieser Text erschien am 15.03.2018 in DIE WELTWOCHE





Mit 66 Jahren


Man hat da diesen Moment zwischen Schock und Überraschung, wenn man erfährt, dass die eigene Mutter besseren Sex hat als man selbst. Wobei meine Mutter, dieses 64-jährige Hottie mit den verruchten Kurven, streng genommen noch zwei Jahre warten muss auf den Gipfel ihrer Lust: Den haben Frauen laut einer neuen Umfrage unter 5000 Amerikanern nämlich durchschnittlich erst im Alter von 66 Jahren. Welch Prophet Udo Jürgens doch war. Trotzdem muss mir das bitte mal jemand erklären.

Die Sextherapeutin Vanessa Marin betreibt die «Finishing School», eine digitale Orgasmus-Werkstatt für Frauen, und sie weiss den Grund für das lüsterne Leben unserer Mütter: «Jüngere Leute denken viel zu viel darüber nach, wie sie aussehen. Das legt sich mit der Zeit.» Als Teenager seien Frauen am unsichersten, was ihr Aussehen betrifft. Zwischen ihren 20ern und 30ern entspannten sie sich langsam – und würden dann immer lockerer. Psychologen weisen gerne darauf hin, dass Frauen mit zunehmendem Alter auf gute Weise selbstsüchtiger und fordernder würden – spätestens, wenn etwaige Kinder aus dem Haus sind, holten sie sich angeblich den Spass zurück.

Wussten Sie, dass der erfolgreichste Suchbegriff auf Porno-Websites in vielen Ländern «Mom» ist? Dicht gefolgt von der Stiefschwester, aber dann kommt auch schon bald die «Granny». Heisst: Die älteren Semester sind nicht nur triebhaft, sie werden auch von der versammelten masturbierenden Männerwelt als zweckdienlich empfunden.

Die Sache mit dem Alter und den Frauen ist wunderlich. Heutzutage gelten Frauen bis zu den Wechseljahren als attraktiv. Dann kommt diese ominöse Katastrophe namens Menopause, in der Frauen zu «Frauen mittleren Alters» werden und vorübergehend aufhören zu existieren. Nach allem, was man so hört, ist es eine Zeit hormoneller Maximalverwirrung, in welcher bei vielen Frauen der plötzlich reptilienartig wechselwarme Körper zum Fremdkörper wird, dessen Alter man am besten verschweigt. Die «Frau mittleren Alters» wird verlassen. Oftmals von ihrer Libido (Testosterontherapien sollen helfen), aber auch von den Kindern, vereinzelt vom Ehemann. Letzteres ist zumindest Sex-statistisch gesehen ein Glück: Denn hat die Frau ihre Menopause überwunden, steigt sie offenbar wie Phönix aus der Asche, und die besten Orgasmen haben dann Single-Frauen Mitte sechzig. So gesehen hat die TV-Autorin Güzin Kar (frühere Weltwoche-Kolumnistin) mit ihrer Figur der alten Nymphomanin in der neuen SRF-Serie «Seitentriebe» vom Leben abgeschrieben. Sind wir Frauen also doch keine Schrumpelrosinen, sondern guter Wein, der im Alter besser wird? Zumindest weiss ich, was ich eines Tages meiner ersten bleibenden Falte erzähle.

Dieser Text erschien am 07.03.2018 in DIE WELTWOCHE





Halbe Menschen


Neulich war ich mit einer Freundin frühstücken. Beziehungsweise: Ich wäre gerne mit ihr frühstücken gegangen. Aber seit sie einen Freund hat, sind die beiden nur noch im Doppel erhältlich. Also kam mir der betrunkene Aristophanes in den Sinn, wieder einmal, und ich wurde wütend.

Kennen Sie das Märchen vom Kugelmenschen? Das hat sich Aristophanes beim Symposion, dem Stammtisch der Antike, ausgedacht. Es war einmal zu einer Zeit, da hatten die Menschen vier Hände, vier Füsse und zwei Gesichter à zwei Ohren auf einem Kopf, den ein kreisrunder Hals trug. Klingt erst mal hässlich, geht aber darum, dass diese Monster stark waren. Sie waren regelrechte Übermenschen, die es mit den Göttern aufnehmen konnten. Um den Aufstand der Vierfüssler zu verhindern, spaltete Zeus diese entzwei. Danach wuselten sie auf zwei Beinen in die Welt hinaus. Und suchten den Rest ihres Lebens nach ihrer besseren Hälfte.

Wenn man sich jetzt – anders als Aristophanes – nicht gerade komplett mit griechischem Wein abgeschossen hat, werden zwei Dinge schnell klar. Erstens: Die halben Menschen, das sind wir. Erst durch Paarung werden wir heil und ganz. Das meinte zumindest Aristophanes. Und zweitens: Das Märchen vom Kugelmenschen ist durch und durch behämmert. Das wusste selbst Aristophanes, zumindest am Tag nach dem Besäufnis, als er wieder genügend Distanz zu sich hatte, um sein Stammtisch-Gefasel wenigstens nicht auf Papyrus festzuhalten. Ein ordentlicher Kater hilft ja manchmal bei der Selbsteinschätzung. Leider war da aber noch Saufkumpel Platon, der nach seinem Hit mit dem Höhlengleichnis dringend mal wieder einen Bestseller landen wollte. Da er keine eigene Idee hatte, schrieb er die von Aristophanes auf.

Seither klebt die blöde Geschichte am Abendland wie ein charakterloser Mitläufer, der nur Ärger macht. Zwei sind besser als einer, und Singles sind halbe Menschen: So lautet bis heute einer der grossen Mythen, die unserer Vorstellung von Liebe zugrunde liegen. Und das nur, weil sich am Ende alles verkaufte, was Platon schrieb.

Da sass ich also vor meiner Freundin und ihrer «besseren Hälfte» in diesem Frühstückscafé, während die zwei als entschiedener Vierfüssler eine geteilte Ferienerinnerung erzählten, sich dabei die Bälle zuspielten – und natürlich die Pointe vergassen. Vierbeinig tanzt es sich halt schwerer als auf zwei leichten Füssen.

Haben Sie auch schon einen Freund oder eine Freundin ans Pärchensein verloren? Jemanden, der total lustig war, jetzt aber auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner mit dem Partner vor sich hin vegetiert? In der Liebe versagt sie oft, die Mathematik: Eins und eins macht dann nicht zwei, sondern nur zwei halbe Menschen.

Dieser Text erschien am 01.03.2018 in DIE WELTWOCHE





Der kleine Betrug


Untreue – was heisst das? Wenn man mit jemandem schläft, der nicht der eigene Partner ist? Ja, klar, sofern Sie keine offene Beziehung haben. Aber was ist, wenn er «nur» mit einer anderen tanzt, auf einer Party, und dann fasst er sie an oder küsst sie? Und wie muss man das bewerten, wenn sie nach einem Streit einen männlichen Kollegen anruft, Wein mit ihm trinkt, sich anlehnt und sich bergen lässt? Manche Frauen finden ja, das Ansehen von Pornos sei Betrug. Und dann gibt es Männer, die werden schon eifersüchtig, wenn sie für einen Filmstar schwärmt. Darf man das Flirten im Alltag als Wachmacher nutzen? Und sollte es dem eigenen Herzen nicht erlaubt sein, mal ein wenig auszuflattern? Ohne Körperkontakt ist das doch unschuldig. Oder?

Man könnte tagelang so weiterfragen. Wenn ein Thema so viele Fragen aufwirft, lässt sich davon ausgehen: Einfache Antworten gibt es nicht. Die Grauzone der Untreue hat übrigens seit neustem einen Namen: Micro-Cheating.

Der Ausdruck stammt von der australischen Psychologin Melanie Schilling. Sie erklärt: «Micro-Cheating bezeichnet eine Reihe scheinbar harmloser Verhaltensweisen, die darauf schliessen lassen, dass eine Person sich emotional oder physisch zu jemandem ausserhalb der Beziehung hingezogen fühlt.»

Für diese Art von Mini-Betrug halten die sozialen Medien ganz neue Möglichkeiten bereit. Da scrollt man seinen Facebook-Account durch – und kommentiert die Profilbilder von ein paar «Hotties» aus dem Freundeskreis. Macht vielleicht noch ein Feuer-Emoji dazu. Oder man schreibt auf Whatsapp mit dem Ex. Laut Schilling ist es aber nicht einmal harmlos, mit engen Freunden des anderen Geschlechts Insider-Witze zu teilen, die der eigene Partner nicht versteht. Und da hört es irgendwie auf, nicht?

Was sind wir: Roboter? Wenn man den ganzen Tag seinen Humor kontrollieren muss und sich bei jedem Scherz überlegen soll, ob man zu viel Intimität herstellt – kann man dann überhaupt noch witzig sein? Kann man noch spontan sein, wenn man sich selbst ständig unter Beobachtung stellt? Und wenn wir nicht mehr spontan sein können, wer ist dann noch charmant? Ich will nicht charmefrei durchs Leben gehen. Und meine bessere Hälfte soll das auch nicht müssen. Die Roboter erobern uns noch früh genug mit ihrer blitzblanken, künstlichen Intelligenz. Vielleicht können wir bis dahin noch ein bisschen Mensch sein.

Der beste Weg, die Untreue – und vor allem ihre noch hässlichere Schwester, die Eifersucht – im Zaum zu halten, ist immer noch der alte: reden. Wer gar nicht versucht, eigene Grenzen zu ziehen, braucht sich nicht zu wundern, wenn der andere drüberstapft. Natürlich sollte der Partner Gedanken lesen können! In Wahrheit kann er das nur leider genauso schlecht wie man selbst.

Dieser Text erschien am 21.02.2018 in DIE WELTWOCHE





Doch nicht so geil


Love me like you do? Als wär’s so speziell: Er macht’s wie alle, nur teurer. Schablone: Diamantklunker, Hochzeit, Flittern in Paris. Und als sie heimkommt, ach ja, da hat sich parallel zum Liebesleben aus der Katalogwelt auch die Karriere prächtig entwickelt: «Sie sind befördert worden! Dabei waren Sie nicht einmal anwesend!»

Es läuft jetzt also «Fifty Shades Freed» – und da sass ich neben einer Freundin im Kino mit Popcorn und Bier. Die auf den Romanen von E. L. James beruhende Filmsaga für Frauen ist das, was «James Bond» für Männer ist. Beziehungsweise, was Bond war, bevor er eine weichere Seite bekam und auch Kinogängerinnen stärker interessierte. Im Kern aber ist und bleibt Bond natürlich Bond: eine durchgeknallte Angestelltenfantasie für Männer, die sich insgeheim – und wenn auch nur für die Dauer eines Kinoabends – in eine «Mad Men»-Fantasie der 1960er Jahre zurückwünschen. In diese halbimaginäre Zeit, in der Zuckerguss-Frauen sexuell gefügig am Herd standen und warteten, bis ihr Herr der Schöpfung nach Hause kam. In der Realität lief’s eher so: Den Männern schlief im Gespräch mit ihren naiven Heimchen das Gesicht ein, und sie suchten Erfrischung in der Untreue. Sie hatten sich Frauen nach ihrem Gusto kreiert – doch waren diese letztlich eine Enttäuschung. There’s only so much cake one can eat.

Auf der anderen Seite des Geschlechtergrabens ist das Sadomaso-Märchen «Fifty Shades»: die durchgeknallte Lifestyle-Fantasie für Frauen, die irgendwann im neuen Jahrtausend keine Lust mehr auf die Männer hatten, die sie sich eingebrockt hatten. Die, die auf Augenhöhe den Haushalt diskutieren.

Der erste «Shades»-Streifen war unterhaltsam. Das Spiel zwischen Mann und Frau, Nähe und Distanz, Dominanz und Unterwerfung: Es war tatsächlich erotisch. Als ich den zweiten Film sah, schlief ich ein, dachte aber, ich sei einfach müde. Jetzt, beim Trilogie-Finale, waren die Augen wieder auf – schockgeweitet. «Was schauen wir da eigentlich an?», fragten wir uns in der Pause.

«Fifty Shades Freed» ist ein Lehrstück für alle Frauen, die eine Romantik hegen für archaische Männer. Für Männer, wie sie angeblich einmal waren: stark, hart, dominant. Männer, deren Fokus in Beziehungen darauf liegt, den Willen der Frau zu brechen. Zwar hat auch die «Shades»-Lady einen Job – aber in dem Verlag, den ihr Mann gekauft hat. Sie darf Porsche fahren – solange er ihr erklärt, wie. Aber doch, auch im «Shades»-Finale gibt es eine letzte, emanzipatorische Zuckung: Das frischvermählte Millionärsweibchen setzt sich gegen die Haushälterin durch. Sie will mal selbst für ihren Göttergatten kochen!

Dieser Text erschien am 14.02.2018 in DIE WELTWOCHE





Folgeschäden


«Frauen sind in meiner Wahrnehmung absolut austauschbar gewesen», sinniert mein Cousin Maxim am Telefon. Er klingt ruhig. Ich vernehme ein Plätschern. Offenbar schenkt er Wein ein. «Was trinkst du?», frage ich. «Einen 2010er Brunello – hervorragender Jahrgang!», schwärmt er. «Keinen Gin Tonic? Wirst du jetzt erwachsen?», frage ich belustigt.

Maxim führte ein gepflegtes Aufreisser-Dasein. Bis er 28 Jahre alt war, hatte er ein Babyface: «Nein danke», sagten die Frauen. Er trainierte, bekam ein markantes Gesicht, legte sich einen Stil zu und liess daraus einen Mut erwachsen, der ihm gute Sprüche auf die Zunge legte. Mit 31 Jahren beklagte er Verschleisserscheinungen, wagte den Ausstieg: Langsamer machen, weniger Frauen, keine drei pro Monat, höchstens eine, mit der man auch zweimal schlafen kann. Er jammerte über Folgeschäden. Dass er sich nicht verlieben könne. Dass eine Frau für ihn kein Individuum mehr sei, sondern, ganz zwanghaft: ein zum Vergleich stehender Gegenstand. Merkte Maxim, dass der Hintern von A schlechter war als der von B, dann suchte er C, die nach Möglichkeit die Brüste von A mit dem Hintern von B vereinte. Bis er merkte, dass C vielleicht der Geilheit letzter Schluss, doch sicher nicht des Leuchters hellste Kerze war, weshalb D . . . Sie verstehen das Muster.

«Damit ist es vorbei!», meint Maxim – und für einmal klingt es nicht selbstbeschwörend. «Annabelle ist Single», sagt er und erzählt von ihr: Seine Kollegin, alleinerziehend, hatte bis vor kurzem einen Freund.

Annabelle, ich erinnere mich. Auf einer Party klebte sie an Maxim, und jeder wusste: Die ist verloren. Offenbar hat sie sich getrennt – «Wegen dir?», frage ich besorgt. «Keine Ahnung», sagt er vorfreudig. Ich wundere mich. «Jahrelang suchst du die Richtige und stellst tausend Regeln auf. Etwa, dass sie keine Arbeitskollegin sein darf und ein Jahr Single sein muss. Du suchst die perfekte Mischung aus Penélope Cruz, Marie Curie und Saufkumpel», sage ich ein wenig genervt. «Wir haben dich ausgelacht, aber du hast eisern an dich geglaubt. Und jetzt?» – «Was jetzt?», fragt Maxim entspannt. Ich versuche, meine Verwirrung klarer zu machen: «Plötzlich willst du eine Alleinerziehende, die frisch getrennt ist und in deiner Firma arbeitet? Klingt die Frau nicht nach Verantwortung?» Maxim lacht, sagt: «Hey, sei kein Chauvinistenschwein! Wir sind nun mal langsam in dem Alter für die zweite Runde. Lauter Geschiedene und Alleinerziehende da draussen.»

Niemand sei perfekt, sagt er. Und dass er Annabelle eben möge. Irritiert nehme ich das Handy vom Ohr, starre es an. Allein, dass er keine Panikattacke bekam, als ich «Verantwortung» sagte. Wer ist der Typ am anderen Ende der Leitung? Maxim sicher nicht. Aber erstens kommt’s wohl anders, und zweitens, als man denkt.

Dieser Text erschien am 07.02.2018 in DIE WELTWOCHE





Prostata-Ekstase


«Es ist doch total simpel, Männer zu führen!», widerspricht Marion beim Mädels-Brunch Sabine, die gerade eine überzeugende Rede gehalten hat. Laut Sabine ist jede von uns das Opfer ihres Mannes. Wir modernen Frauen hätten verlernt, uns in der Liebe durchzusetzen. Zwar würden wir im Job gewisse Führungsqualitäten erlernen. Aber je stärker wir rational, geradlinig und fair spielten, desto mehr gehe uns die emotionale Durchtriebenheit unserer Mütter verloren, die instinktiv ihre Männer daheim in jede Richtung manipulierten, die ihnen passte.

Vielleicht haben wir alle zu viel Prosecco intus, aber Sabines gewagte These erscheint uns nicht abwegig. Zumal sie selbst ein so schönes Opfer abgibt: Sie hängte ihre Karriere an den Nagel, kümmert sich um die Kinder, zieht Karl jetzt wegen seines Jobs in die USA hinterher – und hat sich sogar beim Thema Inneneinrichtung das Heft aus der Hand nehmen lassen. Das ist ja der neuste Schrei: Heutige Männer interessieren sich für Möbelmarken und Wandfarben. «Mit dem Ergebnis, dass sie uns selbst in dem Bereich noch rumbossen!», giftet Sabine.

Marion hält wenig von dem Gejammer. Sie hat einen neuen Freund, da sieht man die Dinge nicht kritisch. «Zum einen ist meine Mutter kein bisschen durchtrieben. Und zum anderen lassen sich die Männer heute doch viel zu viel von uns gefallen!», hält sie entgegen. Neulich habe sie beim Arzt in einem Männermagazin gelesen, dass aus Männern selbstverräterische Jasager geworden seien.

Dann druckst sie herum, wird sogar ein wenig rot. «Wisst ihr, was noch in dem Magazin stand?», fragt sie. Natürlich wissen wir es nicht. «Dass immer mehr Frauen ihren Männern beim Sex einen Finger in den Allerwertesten stecken», sagt sie, «und dass die Männer das ganz toll finden.» Sie schaut uns an, wir schauen sie an. Schweigen. Erstaunlich viele Gespräche drehen sich bei ihr in letzter Zeit um die Hintertür. Sie lenkt praktisch jede Unterhaltung dorthin.

«Glaubt ihr auch, dass Männer darauf stehen?» Allgemeines Schulterzucken. «Mein Problem ist, dass ich ständig multiple Orgasmen habe und gerne etwas zurückgeben würde», fährt Marion fort. «Offenbar ist der Prostata-Orgasmus bei Männern das nächste grosse Ding, da können die auch mehrmals hintereinander kommen. Erfahrungswerte?» Sabine prustet vor Lachen und schüttelt den Kopf. «Was du für Probleme hast . . .», sagt sie ziemlich herablassend. Einen Moment schaut Marion pikiert, dann fängt sie sich aber und erwidert Sabine mit kühlem Lächeln: «Würdest du in der Zeit, in der du über deinen Mann lästerst, auch mal ein bisschen über so was nachdenken, hättest du vielleicht auch das eine oder andere Problem weniger. Befriedigte Männer sind ganz angenehm – versuch’s mal!»

Dieser Text erschien am 31.01.2018 in DIE WELTWOCHE





Männer dressieren


«Aber ansonsten geht’s euch gut?», frage ich Sabine, die lustlos ihre Zimtschnecke zerkrümelt. Es ist ihr Abschiedsbrunch: Nächste Woche ziehen sie nach Seattle, wo Karl einen obszön gut bezahlten Job antritt. Sabine wird Expat-wife und Vollzeitmami.

«Ansonsten geht es uns gut, ja!», antwortet sie mit toxischem Lächeln. «Abgesehen davon, dass ich alles aufgab für ein Leben, das ich nie wollte, für eine Beziehung, in der mein Mann mich kaum noch berührt, aber jeder anderen Frau hinterhersieht, die zwei Arme und zwei Beine hat, abgesehen davon, ja: alles super!» Ich rücke unwillkürlich nach hinten – Hilfe, so kenne ich sie gar nicht.

Dabei wirken sie und ihr Mann nach aussen harmonisch. Wenn sie sich verstohlen im Beisein anderer ein Küsschen geben, wirken sie sogar verliebt. «Ach, jetzt komm», sage ich, «ist es wirklich so schlimm, oder bist du einfach nervös wegen Amerika?»

Sie seufzt, ganz angespannt. Marion, die neben ihr sitzt, streichelt ihre Schulter. «Ich fühle mich einfach machtlos gegen Karl», sagt Sabine verzweifelt.Früher, in ihrem Leben als Unternehmensberaterin bei einer der zwei Firmen, die jeder kennt, leitete sie ein Team. Sie hat das Führen gelernt. Karl wirkt zwar wie einer, der etwas viel Testosteron hat, aber dass die 37-jährige Sabine ihm nicht auf Augenhöhe begegnet, denkt man nicht. «Du fühlst dich machtlos?», frage ich erstaunt.

Sie schaut in die Runde und gibt die Frage zurück, an alle: «Habt ihr denn das Gefühl, gegen den Willen eurer Männer irgendetwas durchsetzen zu können?» Nur Marion reagiert mit heftigem Nicken, etwas zu hastig.

«Es gibt doch diese Frauen, die ihre Männer wie Dreck behandeln. Die eifersüchtig sind, SMS-Terror betreiben, über seine Freunde giften, und sind es nicht genau diese Frauen, die es schaffen, dass die Männer ihnen aus der Hand fressen?», fragt Sabine dramatisch. Theatralische Pause. Zögerliche Zustimmung in der Gruppe. «Manchmal denke ich, genau so müsste ich Karl behandeln: mies. Aber das kann ich nicht», jammert sie weiter, «ich will immer das Richtige tun.» Am Ende des Tages tanze ihr Karl aber auf der Nase herum. Sie erzählt von ihrer Mutter, die nie berufstätig war und den Vater nach Strich und Faden zu manipulieren wusste, inklusive Fouls, Erpressung und Ultimaten.

«Vielleicht habe ich im Berufsleben verlernt, in der Liebe zu siegen», schlussfolgert Sabine überraschend. «Mit der professionellen Fairness, die man sich im Job aneignet, landet man im Anarcho-Dschungel eines trauten Heims keinen Stich. Es müsste Kurse geben an der Migros-Klubschule: ‹Männer dressieren und das Heim erobern – für Anfänger, Analphabeten und viel zu nette Karrierefrauen›.»

Dieser Text erschien am 25.01.2018 in DIE WELTWOCHE





Kleine Pillen


Da sitzt Céline also im Zentrum für Reisemedizin und wartet auf die Gelb- fieberimpfung. Nach Kolumbien wollen sie. Céline ist schwanger, aber weiss es nicht. Ein geplatztes Kondom an dem Tag, an dem sie vielleicht ihren Eisprung hatte: Das war Pech – aber wer wird denn gleich schwanger? Ausserdem standen sie und Jay7 am nächsten Morgen vor der Apotheke, die noch gar nicht offen hatte, um die Pille danach zu holen. Händchenhaltend. Jay7, der eigentlich Jonathan Freuler heisst, aber als Jay7 auf Instagram «Erfolg» hat, streichelte ihr mit dem Daumen den Handrücken. Behutsam. Endorphine in Célines Körper. Da kam ihr ein archaischer Gedanke: «Für diesen Mann würde ich nicht nur jede Giftpille schlucken. Ich würde mir den Bauch aufschlitzen.»

Vorhin, bei der Impfberatung, fragte der Arzt: «Sind Sie schwanger?» Céline begann zu stottern. Ihre Brüste spannten. Für einen Test war es zu früh. Der Arzt hakte nach. «Diese Impfung vergeben wir nicht an Schwangere, die sind hochschädlich für Embryos», erklärte er. «Warum? Wird das Kind dann behindert?», fragte Céline, und sie fragte sich gleichzeitig, ob man «behindert» noch sage – wohl eher nicht – aber die neue Formulierung fiel ihr nicht ein. «Das muss nicht sein, aber tendenziell: Ja», sagte der Arzt.

Jetzt wartet Céline auf die Spritze. Sie hatte mit dem Arzt über die Verhütungs-Panne gesprochen, wobei er ein wenig gestresst auf die Schlange hinter ihr schielte. «Gehen wir davon aus, dass Sie nicht schwanger sind», lächelte er aufmunternd und gab ihr den Impfstempel. Céline wollte lieber mit Jay7 nach Kolumbien als einen dicken Bauch. Von dem war sie auch weit entfernt: Das Sandkorn in ihrer Gebärmutter fing erst an, sich zu strecken.

Beim Warten denkt Céline, dass sie in wenigen Minuten ihr Baby vergiften wird – aber sie ist ja nicht schwanger, spricht sie sich gut zu. Sie ist zu jung. Wer zieht heute mit Anfang zwanzig ein Kind gross? Trotzdem fragt Céline sich, wie ein Kind von ihr und Jay7 wohl aussähe. Schön, zweifellos. Wobei: Nach dieser Impfung vielleicht nicht. Würde Jay7 sein Kind stolz auf Instagram zeigen, wenn es behindert wäre?

Sie würde abtreiben. Obwohl sie gegen Abtreibungen ist. Sie hatten kurz gesprochen nach der Panne, und sie hatte gespürt, dass er kein Kind wollte. Im Bruchteil einer Sekunde hatte sie von der Abtreibungsgegnerin zur potenziellen Täterin mutiert. «Es gibt Pillen dafür», sagte Jay7 freundlich und streichelte ihr Gesicht. Selten genug sagte er, dass er sie gern habe. Céline wollte nicht, dass er weiter von ihr wegrückte.

Dann ist sie dran. Pulli aus. Die Schwester pikst: Fertig. So schmerzlos? Trotzdem schiessen Céline plötzlich Tränen in die Augen. «Das war’s?», ruft sie der Schwester noch hinterher.

Dieser Text erschien am 18.01.2018 in DIE WELTWOCHE





Hintertür


Marion ist ein offenherziger Mensch. Sie nennt die Dinge beim Namen, Heimlichkeiten und Doppelmoral sind ihre Sache nicht. Andererseits ist Marion eine ziemliche Prinzessin – Arzttochter eben. Und so kommt es, dass die Frohnatur und die brave Prinzessin, die zwei Seelen in Marions Brust, mitunter in einen Streit darüber geraten, wer das Sagen hat. Erst neulich, da steckte die Prinzessin in der Klemme.

Marion hat einen Freund, der lebt im Ausland. Erstmals Zweifel an dem Mann kamen ihr an Weihnachten. Sein Geschenk liess sie trocken schlucken, dumm lächeln und fragend in seine Augen sehen. Damit nicht genug: Am Flughafen fiel sie bei der Sicherheitskontrolle auf. Es hängt damit zusammen: Eine Frau hat zwei Jungfräulichkeiten. Ihre erste verlor Marion mit neunzehn Jahren. Die zweite hat sie noch, bis heute. Sie verstehen? Sonst schauen Sie den Titel der Kolumne an. Marion jedenfalls: Sie ist verliebt. So verliebt war sie vielleicht noch nicht. Der Mann macht auch viel Liebe mit ihr. Liegen sie rum, zwischen zwei Akten, reden sie auch mal über die Liebe von gestern. Eines Tages sagte er: «Eine Jungfrau hatte ich nie.» Und die fröhliche Marion, stets bemüht um sein Glück, sagte: «Eine Jungfräulichkeit hätte ich durchaus noch zu verschenken.» Der Mann spitzte die Ohren.

Nur ist das so, dass die fröhliche Marion manchmal nicht nachdenkt. Und so stand sie am Flughafen mit diesem Geschenk: ein Elektro-Ding, das vibriert und den Verlust der zweiten Jungfräulichkeit lustvoll vorbereiten soll. Die Sicherheitsleute forderten sie auf, das Ding aus dem Koffer zu holen – von alleine war sie nicht darauf gekommen, und so geriet der Vorzeigemoment unter den wartenden Augen der anderen besonders spektakulär. Lilafarben lag die Schande vor ihnen. Und nun musste sich die vornehme Prinzessin, die Marion besonders nach aussen gerne ist, selbst ein paar Fragen stellen: «Bin das denn noch ich, diese Frau mit dem zwielichtigen Elektro-Ding? Verstehe ich mich so, als beidseitig begehbare Prinzessin?»

Das wühlte sie auf, während die Beamten erröteten und der ältere Herr hinter ihr ein Räuspern verlauten liess, das wertend klang. Dabei dachte Marion: «Wenn der weiss, was das ist, was hüstelt er? Dann ist der doch selber nicht so vornehm, wie er tut.» Aber die Doppelmoral des Herrn inspirierte sie. Neue Gedanken kamen ihr. «Beidseitig begehbar» und «Prinzessin», das passt vielleicht nicht. Kate Middleton zumindest ist eher nicht beidseitig begehbar. So, wie die dreinschaut, wirkt sie etwas verklemmt hintenrum.

Da musste die Prinzessin lächeln. Und sie fragte sich abschliessend: «Haben nicht die meisten Menschen am Ende des Tages einen Stock im Hintern?» – womit die Sache geklärt war, zumindest für sie.

Dieser Text erschien am 11.01.2018 in DIE WELTWOCHE





Stecker ziehen


Im Oktober letzten Jahres verschwand meine Freundin. Mareike, 29, fotografiert ihr Essen, ist anstrengend, aber liebenswert. Gross, rotbraune Haare: Wer hat sie gesehen?

Mareike hat kein gutes Jahr hinter sich. Ihr Freund verliess sie. Sie war zu viel durch die Welt gereist, nicht offen für das Konzept Zukunft. Die Zeit, die er übers Jahr hinweg mit ihr verbringen konnte, passte auf einen Teelöffel. Trennung aus Liebesdurst: Vermutlich sitzt er jetzt noch in seiner ganzen auf Mareike getrimmten Verfassung, mit dem langen Bart, der ihm nicht steht und den er für sie hat wachsen lassen, neben dem Smartphone und wartet. Dass es vibriert. Was es nicht tut. Zumindest nicht durch eine Nachricht von ihr. Und dann heult er wie Chewbacca.

Mir ging es ähnlich. Sagt Ihnen der Begriff «Ghosting» etwas? Eine Form des Schlussmachens ohne Schlussmachen, ermöglicht durch die Globalisierung und unsere Kommunikationstechnologie. Während der Bartträger und ich in Zürich leben, ist Mareike an einer Uni in Paris. Alles, was sie tun musste, um uns vollends loszuwerden: ausloggen, Stecker ziehen. Wussten Sie, dass sich die Kündigung einer Freundschaft ein wenig anfühlt wie das Ende einer Liebe?

Meine Mareike und ich, wir pflückten Blumen an der Limmat. Stritten um drei Uhr nachts – bekloppte Stirnlampen am Kopf – mit Appenzeller Bauern. Hielten uns beim Asientrip in den Armen, als zuerst sie, dann ich krank war. Wir standen nie auf dieselben Männer. Freundschaft fürs Leben, dachte ich.

Nun das wortlose Ende? Wir hatten – darüber habe ich viel nachgedacht – zuletzt einen Whatsapp-Zank. Eine spitze Bemerkung, eine genervte Reaktion, nichts weiter. Plötzlich war sie weg. Whatsapp zeigte an, dass sie meine letzte Nachricht erhalten, aber nicht gelesen hatte.

Ich rief an. Totes Handy. Schrieb ihr auf Facebook und auf Instagram. Keine Reaktion. Wochen verstrichen. Dann kam die Zeit zwischen den Jahren. Ich schrieb Mareikes Mutter – das tun nur die Liebestollen. Aber ich wusste nicht einmal, wohin sie abgekommen war, hatte kein Grab für meine jäh verstorbene Freundschaft. Der Ort zum Trauern fehlte.

Dann schrieb Mareike, endlich: «Natürlich sind wir noch Freundinnen, o mein Gott, nein, aaah – das wär doch kein Grund für mich! Tut mir auch unendlich leid, wenn es so rüberkam. Hab dich doch lieb!» Es sei ihr nicht gutgegangen. Sie habe sich ein paar Tage bewusst ausklinken wollen, da sie «keinen Nerv mehr für das Social-Media- Zeug» gehabt habe. Aus Tagen wurden Wochen. Aber jetzt ist sie wieder da, tata!

Nur weiss ich nicht, ob man Geist werden und dann problemlos zurück in den alten Körper schlüpfen kann. Bevor Mareike verschwand, hatten wir täglich Kontakt, über Jahre. Jetzt, wo sie zurück ist, melde ich mich kaum mehr.

Dieser Text erschien am 04.01.2018 in DIE WELTWOCHE





Single bleibt Single


Peters sexloses Leben begann freiwillig. Er war romantisch. Das erste Mal sollte mit einer Frau geschehen, die er für ihr Wesen schätzte.

Sie würde ihn an der Hand nehmen und mit Blümchen im Haar auf eine Wiese im Wald führen, wohin sich ausser ihnen nur wenige Sonnenstrahlen verirrten, und dort, liegend, würde die Zarte ihn endlich zum Mann machen. So dachte Peter noch mit 21 Jahren. Und mit 23 Jahren. Und auch mit 25 Jahren dachte er so.

Dann kam das Mädchen von der Langstrasse. Sie hiess Adea, «die Süsse» auf Albanisch. Die Süsse jobbte zur Finanzierung ihres Studiums in dem Multikulti-Imbiss, in dem Peter nach einem verschwitzten Absturz in der «Zukunft» seinen Salzgehalt im Körper hochregeln wollte. Adea nahm ihn mit nach Hause, zu sich. Abreagieren war ihr Anliegen und ihr Chef ein mieses Stück. Es roch nach Frittierfett bei Adea, aber sie selbst roch anders, nach Milch, ein wenig nach Honig und sehr fruchtbar. Unverhofft schaffte es Peter in unter einer Minute in den Himmel. Etwas zu schnell für Adeas Geschmack. Sie kam kaum zum Abreagieren. Am nächsten Tag wollte sie von ihm nichts mehr wissen. Er hatte French Toast gemacht zum Frühstück, und der Toast roch wie Adea, dachte Peter noch glücklich. Dann aber machte er ihr – für den ersten Tag danach – gleich mehr als eine Liebeserklärung zu viel. Sechs Nachrichten schickte er. Jede blieb unbeantwortet. Nachricht für Nachricht schaute Adea von einer Stufe höher auf ihn herab. Sie wollte einen Mann. In ihren Augen war Peter ein Mädchen.

Heute, mit seinen 37 Jahren, wäre Peter für sie wohl ein spätes Mädchen. Noch immer hat er keine richtige Freundin gehabt. Was auch deshalb seltsam ist, weil er als freier Schauspieler am Theater arbeitet, wo die Frauen gerne unvermittelt Männer anspringen, steht ihnen der Sinn danach. Aber Peter will Liebe.

Die Frauen riechen es wohl, wenn ein Mann längere Zeit keine Freundin gehabt hat. Bei Peter sind das eben schon 37 Jahre. Die Frauen mutmassen, er sei vielleicht nicht attraktiv – obwohl er gut aussieht, abgesehen von dem verhaltenen Zug um die Mundwinkel. Er wäscht sich auch. Und wahrscheinlich ist er bindungsfähig, schliesslich war er mehr als einmal aus der Ferne verliebt, über Jahre hinweg, in ein und dieselbe Frau. Nur traut ihm keine.

Peter fragt sich, ob er schon eine Frau haben müsste, um bei einer landen zu können? Oder bräuchte er ein Kind zum Vorzeigen? Peter beobachtet Männer, die Frauen haben, teils auch Kinder, und an denen die anderen Frauen wie Fliegen kleben. Manchmal scheint es ihm, als suchten die Frauen ihr eigenes Unglück. Und das Unglück der anderen. Dabei dachte Peter früher, Liebe sei das, wonach sich Frauen sehnten. Von Liebe hat er eigentlich mehr als genug.

Dieser Text erschien am 14.12.2017 in DIE WELTWOCHE





Das Wunder von Bern


Der Berner Mann ist die Lösung aller Zürcher Frauenprobleme!», sagt Dorli, während wir auf dem Weihnachtsmarkt in seliger Eintracht ihre Churros in die Schoggisauce tunken. Dorli weiss Bescheid, vor allem nach zwei Glas Glühwein. Weltfraulich schaut sie in den Christbaum mit den Lichtern und hebt an, mir die Sachlage zu erklären: «All diese Zürcher Mädels, diese skinny Girls mit Daddy issues. Sie sind so fragil geraten, weil ihre Väter keine Kinder wollten und es zu Hause nie genug Liebe gab. Als erwachsene Frauen verzweifeln sie dann an den Zürcher Männern, die genauso gestört sind wie ihre Väter.»

Das Schema sei immer gleich: Die neurotische Zürcher Karrierefrau werde älter, bindungswillig – der Zürcher Mann hingegen bleibe ein Tunichtgut und ein Kinderfeind. Am Ende würden alle zum Psychiater rennen oder sich selbst im Nachtleben medikamentieren. Im Suff oder wegen der «Medikamente» komme es dann eben doch zu vereinzelten Kinds—geburten, was die unverhofften Väter aber nur zerknirsche. Selbst wenn sie das Kind äusserlich annähmen, lehnten sie es innerlich ab. Der Ausgang: Unglück – und eine neue Generation bindungsgestörter Zürcherinnen und Zürcher.

Das Dorli schaut finster, an ihrer Backe klebt etwas Schoggisauce. «Dies, meine Liebe», verkündet sie schauerlich, «dies ist der Teufelskreis, in dem dieses elende Zürich verrottet. Liebe, das ist in dieser Stadt nicht mehr als eine kollektive Zwangsneurose.» Sie selbst ist auch ein bisschen skinny, über ihren Daddy weiss ich wenig, aber Zürich ist ihre Heimatstadt und ihre Beziehung zu dieser offenbar auch nicht ganz frei von Neurosen. Was will man machen. Bekanntlich kommt man nicht aus seiner Haut. «Zum Glück gibt es noch die Berner!», ruft sie – und klingt jetzt ganz begeistert. «Ich sag’ das nicht nur, weil mein eigener Freund aus Bern ist. Mir geht’s einfach wie vielen anderen Zürcherinnen, die früher oder später den Berner Mann entdecken.»

Dorli führt das aus, und es klingt wunderbar: Der Berner als das Schweizer Sanatorium in Menschenform, der geruhsame Bartträger, an dem die geschundene Zürcher Frauenseele gesunden könne, der süsse Globulus im Flanellhemd, der Wandersmann mit rauen Händen, einem Hund und dem unbedingten Willen zur Fortpflanzung. «In Bern, da gehen schon die Teenager zusammen wandern, haben rote Backen und gesunden Sex. Nichts da mit Anorexie, Gewaltvideospielen und Perversionen», meint Dorli erstaunlich ernst. Ihr Berner Freund übrigens, für den stehe fest, dass sie mindestens drei Kinder bekommen und er diese auch zu 50 Prozent hüten werde. Als Dorli mir am Ende ihrer Rede ein Lächeln schenkt, wirkt sie wie ein Kind, das soeben den Weihnachtsmann gesehen hat.

Dieser Text erschien am 07.12.2017 in DIE WELTWOCHE





Feministisch daten


Die Sache entgleitet mir», sagt die kleine Céline, für einmal mit ungewöhnlicher Härte im Gesicht. «Schau, ich bin Feministin oder so, und Jay7 ist ja auch voll feministisch», erzählt sie, kann sich bei dem Satz ein verliebtes Grinsen nicht verkneifen, wird dann aber wieder ernst: «Aber die Wahrheit ist eben auch, dass ich in meinem Feminismus noch nie so verunsichert war wie jetzt.»

Die 22-jährige Lifestyle-Journalistin und der 20-jährige Influencer: Mit ihr will gefühlt jeder dritte Hipster in Zürich ein Date, und ihm folgen rund 4000 Teens und Twens auf Instagram, hauptsächlich Mädchen und Frauen – was zwar noch keine Follower-Zahl ist, mit der man gut Geld verdienen könnte, aber in der Schweiz gilt man eben ab 2000 Followern als Influencer, und Jay7 trägt diese «Berufs»-Bezeichnung mit Stolz. Lange Geschichte, kurzer Sinn: Die beiden passen zueinander wie die Faust aufs Auge. Amors Pfeil scheint sie auch empfindlich getroffen zu haben – womöglich sogar am Hirn. Wenn Céline manisch am Handy hängt, kann man vor ihrem Gesicht schnipsen, ohne dass sie, gleich einer Hirntoten, aufschaut. Aber es ist auch süss: Jay7 hat neulich ein Bild von sich mit ihr im Arm auf Instagram geteilt, dazu die Hashtags: hmyatomsloveyouratoms hchemistry. Nase rümpfen darf hier eigentlich nur, wer nie jung war.

Aber was ist jetzt noch mal das Problem? «Absurderweise fühle ich mich in meiner Weiblichkeit gekränkt, seit ich auf ihn zugegangen bin», erzählt Céline. Sie war es, die Jay7 auf Instagram angeschrieben hat, weil er ihr gefiel. «Und das ist doch eigentlich nur emanzipiert, oder? Warum soll immer der Mann den ersten Schritt wagen?», fragt sie rhetorisch. Aber nun sei sie trotz ihrer feministischen Überzeugungen ständig verunsichert, ob er sie genug will, mag und schätzt. Und irgendwie ertappe sie sich selbst dabei, wie sie versuche, ihn doch noch dahin zu manipulieren, dass er die Zügel übernimmt. «Dabei verhalte ich mich völlig albern. Vor dem ersten Date habe ich ihm sogar geschrieben, dass er dann bitte zahle – und das war nur halb im Scherz!» Sie schlägt die Hände vors Gesicht. «Wie kann ich Feministin sein und mich gleichzeitig nach der klassischen Rollenverteilung sehnen, sobald ich mich verliebe?», bringt Céline ihren Stress auf den Punkt. Und damit nicht genug: Mitunter nerve sie es auch, dass er jünger sei als sie. Zum Ausgleich verweigere sie es im Bett generell, auch mal oben zu sein.

«Ist denn eine Besserung in Sicht, wird er initiativer?», frage ich also. Céline schiebt sich etwas freudlos einen Happen Sushi in den Mund, sagt: «Nein, gar nicht. Schliesslich ist er Feminist. «‹Starke Frauen vor!›, sagt er, und noch mehr so Zeugs.»

Dieser Text erschien am 30.11.2017 in DIE WELTWOCHE





Zu hetero


An diesem Samstagabend begab ich mich also ins Nachtleben, in meiner Eigenschaft als Single. Bei mir hatte ich eine neue Freundin: lebensfroh, süss, so eine zum Pferdestehlen, die richtig aufdreht, wenn man ihr Alkohol gibt. «Ich mag deine Ohrläppchen», sagte sie irgendwann – sinnlos und angetrunken –, legte ihre Hand in meinen Nacken und streichelte mich dort zart. «Du Süsse!», sagte ich nur, kicherte blöd. Mir wurde warm. Es ergab sich also, was sich oft ergibt, wenn Single-Frauen sich gegenseitig interessanter finden als die Männer um sich herum: Zwei Mädels, tendenziell hetero, kommen sich nahe.

Wir tanzten, lagen uns ständig in den Armen, gingen händchenhaltend zur Bar – und schon hing es wieder über mir, das Damoklesschwert, das seit der Pubertät nicht weggeht und an solchen Abenden auch immer niedersaust: Die Situation kippt ins Lesbische – und ich stehe da, wahnsinnig verklemmt und sehr unzufrieden. Warum bin ich so verkorkst? Eine Frau schiebt mir freundlich die Zunge in den Mund – und bei mir geht der Rollladen runter. Für den souveränen Umgang mit dieser Situation fehlen mir, selbst fünfzehn Jahre nachdem sie erstmals auftrat, die nötige Freiheit, das Talent – vielleicht auch die Neigung. Wahrscheinlich ermutige ich die anderen Frauen durch meine kurzen Haare; einmal habe ich es sogar richtig probiert mit einer. Aber es ging nicht. Leider bin ich stockhetero. Womit mir die Coolness fehlt, die ich für das Grossstadtleben brauchte – und ich leide darunter, ernsthaft.

Wobei es ja Menschen gibt, die meinen, jede Frau sei insgeheim bisexuell. Darum habe ich Hoffnung. Bei Freundschaften mit Frauen bin ich sehr für Umarmungen. Als Schülerin mochte ich es, wenn die Banknachbarin meinen Arm streichelte. Mit Frauen, die ich mag, schmuse ich gerne. Auch Küsse ohne Zunge sind super. Aber meine Körperöffnungen, die sind so hetero!

Geniessen die anderen nicht-wirklich-lesbischen Frauen eigentlich das Gelegenheits-Rumknutschen untereinander? Oder geht es eher darum, Männer aufzuheizen? Der Weg des weiblichen Begehrens geht ja oft übers Begehrtwerden. Und Männer stehen gemeinhin auf so Frau-Frau-Spielchen. Würden die Hetero-Frauen das auch machen ohne die Männer, die zusehen? Ich habe noch keine Frau gefragt, die mir ihre Zunge anvertraute. Irgendwie ist das kein Thema, über das man spricht. Das wäre der anderen sicher peinlich. Mir ist es ohnehin furchtbar peinlich.

An diesem Samstagabend aber, da wollte ich erwachsen sein. Also machte ich mutig die Augen zu und streckte halt auch die Zunge raus. Eine offensive Ablehnungsgeste – nur halt in ihren Mund hinein. Sie fand es sehr höflich. Dann habe ich ein Auge geöffnet und nach rechts zu diesem einen Mann hingeschielt, der ganz passabel war – in der Hoffnung, er werde mich erlösen.

Dieser Text erschien am 23.11.2017 in DIE WELTWOCHE





Undateable


Ich hätte ja auch gerne jemanden», sagt Sasha beiläufig auf der Vernissage und winkt gleichzeitig so einem Anzugträger aus der Ferne zu. Sie ist nicht wegen der Kunst, sondern wegen der Geldbeutel der Menschen hier, welche sich die Bilder ansehen, als Deko für ihre Wohnzimmer. Sasha ist Hedge-Fund-Expertin und kümmert sich leidenschaftlich um die Geldvermehrung anderer, was auch sie selbst stetig bereichert. Arbeiten wie ein Stier, feiern wie eine Löwin: Das war jahrelang das Programm für Tag und Nacht, wie es Sasha taugte. Doch seit sie 36 ist, drängt sich häufiger ein Störgeräusch in den terminreichen Alltag. Die biologische Uhr, sie tickt – als hätte Sasha nichts Wichtigeres zu tun! Neulich zum Beispiel, da hätte sie fast ihren besten Kunden verloren! Was für ihren kleinen, feinen Dachfonds eine Tragödie griechischen Ausmasses gewesen wäre. In so einer Nacht des Bangens geht schon mal eine halbe Flasche Whisky leer, und eine Schachtel Zigaretten kann Sasha auch prima allein zu grauer Luft machen. Der Kunde, halleluja, er blieb schlussendlich, und so flog Sasha gleich am Morgen nach London wie geplant, um das nächste Problem zu lösen, indem sie eine potenzielle neue Mitarbeiterin traf, weil sich der Junge aus Harvard als Nulpe erwiesen hatte.

Nur, verspätet und ganz anders, traf sie doch noch ein, die griechische Tragödie.

Sasha kann die Geschichte noch nicht auf eine Art erzählen, die Sinn ergibt, also: In London regnete es. Sie musste einen Schirm kaufen, nachdem ihr mitgebrachter im Sturm kaputtgegangen war. So betrat sie einen Laden in der New Oxford Street, wo sie gegen einen Mann stiess, der allen Ernstes Alfie hiess. Wenig später trieben es die beiden wie Kaninchen in Sashas Hotelzimmer. Sie verpasste ihren Flug, blieb einen Tag länger, und wenn sie erzählt, wie sie händchenhaltend durch die Stadt gingen, klingt die toughe Frau wie ein Mädchen und bekommt rote Backen dazu. Wann wird sie ihn wiedersehen? «Ja, das hat er auch schon gefragt», sagt sie – und klingt heillos überfordert. Bis Januar seien bei ihr alle Wochenenden verplant. Selbst zum Telefonieren fehle ihr die Zeit. Aber der Mann war so schön und der Sex so gut . . . nur war das alles gar nicht geplant – und das scheint Sasha, die gerne kontrolliert, in eine echte Krise zu stürzen. Hochgradig konfus redet sie sich in ihr Dilemma hinein; ihr Kopf scheint zu rauchen wie ein Computer, der an einer unlösbaren Rechenaufgabe zerbricht. Der Mann kam eben nicht algorithmisiert aus der Katalogwelt des Online-Datings wie die letzten ihrer Männer. Der Zufall brachte Alfie – und wenn es etwas gibt, das Sasha nicht behagt, dann sind das Zufälle. Wie viele Frauen ihrer Generation ist sie erfolgreich, unabhängig, eigenwillig bis zur Starrköpfigkeit, verplant bis zur Neurose – und ja: absolut undateable.

Dieser Text erschien am 16.11.2017 in DIE WELTWOCHE





Liebe machen


«Daaavid!», rufe ich noch sinnlos alarmierend, als ich bereits sehe, wie mein Fuss gegen sein Ohr schlägt. «Fuck, Claudia!», knurrt mein Trainingspartner. Wirklich viel dafür kann ich nicht. Die Kick-Übung war seine Idee, gleichzeitig ist er heute so geistesabwesend, dass er ständig die Deckung vergisst. Wer schlägt Fusstritte vor an einem Tag, an dem er so fahrig ist? Wirkt fast, als wollte er die Watschen.

«Warum pennst du auch die ganze Zeit?», frage ich ihn angriffig-besorgt zwischen Trainingsadrenalin und Schuldgefühlen. David fährt sich durch die Haare. «Konnte nicht schlafen», sagt er mit glasigen Augen. Seit ein paar Monaten steckt er in einer Beziehung. Er hat nicht viel Übung mit dem Konzept. Offenbar gibt’s auch bereits Probleme. «Seraina ist der Wahnsinn!», schmachtet David. «Wie sie riecht, wie sie lacht, und sie ist so klug . . . aber wir hatten am Anfang auch diese krasse Leidenschaft, und die ist mir schon wichtig. Sexuell hat sie aber innerhalb kürzester Zeit von lichterloh auf Sparflamme gedimmt.» Er habe letzte Nacht nicht schlafen können, weil er neben ihr lag und wollte, aber sie lehnte ab. «Hat sie sich schon einmal über deinen Umgang mit anderen Frauen beschwert?», frage ich. Er guckt betreten.

David gehört zu den Männern, die es einfach nur höflich finden, mit jeder hübschen Frau zu flirten. So als freundliche Verneigung vor der Schönheit. Das ist irgendwie herzig und charmant – für alle Frauen, ausser für seine Freundin. Wie die meisten Männer hat David auch kaum Kontrolle darüber, wo sein Blick hinwandert. Er ist da besonders verloren: Selbst wenn wir trainieren, glotzt er automatisch und ausgiebig jedem Hintern nach, der vorbeikommt – auch den ausladenden.

«Warum guckt mein Freund anderen Frauen hinterher?», ist eine dieser Fragen, die sich wohl jede Frau schon mal gestellt hat. Und es gibt nur eine Antwort: weil er ein Mann ist, und nicht tot. Trotzdem ist der wandernde Männerblick ein Phänomen, das kaum eine Frau entspannt zu nehmen weiss. Sein Abschweifen ist heimlich, still und leise – und kann trotzdem ziemlich lauten Beziehungskrach verursachen.

Die meisten Frauen wären gerne die Einzige, zumindest für den einen. Dass der Freund anderen hinterhersieht, wenn man weg ist – klar. Aber ist der Wunsch so vermessen, dass der Blick unseres Liebsten zumindest dann, wenn wir dabei sind, nicht an anderen Frauen klebt? Später im Bett wollen wir schliesslich der Grund des Begehrens sein und nicht der Blitzableiter für seine allgemeine Triebhaftigkeit. «Versuch doch, auch deinen Körper mit in die Beziehung hineinzunehmen», sage ich noch zu David, bevor ich einen Kühlakku organisiere – und mich heimlich ein wenig über den Kick freue, den er abgekriegt hat.

Dieser Text erschien am 09.11.2017 in DIE WELTWOCHE





No pasarán!


Céline bleibt mit der Schulter an einer Laterne hängen, die Augen auf ihr Handy statt auf den Weg gerichtet. Ach, wie schön: Der Wahnsinn ist zurück. Céline ist wieder verliebt – endlich!

In den letzten Monaten, seit der Trennung von Nick, war sie schwer zu ertragen. Mit ihren 22 Jahren blinzelte sie an guten Tagen altersmilde in die Herbstsonne. An schlechten Tagen rezitierte sie ohne Anlass, eine Zigarette schlaff im Mundwinkel, zum Beispiel Khalil Gibran: «Meine Seele, das Leben gleicht dem Lauf der Nacht; je schneller sie vergeht, desto eher naht der Morgen.» Was habe ich sie gehasst.

Doch nun ist der Frühling zurück – mit einem ganzen Strauss voller Probleme. Céline verliebt sich nicht oft, aber wenn, dann irre intensiv. Das neue Opfer ihrer ungeteilten Aufmerksamkeit nennt sich Jay7. Ja, mir geht’s da wie Ihnen: Ich hab’ nicht verstanden, warum jemand so heisst, aber der Junge ist Influencer, und so nennt er sich. Er kann seine Stirn hundemässig cool in Falten legen, ist ganz hübsch geraten, sein Geld verdient er mit Föhn-Werbung auf Instagram. Der Typ Mann, auf den Teenager und spätpubertäre Frauen eben stehen.

«War meine letzte Nachricht schlimm?», fragt Céline mit Pupillen, gross wie die einer Suchtkranken. «Sie war schlimm, oder?», hakt sie sofort nach. Panik, weil er seit Tagen nicht antwortet. Ich schüttle den Kopf, lache. Céline ist eine wunderbare Frau, aber in der Liebe wird sie zum Duckmäuschen. Alles dreht sich nur um den Typen, sich selbst vergisst sie ganz. Ein Problem, nicht zuletzt für die Männer, die bald nichts mehr von dem vorfinden, in was sie sich verliebt haben.

«No pasarán!», denke ich laut an den Spruch der spanischen Widerstandskämpferin Dolores Ibárruri, zu Deutsch: «Sie werden nicht durchkommen.» Céline braucht jetzt etwas Lebensberatung, also sage ich, sie müsse wehrhaft sein. Den Männern nicht gleich so viel Macht über sich geben, denn: «Den Schlüssel zum Herzen eines guten Mannes gewinnst du nicht durch devotes Verhalten, das langweilt doch nur!» Céline hängt an meinen Lippen. Ich könnte ihr jetzt auch auftragen, drei Ferkel bei Vollmond zu schlachten, damit Jay7 ihr endlich täglich schreibt. Sie würde es tun.

«Soll ich ihm nicht kurz schreiben, dass ich selber weiss, wie blöd meine letzte Nachricht war?», fragt sie. O, Mann. «Nein», sage ich und bin froh, nicht mehr in ihrem Alter zu sein. «Wenn er dich mag, findet er die Nachricht süss und wird antworten. Wenn er nicht antwortet, weil er nicht weiss, ob er dich mag, gib ihm Zeit, das rauszufinden. Und wenn er dich nicht mag, freut sich der Nächste.» Céline nickt und hält entschieden den Kopf hoch. Als wir uns am Bahnhof verabschieden, drehe ich mich um. Natürlich schreibt sie eine Nachricht.

Dieser Text erschien am 02.11.2017 in DIE WELTWOCHE





Schwach bleiben


Ich finde Männer toll. Nicht alle, aber viele, richtig viele, Tag für Tag. Und so klug sind sie, oft! Umso verblüffter war ich darüber, wie undifferenziert sich die Mehrheit der Männer in der #metoo-Debatte zeigte.

Jede neue Diskussion über Sexismus hält uns vor Augen, wie aggressiv uns das Aufbrechen der Geschlechterrollen in den letzten Jahrzehnten gemacht hat. Die Welt zerfällt in links und rechts, die Welt zerfällt in Männer und Frauen. Die Fronten werden härter. Gleichzeitig wird der Einheitsbrei verspottet. Männer und Frauen würden sich zu sehr angleichen, wird gerne beklagt. Auch die Parteien sagten am Ende des Tages alle dasselbe. Scheinbar kann man dieses oder jenes meinen – und beide Male absolut recht haben. Wir leben in verwirrenden Zeiten.

Kocht dann wieder so eine Debatte hoch, in der die Frauen die Männer anklagen, steht jeder Einzelne von uns vor der Wahl: Will ich den Status quo verleugnen, bestätigen – oder will ich helfen, unser Zusammenleben ein kleines bisschen harmonischer zu machen? Es gab Männer, die sich mit Empathie und Verstand einbrachten, als Frauen auf der ganzen Welt zu ihrer Verletzlichkeit standen und mutig äusserten, wie sie sexuelle Übergriffe erlebten und was das mit ihnen gemacht hat.

Die Mehrheit der Männer blockte aber rigoros ab. Viele von ihnen sassen die Debatte einfach aus. Andere – und das ist jetzt Ironie mit schwarzem Humor – wurden wütend bis aggressiv. Wieder andere hängten sich nur allzu dankbar an den paar hmetoo-Äusserungen auf, die ihnen zu harmlos erschienen. Sie scherzten darüber, dass man Frauen ja nicht mal mehr ein Kompliment machen dürfe.

Darüber, dass jeder Frau, die echtes Unrecht beklagte, neue Beleidigungen und Hass entgegenschlugen, wurde ritterlich hinweggesehen.

Es gibt ein interessantes Phänomen in der Psychologie: Wut schützt vor der Traurigkeit, die die eigene Verletzlichkeit in uns auslöst; ein Ablenkungsmanöver unserer Psyche. Auch das Reissen von Witzen ist ein altbewährtes Schutzmanöver. Solange ich lache, kann mich doch keine Kugel getroffen haben!

Allerdings wurde ich das Gefühl nicht los, dass viele dieser Männer durchaus getroffen waren. So viele von ihnen haben Töchter daheim. Und jeder will seiner Tochter der beste Vater sein. Zu sehen, wie viele Männer da draussen sich Frauen gegenüber falsch verhalten, hat auch die Anständigen in ihrer Männlichkeit verletzt. Und wer diese Verletzlichkeit nicht zulassen konnte, wurde wütend oder höhnisch.

«Ich habe eine Schwäche für dich» lautet eine schöne Formulierung im deutschsprachigen Raum, mit der wir Zuneigung ausdrücken. Nur wer verletzlich bleibt, lässt Raum für Liebe.

Dieser Text erschien am 26.10.2017 in DIE WELTWOCHE





Verkappte Romantiker


Binden sich Männer überhaupt noch ohne Unfall-Baby?», fragt Mareike beim Mädels-Brunch und nippt am Minztee. Allgemeines Schulterzucken. «Was wäre das für eine Entwicklung, wenn wir Frauen alle heimlich die Pille absetzen müssten, damit die Typen endlich erwachsen werden?», fragt sie.

Die Empirie unseres Freundeskreises ist be- unruhigend, was die Korrelation von Unfall-Babys und Bindungen betrifft. Zwei von zwei festliierten Männern, die wie wir dreissig sind, haben ihre Frau einem Kind zu verdanken anstatt umgekehrt. Die Konsequenz der ungewollten Schwangerschaft war in beiden Fällen, dass die Männer aus der Affäre eine feste Beziehung machten. Der eine Casanova wurde sogar mit einem Schlag so konservativ, dass er die zwischen Tür und Angel im Suff geschwängerte Dame wenig später ehelichte. 100 Prozent der gebundenen Männer in unserem Freundeskreis sind Unfall-Baby-Väter. Das Heikle am Unfall-Baby-Vater ist seine Glitschigkeit: Kaum glaubt man, ihn begriffen zu haben, flutscht er einem schon wieder aus der Hand. Der Unfall-Baby-Vater lässt sich im Spektrum der Männlichkeitskonstrukte nicht klar verorten. Die zwei Exemplare, die unser Freundeskreis hergibt, könnten nicht unterschiedlicher sein: Der eine, erwähnte, ist umtriebig; der andere ein ausgemachter Softie.

Der Umtriebige war ein weithin begehrter Junggeselle. Sein überdurchschnittliches Einkommen verprasste er gerne für Reisen, Sport, Feiern und die Bespassung von Frauen. Er hat Humor und alles; er ist der Mann, der die älteren Damen ebenso wie die jungen zum Kichern bringt. Nachdem er seine mehrmonatige Affäre mal wieder gegen die Wand gefahren hatte, stellte er fest, dass ein Loch im Kondom war, woraufhin er augenzwinkernd meinte: «Keine Bange, wird nichts passieren.» Das wusste er, da er seinem Selbstverständnis nach Gott ist.

Der andere, der Softie, war jahrelang mit seiner Freundin zusammen, ohne sich auch nur zu einer gemeinsamen Wohnung durchringen zu können. Was die zwei unterschiedlichen Herren neben dem Jahrgang und ihrer damit verbundenen Zugehörigkeit zur Generation Bindungsgestört noch verbindet, ist ihre Wurstigkeit im Umgang mit ihren Frauen. Interessanterweise schritten beide sehenden Auges ihrer Unfall-Baby-Zukunft entgegen. War es also gar keine echte Wurstigkeit, sondern eine angstbehaftete Form der Romantik in einer Welt, die uns nur noch wenig Sicherheit gibt, weshalb die freiwillige Selbstverpflichtung nun einmal immer schwerer fällt?

«Du und der Gnom in deinem Bauch sind das Beste, was mir im Leben passiert ist», sagte der Casanova vor versammelter Gesellschaft an der Hochzeit zu seiner Unfall-Braut. Spätestens da wirkte die Geschichte der beiden gar nicht mehr so verunfallt.

Dieser Text erschien am 19.10.2017 in DIE WELTWOCHE





Wunschleben


Jetzt ist es zwar glatt, aber du musst es noch mal waschen», meint Sabine mit Blick auf mein Abendkleid. Wir haben es mit ihrem Dampfeisen gebügelt. Aber eine so gute Hausfrau, dass destilliertes Wasser drin wäre, ist Sabine dann auch wieder nicht – mein Kleid hat nun gelbliche Kalkflecken. «Magst du dir ein Valentino von mir leihen?», fragt sie plötzlich mit leuchtenden Augen. «Dann zieht wenigstens eine von uns die schönen Sachen an.»

Sabine ist sechs Jahre älter als ich. Die Kleider stammen aus ihrem früheren Leben. Sie sind aus der Zeit, als sie noch für eine der internationalen Unternehmensberatungen arbeitete, deren Namen jeder kennt. Heute ist sie vor allem Mama von zwei kleinen Kindern. Sie gehört zu den Frauen, die trotz strahlender Karriere für ihre Familie zurückstecken. Viele urbane Karrierefrauen rümpfen die Nase über «Verräterinnen» wie sie. Was ich nicht verstehe. Ich bewundere Sabine für die besondere Beziehung, die sie zu ihren Kleinen hat, und beneide sie oft genug.

Als ich in einem von ihren Kleidern stecke, schaut sie mich wehmütig an. Sie fährt sich durch die Haare, seufzt und stemmt die Hände in die Hüfte. «Ach, jetzt komm schon!», sage ich mitfühlend. «Ein Snickers weniger pro Tag und etwas mehr Bewegung, dann passt du da in ein, zwei Jahren auch wieder rein!» Sie lacht. «Das ist es nicht, du dummes Miststück.» Wir schauen uns an. Sabine ringt regelrecht um Fassung. Was ist denn los? «Wir ziehen weg», sagt sie schliesslich – und fängt an zu heulen. Als wir das unausgeschlafene Mami mit einem Snickers beruhigt haben, erzählt sie die Geschichte. Karl hat ein Jobangebot in den USA, das sie nicht ausschlagen können. Sie werden gehen, es ist bereits entschieden. «Ich, eine Expat wife!», sagt Sabine ungläubig. «Dass ich so weit gehen würde für die Liebe, hätte ich nie gedacht», meint sie. Sie denkt zurück an das Mädchen, das sie einmal war. «Meinen Schulabschluss habe ich mit Auszeichnung bestanden», sagt sie. «Und ins Jahrbuch schrieb ich grosskotzig, dass ich ‹die erste fähige Bundesrätin› werde. Jetzt schau mich an!» – «Würdest du dir denn wünschen, in deinem Leben irgendwo eine andere Abzweigung genommen zu haben?», frage ich. Sabine nimmt sich Zeit für die Antwort. Dann lehnt sie sich auf der Couch zurück und sagt entspannt: «Nein. Eigentlich nicht.»

Na also. Nichts anderes hatte ich erwartet. Sabine ist eine kluge Frau, die weiss, was sie tut. Aber natürlich macht ihr das Neue jetzt Angst. Es sind immer die Mütter und Hausfrauen, die bei Umzügen die Hauptlast tragen. Während Karl im Job eingebunden sein wird, muss Sabine schauen, dass sie das neue Leben in der Fremde organisiert bekommt. «Es wird toll in Seattle», sage ich. «Mein Gästezimmer dann bitte in Taube halten!», füge ich noch augenzwinkernd an und drücke ihre Hand.

Dieser Text erschien am 05.10.2017 in DIE WELTWOCHE





Mann, pack an!


Neulich standen drei frisch versingelte Frauen um einen Grill, den sich eine von ihnen neu gekauft hatte. «Wo ist der Power-Knopf?», fragte sie, während die zweite nur die Bedienungsanleitung auf Chinesisch fand und die dritte zuerst ein You- tube-Tutorial und dann doch die Nummer ihres Ex-Freundes auf dem Handy aufrief.

Nein, das ist nicht der Anfang eines Witzes. Und ja, wir haben das Ding dann auch anbekommen, in unter einer Stunde. Als schliesslich die Würste auf dem Grill brutzelten, hatten wir also endlich Zeit, uns wegen wich- tigerer Dinge den Kopf zu zerbrechen. Zunächst erörterten wir die Frage, ob das Würgen und Würgenlassen, der neue Bettsport-Trend, feministisch vertretbar sei – was wir schnell und einhellig beantworteten («Wahrscheinlich nicht»). Das führte uns aber zu einem anderen, verwandten Problem. Mareike formulierte es so: «Den Frauen, die es im Bett zunehmend rau mögen und die irgendwie Gefallen finden an dem ganzen SM-Kram, stehen doch absurderweise heute Männer gegenüber, die sich gar nichts mehr trauen.» Womit sie wohl ins Schwarze trifft: Statistisch gesehen hat die junge Generation weniger Sex, und in Ratgeber-Kolumnen fragen Männer ständig, wie sie ihre Freundin anfassen sollen. Was früher die Intuition befahl, überprüft der Kopf jetzt dreimal. Ist Sex von hinten nicht total respektlos? Und was ist die Missionarsstellung eigentlich anderes als die reine Unterdrückung?

«Das hat was extrem Veganes», sagt Mareike nicht ohne Verachtung und beisst dabei von ihrer Wurst ab. «Es ist halt nunmal so, dass nachts in unseren Sex-Fantasien Dinge passieren, gegen die wir tagsüber auf die Strasse gehen würden.» Dann erzählt sie von einem One-Night-Stand, der hingegen so überaus anständig verlief, dass es ihr graute: «Erst mal hat er lauter Kerzen angemacht und wollte ewig rumstreicheln, dazu hat er so komische Stöhngeräusche gemacht wie ein Mädchen.» Als sie auf dem Weg nicht vorwärtskamen, habe sie sich oral um ihn bemüht, woraufhin er völlig überdreht reagiert habe. «Er meinte, das sei das erste Mal, dass eine Frau das für ihn macht, und dabei war der Gute schon 26 Jahre alt!» Vorschnell kam er, Mareike meldete sich nicht mehr, er schickte Terrornachrichten, dass er bereits verliebt sei und auch schon sehr enttäuscht. Als Mareike fertig erzählt hat, hebt sie ratlos die Hände.

Die «Generation Snowflake» – übersensibel, psychisch labil, schnell verzagt – will niemandem weh tun. Nur ist es auch ein altes und offenes Geheimnis, dass Lust und Schmerz nah beieinanderliegen, und wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Wird das blosse Anfassen zum Übergriff, kommt eben irgendwann keiner mehr.

Dieser Text erschien am 28.09.2017 in DIE WELTWOCHE





Abgewürgt


Sie hat beim Küssen so krass den Mund aufgerissen, dass ich nicht nur viel zu viel Zunge, sondern teilweise auch ihre Zähne abbekommen habe», erzählt Maxim bei einem Gin Tonic auf meinem Balkon, das Eis klirrt im Glas, was mir die Haare aufstellt, weil ich dabei an die Zähne der Frau denken muss. Sie sei von Anfang an angriffig gewesen. «Und dann, nach nur zwei Minuten dieses absurd gestörten Rummachens, führt sie meine Hand an ihren Hals . . .», sagt er mit schreckgeweiteten Augen und muss kurz eine Pause machen, bevor er anfügen kann: «. . . und sie drückt zu!»

Maxim war am Wochenende mit zwei Freunden in einem Klub. Nachdem er in den letzten Monaten brav war und den Ausstieg aus seinem Aufreisserdasein genoss, schockiert ihn seine neuste amouröse Begegnung besonders.

«Ich schaue sie also verdutzt an», erzählt Maxim weiter, «und frage, ob sie gewürgt werden will – sie bejaht.» Er habe das aber beim besten Willen nicht leisten wollen. Ich rutsche unwohl auf meinem Stuhl herum, sage nur: «Joa, krass . . .» – «Was, krass?», fragt Maxim fast ein bisschen erbost, «jetzt sag schon, ist das denn normal? Letztes Jahr, die Lena, die wollte auch gewürgt werden. Wenn ich momentan durch die Stadt laufe, frage ich mich bei jeder Frau, ob sie auch so eine ist – grauenhaft!» Ich selbst bin zwar bisher um die Würger herumgekommen, aber nach allem, was ich von Freundinnen höre, scheint das Würgen und Würgenlassen im Bett tatsächlich im Trend zu liegen. Allerdings hatte ich bisher nur Geschichten gehört, in denen das Würgen vom Mann ausging. Und ganz beiläufig, eher so ein Würgen, das auch als Abstützen oder Festhalten durchginge. Was mir aber alle Frauen bestätigten, war, dass sie es sehr heiss fanden.

Sie geniessen dabei, einmal jegliche Kontrolle abzugeben, selbst die über die eigene Atmung. Und Männer scheint es zu erregen, eine Frau absolut dominieren zu können. Im Porno gehört «Gagging» schon lange zu den üblichen Subgenres. Und bereits vor «Fifty Shades» war da der Film «Killing Me Softly», in dem ein Bergsteiger beim Sex die Atmung seiner Freundin mit Hilfe eines Satinbandes steuerte. Nicht zu vergessen das Vogue Homme-Cover vor ein paar Jahren, das ein angezogenes, aber offensichtlich sehr lüsternes Modelpärchen zeigte: Er hatte sie einhändig im Würgegriff. Es sah sehr cool aus.

Maxim ist nicht überzeugt. Wie er sich selbst aus der Bredouille brachte? Er habe noch ein paar Minuten länger mit der Frau rumgemacht, wobei er arg versucht habe, ihr aggressives Küssen in weniger beängstigende Bahnen zu lenken. «Bis sie dann sagte, sie gehe jetzt heim, ich sei zu lieb, das passe nicht», sagt Maxim. Er schüttelt den Kopf, grinst ungläubig und resümiert: «Die hat mich einfach abgewürgt!»

Dieser Text erschien am 21.09.2017 in DIE WELTWOCHE





Bindungsgestört


Suzanne hat sich für diesen Abend das Chanel-Jäckchen ihrer Mama geliehen. Sie ist 21 Jahre alt und nippt unsicher an ihrem Champagnerglas; zufällig sind wir auf der gleichen Party gelandet. «Was würdest du anders machen mit den Männern, wenn du noch mal in meinem Alter wärst?», fragt sie mich erwartungsvoll. «Vielleicht würde ich meinen ersten festen Freund nicht verlassen», sage ich. «Denn das war Liebe – und für die Männer nach ihm kann ich meine Hand nicht ins Feuer legen. Das Gute gut genug sein lassen, das ist in der Liebe wohl nicht dumm.» Suzanne nickt höflich — schaut mich aber an, als hätte ich eine Vollmeise.

Ich erkundige mich im Gegenzug, was bei 21-Jährigen heute die grossen Themen sind. Schliesslich hat sich in den neun Jahren, seit ich in dem Alter gewesen war, vieles getan. Die Smartphones und Dating-Apps revolutionierten das Kennenlernen, und überhaupt: Das amerikanische Dating-Konzept – unkompliziert und ungebunden verschiedene Menschen treffen, bevor man sich, wenn überhaupt, festlegt –, das war damals bei uns auch nicht so verbreitet wie heute.

«Meine Freundinnen und ich haben das Gefühl, dass die Männer in unserem Alter jede Beziehung kaputtmachen. Die wenigsten sind überhaupt in der Lage, sich auf eine Frau einzulassen», sagt Suzanne. «Aber wenn dann Schluss ist, kommen sie mit tausendprozentiger Sicherheit wieder angekrochen.» Nur wollten dann in aller Regel die Frauen nicht mehr.

Ich muss lachen, weil mir das trotz der Jahre zwischen uns bekannt vorkommt. Ein Ex-Freund meldet sich seit geschlagenen drei Jahren in regelmässigen Abständen mit Rückgewinnungsversuchen, die anfangs noch rührend waren, aber mittlerweile nur noch lächerlich und nervtötend sind. Gerne betont er, dass er nie einen Menschen so geliebt habe wie mich, aber zu verwirrt und unreif gewesen sei damals. Er war da 27 Jahre alt. Ich denke an die Generation unserer Eltern: Mein Vater war in dem Alter schon seit Jahren fest mit meiner Mutter liiert. Warum sind Männer heute mit Ende zwanzig noch Kinder?

Sind wir eine Generation der Bindungsgestörten? Ist die Globalisierung schuld, die dafür sorgt, dass wir uns zwar vereinen, aber nie aneinander kleben bleiben, weil wir dann doch wieder in verschiedenen Städten arbeiten? Oder passen wir uns nur der Tatsache an, dass wir länger leben, und binden uns intuitiv entsprechend später? Von meinen gleichaltrigen Freunden, Männern wie Frauen, ist nur eine Einzige verheiratet. Ein Kind hat sie nicht. Angesichts der Tatsache, dass Frauen in der Schweiz bei der Erstgeburt durchschnittlich über dreissig Jahre alt sind und in den Städten im Schnitt Mitte dreissig, verstehe ich, weshalb Suzanne mich so perplex anschaut: Niemand bleibt bei seinem ersten Freund. Und heute auch nur die wenigsten beim zweiten, dritten, vierten oder fünften.

Dieser Text erschien am 14.09.2017 in DIE WELTWOCHE





Sapiosexuelle


Marlene kippt den Espresso im Stehen runter und erzählt von dem Ausnahmetalent, das sie jagt. Vier andere Literaturagenten sind angeblich hinter ihm her, man munkelt, er sei der nächste Joël Dicker. Seit der Genfer mit 28 Jahren einen Weltbestseller landete, will nicht nur jeder junge Autor sein wie er. Auch die Agenten wollen die nächste Cristina De Stefano sein, die Agentin, die ihn entdeckte. Und während Marlene in einen ihrer exzentrischen Monologe fällt, schaue ich in ihr hochgradig arrogantes Gesicht, das ich so mag, und ich denke daran, wie ich sie am Berliner Literaturinstitut kennenlernte, als sie, die Doktorandin, ein Seminar für postkoloniale Literatur gab und ich als Studienanfängerin nur dasass und dachte: «Wow, was für eine mondäne Frau!»

Da reisst mich Marlene aus dem Tagtraum – mit dem vielleicht seltsamsten Satz, der ihr je über die Lippen kam: «Als Sapiosexuelle kann ich nicht mit Autoren schlafen, die nicht wenigstens bei Suhrkamp erscheinen.»

Wie bitte? Was habe ich denn da verpasst. «Sapiosexuell – heisst das, du stehst auf Homo sapiens?», frage ich Marlene nach dieser sexuellen Orientierung, von der ich noch nie gehört habe. Vielleicht ist es in einer Zeit, in der bereits 30 Prozent der Menschen in Umfragen angeben, dass sie Sex mit Robotern heiss fänden, einfach nicht mehr selbstverständlich, auf Menschen zu stehen, und man muss das jetzt dazu sagen. Marlene verdreht die Augen. «Sapiosexuell kommt von ‹sapere›, das heisst ‹wissen›», sagt sie. «Claudia, als Frau ohne Lateinkenntnisse wirkst du immer so schrecklich dumm!», fügt sie noch an und seufzt irritiert.

Natürlich kann ich es ihr nicht übelnehmen, sie hat mindestens dreissig IQ-Punkte zu viel, und der Umgang mit normalen Menschen löst einen peinvollen Ennui in ihr aus. Sobald ich daran denke, dass sie vielleicht wirklich mit Suhrkamp-Autoren schläft, empfinde ich ohnehin nur noch Mitleid. Wissen Sie, wie die aussehen? «Jedenfalls soll der neue Dicker so hübsch sein wie der alte – vielleicht mein entscheidender Vorteil gegenüber den anderen Agentinnen!», erklärt Marlene. Die anderen würden mit Sicherheit «ganz weich und weiblich werden», sobald sie dem Jungstar von morgen gegenüberstehen. «Ich hingegen kann ihn mit meiner kalten und herzlosen Art beeindrucken!», sagt Marlene triumphal. «Aber der muss doch auch sehr schlau sein, wenn er so gut schreibt, nicht?», gebe ich zu bedenken. Marlene kräuselt die Lippen. «Das ist ein Storyteller», sagt sie, und es klingt wie eine intellektuelle Bankrotterklärung. «Stephen Hawking hat mehr Sex-Appeal im kleinen Finger als diese Jungs mit ihren grossen Erzählungen und hübschen Gesichtern in ihrer ganzen, vermarktbaren Existenz.»

Dieser Text erschien am 07.09.2017 in DIE WELTWOCHE





Unschöne Wahl


Es sind ja viele Paare unterwegs in Venedig», schreibt Maxim aus Venedig, «und bei gefühlt allen von denen ist die Frau deutlich attraktiver als der Mann. Teilweise so deutlich, dass ich lachen, grummeln oder fragend zum Himmel schauen muss. Wo sind die gutaussehenden Typen? Haben die sich alle umgebracht?» Mit der letzten Frage spielt mein Cousin scherzhaft auf seine Überzeugung an, dass schöne Frauen oft besonders anstrengend seien. «Nicht anstrengend», widerspricht Maxim, «nervtötend.»

Man braucht nicht extra nach Venedig zu fahren, um das Gefühl zu kriegen, dass er wenigstens mit dem Attraktivitätsgefälle recht haben könnte. Auch in der nächsten Badi hat die langbeinige Grazie Kinder von dem dicken Brocken, der neben ihr im Schatten liegt und Pommes mampft. Die meisten Frauen scheinen sich wohler zu fühlen, wenn sie ihren Mann optisch überstrahlen können. Wobei ein amerikanischer Freund einmal meinte, das sei ein europäisches Ding: «Während sich Amerikanerinnen in Sachen Attraktivität gerne auf Augenhöhe paaren und sich auch mal auf einen schöneren Mann einlassen, scheint ihr Europäerinnen da reflexartig nach unten zu greifen.» Tom Brady und Gisele Bündchen sind gleich umwerfend, Bill ist attraktiver als Hillary. In Europa hingegen: die makellose Kate und der verklemmte Prinz oder der hundertjährige Oskar Lafontaine mit Granate Sahra Wagenknecht. Könnte man jetzt beliebig so weitermachen.

«Es war einseitig, als du letzte Woche meintest, die heutigen Männer wären herrschsüchtig», findet Maxim. «Sehr viele Frauen sind da kein bisschen anders. Lieber ein Typ, der zwei Klassen unter ihnen spielt – dafür kein Stress und volles Kommando.» Natürlich ist Schönheit Macht. Und Kontrolle ist das, was wir wollen, wenn wir verunsichert sind. So verkehrt das auch sein mag: Wer sehnt sich nicht nach Sicherheit in der Liebe?

Einmal in meinem Leben habe ich mich auf einen Mann eingelassen, den ich viel schöner fand als mich selbst. Als pummelige Berufsanfängerin mit schlechtem Kleidergeschmack und einer obsessiven Beziehung zu Lars-von-Trier-Filmen, schrägen Büchern und Pizza. Ich bin dann, getroffen von Amors fiesem Pfeil, von der Couch aufgestanden und fühlte mich hochgradig unzulänglich. Wie ein aufgeschrecktes Huhn rannte ich ins Fitnessstudio, malte in meinem Gesicht herum und versuchte, einen ästhetischen Zusammenhang zwischen Kleidungsstücken herzustellen. Nur, um mir dann von dem schönen Mann sagen zu lassen, ich sei nicht mehr die Frau, die er wollte. So lernte ich, dass es wahr ist, was die netten Menschen stets so einfallslos wiederholen: «Wie du aussiehst, interessiert keinen, der es ernst mit dir meint.»

Dieser Text erschien am 31.08.2017 in DIE WELTWOCHE





Neue Herrschsucht


Meine Freundin Anouk und ich gehen beim Abendessen die Antworten zu einem Fragenkatalog durch, den ich einem gemeinsamen Bekannten geschickt habe, der sich seit langem nicht mehr bindet.

«Warum hast du Angst davor, dich auf eine Frau einzulassen?» – «Schmerz.» – «Was steht auf dem Spiel?» – «Kontrolle.» – «Was ist das Horrorszenario? «Betrogen und verlassen zu werden.» – «Kontrolle, das ist der Knackpunkt!», meint Anouk und fügt mit einem Augenzwinkern an: «Wenn du mir versprichst, dass du meinen Namen änderst und erwähnst, wie heiss ich bin und dass ich wohl bald wieder zu haben sein werde, kannst du alles in der Kolumne verwenden, was ich jetzt sage.» Abgemacht.

Anouk – 30, Anwältin – und ihr langjähriger Freund sind gerade von einer Kroatien-Reise zurück. Sie führen eine Fernbeziehung, da Anouk der Karriere wegen nach Zürich zog, während er in Hamburg blieb: als schlechtbezahlter Mitarbeiter eines nachhaltig erfolglosen Start-ups. Sie zahlt ihre Wohnung in Zürich und die Hälfte der gemeinsamen Wohnung in Hamburg, in der sie nur noch alle paar Wochen vorbeischaut. Man könnte auch sagen: Sie finanziert ihn mit. Dankbar ist er nicht.

Seit einiger Zeit legt er ein Verhalten an den Tag, das Anouk und ich auch aus anderen Beziehungen kennen und über das immer mehr Frauen unserer Generation klagen: Viele Männer pflegen heute im Privaten eine verzweifelte, geradezu lächerliche Herrschsucht. Je erfolgreicher die Frau, desto schlimmer.

«Neulich bat er mich, für ihn ein Rasierwasser zu kaufen», erzählt Anouk beispielhaft. «Er sagte, entweder dieses bestimmte oder keines.» Sie zog los, fand das Rasierwasser nicht und kaufte ihm ein ähnliches, weil er nun mal gar keines mehr hatte. Daraufhin wurde er richtig laut: «Anouk, was verstehst du nicht an ‹dieses oder keins›, hä? Erklär’s mir!» Seit geraumer Zeit versuche er, sie zum dummen Mädchen zu degradieren, bei den albernsten Banalitäten. «Neulich riss er mir das Handy aus der Hand, als ich Flüge einchecken wollte – dabei habe ich das schon hundertmal häufiger gemacht als er!» Der Gipfel sei erreicht gewesen, als sie in Kroatien am Strand auf zwei Handtüchern nebeneinanderlagen und er jedes Mal stöhnte, wenn von ihren Bewegungen ein Sandkorn zu ihm rüberkam, das er sogleich pedantisch wegwischte. Dabei war er eigentlich immer der Kreative, der Lustige und Entspannte der beiden gewesen.

Ich kann Anouk nur bestätigen, dass ich diesen Mist selber leider mehr als einmal erlebt habe. Da hält sie mir die Hand ironisch zum Abklatschen hin, als hätten wir ein Spiel gewonnen, und sie sagt: «Wir holen schon ganz schön den Teufel aus ihnen heraus, nicht?» Ich zucke lachend mit den Achseln, schlage ein und sage mit leiser Betroffenheit: «Ja, offenbar.»

Dieser Text erschien am 24.08.2017 in DIE WELTWOCHE





Goldküstensex


Nach der Trennung suchte ich mir eine neue Wohnung. Und weil man ja erst mal einen Egoknacks weghat, wenn die Liebe geht, zog ich nicht irgendwohin, sondern wenigstens an die Goldküste. Wer dort wohnt – und zumindest vom Klofenster aus einen Zipfel vom Zürichsee sieht –, der ist schliesslich wer! Sozialer Aufstieg durch Umzug: Call me Goldküstenfrau. So fühlte ich mich trotz zerbröseltem Herzen halbwegs hochwertig und auch sehr stark – bis der Möbellieferer kam. Denn plötzlich fand ich mich in den Vorbereitungen zu einem billigen, gnadenlos klischierten Pornostreifen wieder, bei dem mir auch noch eine Rolle zugedacht war. In meiner eigenen Wohnung!

Der Möbellieferer also klingelte (nur einmal) und brachte meinen neuen Tisch. Ich wähnte die Montage inkludiert, was nicht zutraf. Also sprach er zu meinen Brüsten: «Für zwanzig Franken kann ich den Tisch schon aufbauen.» Ich dachte: «Solange ich nicht weiter am Boden esse» – und so machte er sich an die Arbeit. Kurz darauf zog er sein Shirt aus; es sei so heiss. Was folgte, war ein braungebranntes Muskelspiel. Er befragte mich zu meinem Zivilstand, liess auch die angebliche Schönheit meines banalen Freizeitkleidchens nicht unkommentiert. Ich lächelte professionell – und musste teils lachen über seine bauernschlauen Sprüche. Trotzdem war ich froh, als er fertig war und ich ihm den Zwanziger entgegenstrecken konnte – woraufhin er mir viel zu langsam und vollkommen unangebracht drei Küsschen links, rechts, links auf die Wangen drückte, um dann mit Schlafzimmerblick zu fragen: «Soll ich noch bleiben?»

«Leider muss ich jetzt los», versuchte ich ihn höflich abzumoderieren. Er aber: «Leider? Ich kann wiederkommen.» Ich lachte nur – was er missdeutete. Mit entschiedenem Blick kam er auf mich zu; ich dachte: «Shit, jetzt packt er dich.» So musste ich doch noch unfreundlich werden, wies ihn raus und verschloss die Tür. Als der Gipser zwei Tage später anbot, mir «kostenlos»(?) die Lampen anzuschrauben, wurde ich hellhörig. Und so frage ich nun mit Fug und Recht: Ist das so an der Goldküste, bezahlen Frauen hier etwa gelegentlich mit Sex? Woher sonst nehmen die Arbeiter im Reservat für reiche, einsame Frauen ihr überbordendes Selbstbewusstsein? Der Möbellieferer war nicht aufgetreten wie einer, der die Masche zum ersten Mal probiert. Vielleicht ist der kräftige Monteur für die Goldküstenfrau, was für ihren 24/7 arbeitenden Unternehmergatten die junge Assistentin ist.

An den zwei Polen der Gesellschaft, bei den Armen und den Reichen, findet man ja häufiger dieselben Vorlieben. Die Schäbigkeit der einen ist der shabby chic der anderen: Löcherjeans, Drogen, abgenutzte Möbel. Sex als Zahlungsmittel, das wäre nur einen Schritt weiter gedacht.

Dieser Text erschien am 17.08.2017 in DIE WELTWOCHE





Falsche Orgasmen


Die (heterosexuellen) Männer sind im Leben ja oft benachteiligt. Etwa, wenn sie sich zum Synchronschwimmen berufen fühlen, in ihrer Freizeit gerne Kerzen ziehen oder Schmuckschatullen besitzen, die mit kleinen, tanzenden Ballerinen verziert wurden. Als reine Frauensache galt seit Menschengedenken auch das Vortäuschen von Orgasmen. Aus gutem biologischem Grund.

Schliesslich hinterlässt der männliche Höhepunkt – anders als der weibliche – eine untrügliche Spur. Halbwegs glaubwürdig können die Herren der Schöpfung daher nur mit Hilfe eines Kondoms vortäuschen, das sie zudem verschwinden lassen müssen, bevor die Herzensdame den Inhalt prüfen kann. Nicht, dass wir Frauen das jemals getan hätten. Aber womöglich fangen wir bald damit an.

Eine kürzlich veröffentlichte Studie unter amerikanischen College-Studenten ergab, dass 25 Prozent der Männer gelegentlich den Höhepunkt vortäuschen. 25 Prozent! Okay, verglichen mit den fast 100 Prozent der Frauen, die von alters her von diesem Recht Gebrauch machen, steckt die männliche Emanzipation beim Orgasmusfälschen zwar noch in den Kinderschuhen — aber trotzdem: ein ganzes, beachtliches Viertel der jungen Männer ist schon so weit. Zeit für die Frage, was der falsche Orgasmus bringt. Worin liegt sein tieferer Sinn?

Wir Frauen waren ja immer in einer Notlage. Zumindest in Ländern mit christlich geprägtem Kulturerbe, wo schlechter Sex besonders verbreitet ist. Keine andere Weltreligion hat die körperliche Liebe – insbesondere die Lust der Frau – so stark verteufelt wie die, in der die einzige wichtige Frauenfigur eine Jungfrau ist. In so einem Klima schiessen echte weibliche Orgasmen halt nicht wie Unkraut aus dem Boden. Und für viele Männer ist es auch heute noch nicht selbstverständlich, sich im Bett etwas Mühe zu geben. Nun hatten wir ja aber eigentlich diese sexuelle Revolution und unsere Kultur ist körperlicher und lustbetonter geworden, auch dank dem ganzen fernöstlichen Yoga und Kamasutra, das zu uns hinübergeschwappt ist. Warum täuschen also gerade die Jungen ihre Orgasmen vor?

Die Studie, welche in der renommierten Fachzeitschrift Archives of Sexual Behavior veröffentlicht wurde, nennt für Männer und Frauen unterschiedliche Motivationen beim Vortäuschen. Frauen tun es, um das Selbstwertgefühl des Mannes zu stärken – dabei müsste sich doch gerade dieser mehr ins Zeug legen. Männer hingegen täuschen aus Unsicherheit vor – dabei war der männliche Orgasmus doch immer so einfach! Wie unsicher müssen Männer sein, wenn die schlichte Mechanik versagt? Da hilft nur noch eins: Aufstehn, aufeinander zugehn, voneinander lernen, miteinander umzugehn. Reden an sich ist zwar kein Lustbringer – Verständnis aber der Schlüssel zur Könnerschaft.

Dieser Text erschien am 10.08.2017 in DIE WELTWOCHE





Innere Reinigung


Maxim hat den Ausstieg aus seinem Aufreisserdasein angekündigt – und keiner hat’s geglaubt. Es schien auch, als habe mein Cousin nur gejammert, als er wochenlang mit Grippe darniederlag wie ein gebrochener Mann. In Krankheitsphasen überdenkt man ja gerne sein Leben, nur um danach genauso weiterzumachen wie vorher. Entsprechend ging Maxim, gerade wieder auf den Beinen, auch erst mal nach London für ein Sexwochenende mit einer alten Flamme aus L. A. – und wurde ihrer, wie jeder anderen Frau zuvor, schnell überdrüssig. Danach schrieb er mir auf Whatsapp: «Das war vielleicht wieder eine reiche, kleine, weisse Einzelkind-Tussi, die viel zu viel Aufmerksamkeit gebraucht hat!» Dazu zwei Emojis: ein Kopf und eine Pistole. Bumm.

«Nur eine Bereinigung», meint Maxim. «Ich musste eben erst mal alle bestehenden Bindungen nach ordentlicher Prüfung beenden.» Aber jetzt, verkündet er glücklich, jetzt sei die Zahl seiner aktiven Frauen bei null! Das erste Mal seit drei Jahren habe er keine am Start. «Bei zweien besteht zwar noch die Gefahr, dass sie sich wieder melden», fügt er dann doch an. «Aber die bekomme ich auch noch abgewehrt!» Er findet sich mal wieder ganz toll für das, was er macht. Und wie so oft, ist es von aussen nicht recht nachvollziehbar. Aber Maxim hat einen Plan: Er müsse sich endlich auf sich selbst konzentrieren, um überhaupt in den Zustand kommen zu können, wo er die Richtige erkenne, wenn sie vor ihm stehe. «Mich nerven die ganzen Storys um die Frauen-die-fast-was-hätten-werden-können langsam echt selber», meint er und klingt dabei so sauer, als hätte ihm jemand etwas getan, nicht umgekehrt.

Hätte Maxim die richtige Frau in den letzten Jahren überhaupt gesehen? Stand sie vielleicht vor ihm, aber er hat in seinem Fleischwahn nur konsumiert? War er insgeheim selber zu unsicher, zu instabil und unruhig, um sich auf etwas Festes einzulassen? «Ja», sagt Maxim nüchtern. «Ich glaube schon. Jemand, der sich immer nur fast verliebt, ist vielleicht einfach zu weit weg von sich selbst.»

Neulich war Maxim mit einem Freund, einem Theaterschauspieler, den die Fast-Liebe ebenfalls zerrieben hatte, in Tirol. Dort gingen sie spazieren. Tranken keinen Alkohol. Und schauten das Kulturprogramm im Fernsehen. Besonders in Erinnerung blieb die Sendung «Lärm: Was tun gegen Lärm?». Maxim ist jetzt grosser Arte-Fan. Von einem Extrem ins nächste: Ein Mann wie Maxim kann auch bei der Entschleunigung nicht langsam machen. Seelische Hardcore-detox. Aber solange er nicht im Zuge seiner Seelenbetastung seinen Job kündigt, um sich von den Tibetern unterweisen zu lassen, braucht er wohl keine Intervention. Soll er sich doch finden. War noch nie eine schlechte Idee.

Dieser Text erschien am 20.07.2017 in DIE WELTWOCHE




Rein-raus-Spiel


«Er hält mich für eine Schlampe!», sagt Marla und schlägt mit Ingrimm und einem Löffel auf ihr Frühstücksei ein, das am wenigsten was dafür kann. «Hast du mir nicht letztes Mal erklärt, das Konzept Schlampe sei überholt? Trag den Titel doch mit Stolz», rate ich zerstreut, während das Taufkind – ungeachtet seines festlichen Kleidchens – sein Frühstück auf sich und die Mama spuckt. Didi, Marlas grosse Schwester, hat vor wenigen Wochen entbunden. Sie und ihr Mann halten es diesmal klassisch: Wenn schon hochschwanger heiraten, dann wenigstens gleich danach taufen. Cédric, Marlas Freund, konnte beim Taufbrunch nicht dabei sein. Geschäftsreise, tja. Mehr Lästerfreiheit für uns.

Dass Marla wieder in einer Beziehung steckt, ist nach vier Jahren fröhlicher Promiskuität ein kleines Wunder. Sie hat Cédric an Didis Hochzeit abgeschleppt – und irgendwie ist er geblieben. «Es ist immer das Gleiche», jammert sie aber. «Am Anfang fand er meine sexuelle Offenheit und lebensfrohe Art total super. Und jetzt will er mich zähmen.» Es stimmt: Marlas Persönlichkeit fällt in Beziehungen stets einem lustlosen Rein-raus-Spiel zum Opfer. Am Anfang ist sie die extrovertierte Partymaus — und obwohl sie in Beziehungen treu ist: Bald werden die Männer eifersüchtig und bestrafen sie für ihre gute Aussenwirkung mit Liebesentzug. Marla kann dann nicht anders, als sich zurückzunehmen, sich ihren Charme zu verkneifen, kurzum: Sie stülpt ihre ganze lustige Persönlichkeit von aussen nach innen. Sitzt sie dann im Beziehungskäfig, bricht sie nach einiger Zeit voller Selbsthass wieder aus – und hüpft erneut von einem Bett ins andere.

Doch obwohl noch keins dieser Persönlichkeits-rein-raus-Spiele ihre wahre Schlampenidentität auf Dauer zu ummanteln vermochte, läuft sie jetzt wieder rum wie eine Präsidentengattin, im hochgeschlossenen Spitzenkleid, während sie bei Didis Hochzeit mit Blümchen im Haar und im lockeren Seidenkleid noch aussah wie ein Hippietraum. Jetzt ist da kein Décolleté, kein Hintern wird betont, braves Mädchen – erstaunlich, welche Bedeutung wir dem Äusseren und der Sexualität von Frauen heute noch beimessen, nicht? Tritt ein Mann lässig und sexy auf und hatte er vor einer Beziehung viel Erfolg beim anderen Geschlecht, macht ihn das begehrenswerter. «Eine Frau ist dann aber eine Schlampe und soll sich wegen ihres realen oder unterstellten Sexualverhaltens minderwertig fühlen», sagt die Amerikanerin Emily Lindin vom Unslut Project, das sich gegen die sexuelle Unterdrückung von Frauen einsetzt. «Das Wort Schlampe wird benutzt, um Frauen einen Platz in der Gesellschaft zuzuweisen und sie in eine Schublade zu stecken.» Klingt einleuchtend. Wie und wann Marla aber in einer so spiessigen Welt Liebe finden soll, bleibt spannend.

Dieser Text erschien am 13.07.2017 in DIE WELTWOCHE




Perfekte Männer


Meine Freundin Larissa hat einen Neuen, offenbar seit Wochen, ich wusste nichts davon, und als wir telefonieren, schwebt sie nicht nur auf Wolke sieben, es ist auch alles schon sehr fest, er und sie gegen die Welt, beinahe höre ich den Herzschlag des künftigen Babys durch ihr Blut und das Telefon rauschen, als Larissa den Satz sagt, den ich befürchtet habe: «Er ist perfekt!»

Larissa und ich teilen uns ein fatales Laster: den Hang zu narzisstischen Männern. Was haben wir nicht alles erlebt! Was haben wir geweint. Larissas erster Narzisst war Tim, ihre grosse Pausenhof-Liebe – für drei Wochen im August. Er wollte, dass sie ihre langen Beine stets in Hotpants ausstellte. Als sie nach einem Radunfall ein Bein eingegipst hatte und das andere verschrammt war, ging er über zu Maja, deren Beine ebenso lang und zudem unversehrt waren. Bei mir war da zuerst Andrew, der als Student all sein Erspartes drangab, ein Boot zu kaufen und mit mir von den Keys nach Kuba und so weiter zu segeln. Nicht nur wurden wir von der Küstenwache an Land gezogen, weil er gar nicht segeln konnte, er wurde auch aggressiv, als ich seine Kompetenz in Frage stellte. Der nächste perfekte Gentleman machte mir pausenlos Geschenke, verschwieg aber mit trügerischem Geschick, dass er strenggenommen noch bei seiner Mutter wohnte. Und dann war da der Typ, der Larissa ein Pony kaufte. Das war der Gipfel. Ein Pony, wie es sich kleine Mädchen von ihrem Papa wünschen. Womit wir wohl beim Thema wären.

Liebe Leserinnen, rennen Sie so schnell Sie können, wenn am Anfang einer Beziehung alles zu schön ist, um wahr zu sein! Wenn Sie an Ihrem Liebsten nicht die leiseste Schwäche entdecken, dann hat er mit grosser Wahrscheinlichkeit so viele, dass er sie krampfhaft geheim hält – doch sie werden ans Licht treten wie alles Verdrängte: mit grosser, zerstörerischer Kraft. Woran Sie einen Narzissten erkennen? Nicht nur an der Perfektion – hypergepflegtes Äusseres, steile Karriere, sterile Wohnung im Minimal Chic, ein scheinbares Herz für Hundewelpen –, sondern auch an seinen Grosstaten. Er hat Ihnen einen Ring für 20 000 Franken gekauft? Ja, Wahnsinn! Vielleicht tat er es, weil sein Kollege seiner Freundin ebenfalls einen gekauft hat, für 18 000 Franken – er musste ihn überbieten. Mit Liebe hat das wenig zu tun. Sie sind nur da, um ihn zu bewundern. Nach einer Phase, in der er Sie wie eine Prinzessin behandelt hat, kommt eine, in der Sie merken, wie abhängig er sie macht. «Schatz, lass mich die Finanzen regeln.» «Schatz, ich kümmere mich schon um die China-Reise.» Er nimmt Ihnen die Zügel aus der Hand — und verschafft sich selbst dabei vor allem: Macht. Über Sie. Plötzlich sind Sie das kleine Mädchen und er der grosse Daddy. Und gnade Ihnen Gott, sollten Sie daran etwas auszusetzen haben.

Dieser Text erschien am 06.07.2017 in DIE WELTWOCHE




Trennungschemie


In Trennungsphasen zeigt der Mensch sein hässlichstes Kindergesicht. Sich vor dem Ex-Partner auf den Boden werfen, mit den Füssen stampfen. In schlaflosen Nächten an seiner Tür klingeln. Massloser Süssigkeitenkonsum. Schimpfwort-Salven. Nimm-mich-zurück-Verzweiflung. Kurz: Man verhält sich so, wie der Arbeitgeber einen nie sehen dürfte. Dass gerade drei meiner Freundinnen in einer Trennung stecken, unterzieht meine eigene kleine Welt – das ganze Stabilitätskonstrukt, das ich mir in den letzten Jahren des Erwachsenwerdens aufgebaut habe – dem Crash-Test. Neues Hobby: Küchenpsychiatrie. Eine Mischung aus Kalendersprüchen und massiver Medikamentierung in Form von Weinverabreichung. Wegnahme von Handys. Verhindern, dass eine ihre Wohnung verlässt und zu ihm geht. Sie tun’s trotzdem. Drei Zwangsjacken wären jetzt super.

Warum sich Menschen nach einer Trennung so verhalten? Helen Fisher weiss es. Nein, nicht die leicht anders geschriebene Schlagersängerin – bei der ist selbst Liebeskummer easy, Liedzeile: «Es war ein Sternentanz, und wenn du gehst, vergiss mich nicht so ganz.» Pah! Meine Freundinnen würden sie anbrüllen für diese bodenlose Verniedlichung. Gemeint ist die Anthropologin Helen Fisher von der Rutgers-Universität, New Jersey. Sie fand heraus, dass leidenschaftliche Liebe in derselben Hirnregion stattfindet wie Drogensucht. Die Hirne Verliebter werden von Dopamin geflutet, man fühlt sich grandios. Nach einer Trennung läuft das Belohnungszentrum weiter auf Hochtouren, dreht aber durch wie Autoräder im Sand. Liebes-Junkies versuchen mit allen Mitteln, ihren Stoff zu erhalten – und betteln den Ex um Liebe an. Wer glaubt, Frauen täten sich leichter mit Trennungen, da sie schnell wieder umschwärmt werden, liegt falsch. Bei Frauen verändern sich nach Trennungen die Abläufe in zehnmal grösseren Hirnarealen als bei Männern. Betroffen sind vor allem die Regionen, die für Persönlichkeit und Motivation zuständig sind. Ergebnis: lebende Tote. Frauen bekommen auch häufiger das Broken-Heart-Syndrom, das tödlich enden kann: eine herzinfarktähnliche Erkrankung, ausgelöst durch emotionalen Superstress. Verrückt, nicht? Das Organ, das wir als Symbol für Liebe benutzen – obwohl wir das Hirn am Schalter wissen –, reagiert stark auf Emotionen.

Dass man nach einem Verlust aber wenigstens über sich hinauswachsen kann, zeigt nicht nur Wonder Woman im Kino (erst der Herzschmerz verleiht ihrem rechten Haken die volle Wucht). Schon elf Wochen nach Beziehungsende sprechen 71 Prozent der Menschen positiv über ihre Trennung. In Umfragen geben Entliebte an, zielorientierter zu sein und sich selbst besser zu kennen. Wenn’s für den einen nicht passt, ist eine Trennung eben auch für den anderen besser – selbst wenn kein Herz auf Entzug das glauben kann.

Dieser Text erschien am 29.06.2017 in DIE WELTWOCHE






Single-Frau, Ü-30


«Ich kann nicht mehr», sage ich von oben zu David, meinem Trainingspartner, der sich an meinen Füssen festhält und eine Bauchübung macht. «Du bist nicht mal dran!», keucht er. – «Nein, ich meine wegen der Trennungen. Ich will mal wieder über frische Liebe schreiben, aber meine Freunde trennen sich gerade alle.» – «Na, perfekt!», meint David, als er mit den crunches fertig ist. «Wenn sich deine Freundinnen jetzt trennen, gibt’s mit Sicherheit bald viele neue Liebesgeschichten für dich. Wir Männer trauern euch jahrelang still hinterher, aber bei euch steht doch nach zwei Heulkrämpfen der nächste Typ auf der Matte.»

Momentan ist es in meinem Umfeld wie verhext: Eine Beziehung nach der anderen geht in die Brüche. Zumindest haben wir dabei die Wissenschaft auf unserer Seite: Endet die Liebe guter Freunde, steigt das Risiko für eine eigene Trennung um 75 Prozent. «Er ist unromantisch, rücksichtslos und total langweilig», sagt die Freundin schluchzend. Und man selbst denkt: «Ja! Mensch . . . mein Freund verhält sich ähnlich . . . vielleicht sollte ich . . .» Trennungen haben die verflixte Eigenschaft, viral zu gehen – auch ganz ohne Internet.

«Hm, ich weiss nicht – wir sind doch jetzt auch alle schon dreissig. Und es gibt nichts Bedrohlicheres als eine Single-Frau in diesem Alter. Sofern sie einen Kinderwunsch hegt, verkrampft das jedes neue Kennenlernen. Nicht umsonst sind Frauenzeitschriften voll mit Beruhigungs-Essays für Frauen mit Torschlusspanik», gebe ich zu bedenken. David grinst. «Was steht dann da so drin?», fragt er und stützt seine verschwitzten Arme auf die Knie. – «Dass man durchatmen soll, sich nicht fertigmachen lassen von dem Stigma der kinderlosen Unverheirateten . . .», erzähle ich. Jetzt muss David lachen. «Stigma?», fragt er ungläubig. «Was für ein Witz. Es gibt nichts Luxuriöseres als die Single-Frau Ü-30. Ihr seht noch aus wie mit zwanzig – oder, na ja: fast. Und ihr könnt euch den reichen, guterhaltenen Mann über fünfzig schnappen, aber auch den zwanzigjährigen Toyboy – keiner schaut euch schief an. Das strategisch beste Paarungsalter. Ihr sitzt wie Spinnen in der Mitte des Netzes, umringt von kleben bleibenden Fliegen», so David. – «Ich finde, dem Single-Mann Ü-30 geht’s besser», entgegne ich. «Ihr habt keine biologische Uhr, werdet immer wohlhabender und seid nicht mehr so unreif wie mit zwanzig.» David steht auf und wischt sich den Schweiss ab. «Stimmt», meint er ungerührt. «Besser als der Single-Frau Ü-30 geht’s nur dem Single-Mann Ü-30.» Zufrieden fügt er an: «Und als Zugehöriger der überlegenen Gruppe habe ich nicht mal ein schlechtes Gewissen. Wenn ich daran denke, wie mir die Frauen früher auf der Nase herumgetanzt sind . . . Sollte euch das Alter etwas erden – prima! Und jetzt ab auf den Boden, crunches!»

Dieser Text erschien am 22.06.2017 in DIE WELTWOCHE






Endgegner


Ist schräg, wenn dich der kleine Bruder einer Freundin auf einer Party anmacht», sagt Céline und lächelt milde, ihr Bier scheint golden in der Zürcher Feierabendsonne. «Obwohl er ausgewachsen und volljährig ist, denkst du nur: ‹Was für ein Küken!›» Während Céline der Frage nachgeht, ob Sex mit Männern, die man nicht ernst nimmt, mehr Vor- oder mehr Nachteile hat, freue ich mich, dass sie zumindest mal über etwas anderes redet als Nick, Nick, Nick.

Ich fühle mich schuldig. Wäre Céline nicht mit mir auf Facebook befreundet, hätte Nick nicht meine alte Schulfreundin Samira kennengelernt. Sie ist sein Gegenteil: erfolgreich, kontrolliert, selbstdiszipliniert. Eigentlich kann Samira niemand leiden – was Nick wiederum nicht kratzen muss: Er ist beliebt genug für zwei, der schöne Nick. Jedenfalls legte er es darauf an, Samira kennenzulernen. Aus einer losen virtuellen Verbindung über mehrere Ecken wurde eine Fahrt nach München, wo sie lebt. Céline und Nick sind hingegen Geschichte.

Céline hat sich nach der Trennung die Haare kurz geschnitten und wieder mit dem Rauchen angefangen. Während ich sie beim genüsslichen Ausüben ihres alten Lasters beobachte, kommt mir die Endgegner-Theorie in den Sinn, die mein Cousin Maxim – Experte für alle Belange des Paarungswesens – einst nach dem dritten Bier entwarf. Die Endgegner-Theorie ist der Sphäre des Videospiels entlehnt: Hat man sich erfolgreich Level für Level weiter nach oben gespielt, trifft man auf der letzten Stufe seinen Endgegner.

Bei diesem handelt es sich um einen Gegner, der kaum zu schlagen ist. Wenn überhaupt, dann nur bei vollster Ausschöpfung des eigenen Potenzials, denn prinzipiell ist der Endgegner überlegen. Das Spiel gegen ihn ragt in jeder Liebesbiografie heraus: In den seltenen Fällen, in denen es gewonnen wird, kommt es zu Eheschliessungen – was man keinem wünschen kann. Denn der eigentlich unterlegene Spieler wird zeit seines Lebens in grosser Kurzatmigkeit damit befasst sein, dem angetrauten Endgegner das Wasser zu reichen. Heilsamer ist es, gegen seinen Endgegner zu verlieren – so weh das in der Liebe auch tut. Aus der Niederlage lässt sich lernen. Zum Beispiel, wer man ist und wie man sich nicht übernimmt. Eventuell gelingt es dann beim nächsten Paarungsversuch, den Partner auf Augenhöhe zu finden.

«Das Gute am Rauchen ist, dass ich gar nicht mehr so hungrig bin», sagt Céline, die in letzter Zeit weniger Sex hat als in der Amour fou mit Nick, der wenigstens eines konnte, und Céline begrüsste das auch deshalb, weil es Kalorien verbrannte. So gibt es für alles eine Lösung, und die Zigaretten sind zumindest gesünder für Céline als Nick, denke ich. Mittelfristig dürfte Nick mit seinem Verrat ohnehin den Kürzeren gezogen haben. Dass Samira seine Endgegnerin ist, weiss längst jeder. Ausser ihm, natürlich.

Dieser Text erschien am 15.06.2017 in DIE WELTWOCHE




Aschenputtel


«Die Astrologie war von Anfang an dagegen», sagt Romy und greift mit ihrer abgeschleckten Hand erneut in die Dose mit den Erdnüssen. «Stier und Schütze, das ist Krieg der Sterne.» Romy und ihr Verlobter spielen seit zwei Wochen «Mortal Kombat» im echten Leben. Jetzt scheint es aus zu sein – sie hat ihm den Ring zurückgegeben. Heute Nacht schläft sie bei mir. Als sie ankam, weinte sie vierzig Minuten lang. Es brauchte eine Flasche Weisswein, ein Fertig-Tiramisu und eine halbe Dose Erdnüsse, um sie so weit wiederherzustellen. «Vielleicht solltest du beim nächsten Mann weniger über Sternzeichen reden», sage ich, ohne den Blick vom Bildschirm abzuwenden. «Gemäss Studien suchen die meisten Männer bei dem Thema das Weite.» Wir liegen auf der Couch und schauen «Crazy Ex-Girlfriend». Die Protagonistin, eine Loserin par excellence, kündigt ihre Stelle als Anwältin in New York, um ihren Ex-Freund, der sie schon damals nicht wollte, in dessen Heimatdorf zu stalken.

«Was muss man tun, damit die Liebe bleibt?», fragt Romy in den Raum. Mir kommen Forschungsergebnisse in den Sinn, laut denen zum Beispiel Beziehungen, in denen die Frauen dünner und attraktiver sind als ihre Männer, besser halten. Oder: Wenn er viel im Haushalt macht, hält das die Frau latent erregt – sofern er kein Hausmann ist. Auch der gemeinsame Konsum von Alkohol soll zur Festigung der zärtlichen Gefühle beitragen. Offenbar ist kein Phänomen zu randständig, um nicht als Liebesformel zu dienen. Ich lasse Romys Frage unbeantwortet.

Das Schlimmste bei ihren Trennungen ist, dass sie zur Identitätsauflösung führen. Romy verliebt sich Hals über Kopf, und da sie selbst ein Luftikus ohne klare Vorstellungen ist, nimmt sie den Wertekanon des Partners an. Beim vorigen Mann schwor sie dem Wettkampfdenken ab, beim jetzigen ist sie total ehrgeizig – Romy kann immer so oder so und bleibt flexibel. Gleichzeitig macht sie, was sie will, und flippt aus, wenn es ihr passt. Nach zwei Jahren unter Romys Willkür werden die Männer wahnsinnig. In dem Stadium hat sie bisher noch keine Beziehung retten können. Nach der Trennung landet Romy, die in der Regel zu ihren Männern zieht, wieder in einer WG – und löst sich auf. In dieser Phase, als Häufchen Elend, wirkt sie extrem harmlos und lieb. Ein neuer Mann entdeckt dann das Aschenputtel für sich – und die Geschichte geht von vorne los. Romy gehört zu den Frauen, die ohne Liebe nichts sind, mit Liebe aber alles – und für die meisten Männer viel zu viel.

«Das Verrückte ist, dass ein Teil von mir hofft, er würde wie Richard Gere mit einer Rose hier aufkreuzen, mich von deiner Couch heben und nach Hause tragen», sagt Romy. Und ich denke, dass das schön wäre. Auch weil meine Couch schon nach zwei Stunden mit Romy voller Brösel ist.

Dieser Text erschien am 08.06.2017 in DIE WELTWOCHE




Aussteiger


Seit Monaten kokettiert mein Cousin Maxim damit, sein Partyleben aufzugeben. Ich nahm ihn nicht ernst; es gab ja doch ständig neue Frauengeschichten. In letzter Zeit aber bekomme ich schwermütige Whatsapp-Nachrichten von ihm: «Mich zerreisst’s. Ich brauche mehr Ruhe. hvomjägerzumgejagten.» Ich habe gelacht, es für Angeberei gehalten, nach dem Motto: «Schau her, ich bin begehrt, hure so viel rum – krasser geht’s nicht!» Nun liegt Maxim seit Wochen krank im Bett mit einer fiebrigen Grippe. Dass sein Körper brachliegt, wundert mich. Er ist eigentlich der sportliche Typ. Ich rufe ihn an.

«Kein menschliches Gehirn hält es aus, sich im Wochentakt auf neue ‹Partner› einzustellen», erzählt Maxim am Telefon, «und diese dann wieder aus dem Leben zu verbannen.» Seine Stimme ist entzündet, schwach vom Halsweh – er klingt wie ein alter Mann. «Nachdem ich ein paar Mal mit einer Frau geschlafen habe, legt es den Schalter bei ihr um. Dann schaut sie mich mit diesen Augen an – und so soll es ja sein, dass man sich verliebt! Das ist im Prinzip wunderschön! Aber wenn es nicht beidseitig ist, wird’s zum Horror, für mich auch. Ich hab doch keinen Bock, den Mädchen weh zu tun.» Es hört sich an, als wäre Maxim den Tränen nahe. So viel Empathie und Anteilnahme? Bei ihm? Es wirkt fast unfreiwillig komisch. Ich bin überfordert. Er scheint wirklich in der Klemme zu sitzen.

«Aber was ist so schwer daran, damit aufzuhören?», frage ich, denn etwas Besseres fällt mir nicht ein. Maxim seufzt, dann sagt er: «Weil es längst keine bewusste Entscheidung mehr ist. Es ist zum Selbstläufer geworden.» Die meiste Zeit seines Lebens hätten sich die Frauen nicht gross für ihn interessiert. Vor ein paar Jahren habe er seinen Stil gefunden, mehr Sport gemacht – und gelernt, wie man Frauen anmacht. Mittlerweile eile ihm auf Partys von Freunden ein Ruf voraus, und überhaupt, er habe jetzt ein Netz von Frauen, die sich immer wieder meldeten – selbst, wenn er Ruhe brauche. Es sei sehr verführerisch. «Im Prinzip müsste ich mein ganzes Verhalten ändern. Aus meinem jetzigen Leben rauszukommen, ist härter als der Ausstieg bei den Hells Angels.» Das Problem liege in der Natur der Sache: «Frauen abwehren – das ist uns Männern nicht gegeben! Das fühlt sich falsch an, selbst wenn es richtig ist. Ich muss einen Schutz entwickeln.»

Vielleicht ist es gut, dass Maxim krank ist, offenbar denkt er nach. Bisher habe ich mir das selbst noch nie überlegt, merke aber mit einem Blick auf meinen Freundeskreis, dass Partyphasen häufig im Zusammenbruch enden. Wenn sich die Leute nicht verlieben und freiwillig ruhiger werden, kommen sie irgendwann an den Punkt, wo der Körper nicht mehr will und die Psyche auch nicht. Erwachsenwerden, das ist schwer. Selbst mit über dreissig Jahren.

Dieser Text erschien am 01.06.2017 in DIE WELTWOCHE




Hetero-Lesben


Ich glaube, sie ist eine richtige Lesbe!», sagt Jasmine in einem Café in Edinburgh mit dem Elan der Frischverliebten. Wir haben uns vor Jahren in London kennengelernt, als ich sie im Rahmen einer Reportage interviewte. Noch am selben Abend, nach fünf Bier, schlossen wir Freundschaft. Jasmine trägt ihr Herz auf der Zunge. Und ich kenne sie nur so: im Frühlingsmodus, verknallt und bereit, Bäume auszureissen. Das Objekt der Begierde ist immer wieder ein anderes. Nach Jasmines letztem Satz kann ich mir kaum ein Lachen verkneifen. «Ach ja», sage ich schmunzelnd, «sie ist also richtig lesbisch. So lesbisch wie ihre fünf Vorgängerinnen?»

Jasmine ist bisexuell und ihr Liebesleben eine epische Katastrophe. Grob lassen sich Jasmines Beziehungen in zwei Gruppen unterteilen: die harmlosen Versager und die Femmes fatales. Die harmlosen Versager sind bei Jasmine stets Männer, die sehr nett zu ihr sind. Sie verehren Jasmine, bieten Sex zum Einschlafen und sind im Beruf erfolglos. Laut Jasmines Eigenanalyse hängt das damit zusammen, dass ihr Vater ein Taugenichts ist, der von Sozialhilfe lebt und Sexferien in Thailand macht. «So richtig einlassen kann ich mich nicht auf Männer», sagt sie monoton. «Da fehlen mir Respekt und Vertrauen.» Um Verletzungen zu vermeiden, trifft sie sich nur mit solchen, in die sie sich kaum verliebt. Bei Frauen allerdings kennt Jasmines Wagemut keine Grenzen. Sie wählt nicht nur ständig aufbrausende und konfuse Frauen, sondern auch solche, die gar keine richtigen Lesben sind. Die letzte Frau, die Jasmine das Herz gebrochen hat, ist heute mit einem Mann verlobt. «Bottom-up»-Lesben nennt Jasmine sie: Frauen, die zwar gerne andere Frauen küssen und obenrum ein bisschen fummeln nett finden, aber am Ende des Tages unterhalb der Gürtellinie doch einen Mann wünschen. Der Grund, weshalb Jasmine sich immer in Hetero-Frauen verliebe, sei, dass die «in der Regel besser aussehen». Jasmine ist attraktiv und feminin. Offenbar ist es schwer, eine Lesbe zu finden, die dasselbe bietet.

Jasmines Neue ist also eine Freundin von Freunden, der sie beim Tanzen in einem Klub näherkam und die daraufhin mit zu ihr nach Hause ging. Wie die Frauen vor ihr, hat auch sie einen Freund. Alkoholisiert auf der Tanzfläche, wurde sie wohl einfach mal neugierig. Ständig versucht Jasmine, Hetero-Frauen auf ihre Seite zu ziehen, die dann aber wie ein Gummiband zurück zu den Männern schnellen. Eine Art Sisyphos-Arbeit in der Horizontalen.

Bemitleiden kann ich Jasmine trotzdem nicht, dafür ist sie zu glücklich. Die Energie, die sie aus ihren Abenteuern zieht, scheint grösser zu sein als der Kraftverlust durch Liebeskummer. Ein Leben im ewigen Frühling, um das man sie als Bindungsmensch mitunter beneiden kann.

Dieser Text erschien am 24.05.2017 in DIE WELTWOCHE




Nipplegate


Bitte verschon mich mit deinem Porno-Kram!», sage ich abwehrend, als David glucksend vor Lachen ein Handy-Foto zeigt. Darauf ist eine junge Frau von den roten Lippen abwärts zu sehen, oben ohne. «Das ist die eine aus Solothurn, von der ich dir erzählt habe», klärt mich mein Trainingspartner auf. «Wieder so eine Irre.» Er meint noch, ich solle das nicht in die Kolumne schreiben, weil die Frau so gestört sei, dass sie ihn sicher stalke, die Kolumne lese und dann verstehe, wer gemeint sei – trotz Verfremdung. Das ignorieren wir mal.

«Vor ein paar Wochen war sie doch noch so toll!», sage ich und nehme einen Schluck Erdbeer-Protein-Shake. «Ja, schon», sagt David, der an der Bar im Fitnessstudio lehnt. «Aber da ging es nur um ihr grandioses Talent im Bett.» Er macht eine obszöne Hand-Mund-Bewegung und lacht dreckig; ich schüttle den Kopf. Der Mann ist erfolgreicher Banker, aber privat so reif wie eine grüne Banane. «Jeden Tag hat sie geschrieben, viel zu viel Tempo gemacht», erzählt er weiter. «Seit einer Woche schickt die mir ständig Selfies von sich. Vorgestern dann das Tittenbild – meine Güte!», sagt er ganz empört.

Ich lache. «Warum bitte regst du dich über ein Nackt-Selfie auf? Plötzlich prüde?» David schaut mich belustigt an. «Du checkst echt nicht, was daran so ätzend ist?», fragt er zurück – und schon nimmt das Mansplaining seinen Lauf: «Es geht doch nicht um die Titten, die sind ja ganz geil bei der. Es geht ums Prinzip. Dieses verdammte weibliche Heischen nach Aufmerksamkeit! Ich hab da keinen Bock mehr drauf.»

Es habe ja schon vorher angefangen: das ständige Schreiben, das immer auf eine Reaktion von ihm ausgelegt war. «Weisst du, welche Rolle wir Männer dabei spielen?» Ich zucke mit den Schultern. «Na, die des Zuschauers! Aber warum soll ich ihr Zuschauer sein? Die wenigsten Frauen sind das nächste Topmodel. Oder ‹The Voice of Switzerland›. Die meisten sind total normal, und das ist auch gut so. Mit normalen Frauen kann ja ein normaler Mann wie ich in Beziehung treten – theoretisch. Nur suchen die meisten Frauen keine Beziehung, sondern ein Schau-mich-an. Die brauchen einen, der ständig klatscht. Aber was haben wir Männer davon?»

Wow. Ich find’s gerade total überzeugend. Vielleicht aber auch nur, weil ich vom Sport so fertig bin, dass mein Hirn nicht mehr richtig läuft. David kommt zum abschliessenden Merksatz: «Je schöner die Frau, desto mehr Beachtung braucht sie.» Tja, denke ich höhnisch in mich hinein: Dumm nur, dass für David das Äussere einer Frau nicht gerade sekundär ist. «Also willst du mir sagen, dass du in Zukunft die Schönen ausser Acht lässt und stattdessen die eine gute Frau mit den inneren Werten suchst?», frage ich. «Warum nicht?», antwortet David mit ernstem Gesicht. Er überlegt einen Moment, dann fügt er noch an: «Sie kann ja trotzdem hübsch sein.»

Dieser Text erschien am 18.05.2017 in DIE WELTWOCHE




Fresse halten


Wir haben einen Bauplatz!!!», schreibt Sophie auf Whatsapp und schickt mehrere, aus verschiedenen Winkeln geschossene Bilder einer Wiese, auf der nichts zu sehen ist. Viele Ausrufezeichen und Emojis: Sophie ist aufgeregt wie ein Teenager. Ich freue mich für meine Freundin und ihr Glück, das vor kurzem noch verloren schien. Erst im März erwog Sophie die Scheidung. Jetzt kauft sie mit ihrem Mann ein Grundstück, um ein Haus zu bauen. Ihre noch ungeborenen Kinder sollen eines Tages darin aufwachsen. Der totale Sinneswandel: So schnell kann es gehen, zumindest in der Liebe.

Als es bei Sophie und Ben kriselte, gingen sie zu einer Paartherapeutin. Zwei Sitzungen waren offenbar alles, was sie benötigten. «Wir haben uns dauernd wegen Kleinigkeiten gestritten und uns gegenseitig mit den immergleichen Rücksichtslosigkeiten verletzt», sagt Sophie. Die Therapeutin sei objektiv geblieben, offen für beide Seiten – «schon allein der Blick von aussen hat uns sehr geholfen». Ausserdem bekamen sie «Hausaufgaben», die darauf abzielten, wieder einen «liebevolleren und achtsameren» Umgang herzustellen. «Die Krise war schmerzhaft, dafür ist jetzt alles umso schöner!», meint Sophie. Klingt abgeschmackt? Kitschig? Klar, solche Geschichten anderer bieten dem eigenen Zynismus eine Steilvorlage: «Wieder ein aussichtsloses Paar, das sich nur was vormacht.» Zusammen ein Haus bauen, Kinder kriegen: alles nur, um von den Problemen abzulenken. Irgendwann holt es sie wieder ein – im schlimmsten Fall leiden die Kinder, die bis dahin vielleicht im Spiel sind. Durchaus möglich. Trotzdem habe ich ein gutes Gefühl bei den beiden.

Hat es nicht jeder mal erlebt? Wenn die Liebe will, verändert sie alles. Manchmal von jetzt auf gleich. Es ist faszinierend, wie unberechenbar und radikal unser Herz ein Leben lang bleibt, wo unsere Köpfe und Körper doch so träge sind. Bildung braucht ewig, einen trainierten Körper muss man sich erarbeiten. Aber verlieben, das kann man sich im Bruchteil einer Sekunde. Warum nicht in dieselbe Person wie schon einmal? «Als wir uns zusammengerissen haben und die ewigen Vorwürfe mal eine Weile für uns behielten, da fand ich Ben plötzlich gar nicht mehr so schlimm – war er ja auch nicht mehr!», sagt Sophie lachend. «Einfach mal die Fresse halten – das bringt verdammt viel.» So seien sie vom Kampfzustand zurück zum Respekt gekommen. Und mit dem Abstand, den sie dadurch gewannen, stellte sich sogar ein neues Begehren ein.

Es sind nicht die paar Falten oder der Speckring, die den Unterschied machen zwischen der Person, in die man sich verliebt hat, und der Person, neben der man nach fünf Jahren Ehe erwacht. Der Unterschied ist oft, dass die eine Person Interesse zeigte, statt wegzuhören, oder aufbauende Worte fand, anstatt einen runterzuputzen. Mit der einen Person baut man gerne ein Haus.

Dieser Text erschien am 11.05.2017 in DIE WELTWOCHE




Paare paaren


Als sie meine kurzen Locken fixierte, strich sich Marissa zufrieden durch die langen naturblonden Haare. Als sie bei meiner Taille angelangt war, wurde ihr Blick säuerlich. Schliesslich erreichte ihr Kräftemessen meine Handtasche: Und nein, es war keine Chanel, wie sie selbst eine hat. Da lächelte sie. Trotzdem sollte dieser erste Abend mit Marissa und Sven der Auftakt einer Fehde werden, die wir bis heute nur spärlich mit (unehrlichen) Freundlichkeiten zu kaschieren wissen. Wenn Sie mich fragen, ist Marissa einfach die Pest. Quasi das Böse mit Brüsten. Mit Brüsten übrigens, von denen ich vermute, dass sie ohne BH unschön hängen.

Mein Freund und ich sind bemüht, einen gemeinsamen Freundeskreis zu pflegen. Wir haben da auch die Wissenschaft auf unserer Seite: Gemäss Studien dient es der Beziehungsdynamik eines Paares, wenn es sich mit anderen Paaren anfreundet. Je mehr geteilte Freunde, desto glücklicher die Zweisamkeit. Allerdings habe ich das Gefühl, dass diese wissenschaftlichen Erkenntnisse in einem Labor gezüchtet wurden, fernab jeder Realität.

Ein Pärchen zu finden, das man mag, ist Dating für Profis. Mir erscheint die Partnersuche als Single rückblickend kinderleicht. Erst seit wir gemeinsam versuchen, Pärchen zu finden, die zu uns passen, verstehe ich, warum Menschen in ihren Dreissigern so viele Falten bekommen. Denn die Frau muss mich mögen, der Mann meinen Partner, und umgekehrt und kreuzweise: Vom Schwierigkeitsgrad her lässt sich das mit der Quadratur des Kreises vergleichen.

Es ist nicht nur Marissa, die nicht aufhören kann, sich mit anderen Frauen zu vergleichen, und die sich auch nicht davor scheut, mit meinem Freund zu flirten, um ihren Herrschaftsvorsprung in der Vierergruppe noch weiter auszubauen (ich frage mich, ob Marissa auch nur eine einzige echte Freundin auf der Welt hat. Leider hat es bei unseren Männern sofort gefunkt). Da wäre auch noch das Pärchen, wo wir Frauen uns total mögen, mein Freund und ihr Gatte aber nicht recht wissen, worüber sie reden sollen. Oder das Pärchen, in das wir beide geradezu verknallt sind, das aber offenbar noch so viele andere Pärchen trifft, dass es kaum Zeit für uns findet.

Als Marissa und Sven uns das letzte Mal besucht haben, wählte ich den radikalen Weg. Kaum Make-up, unförmiger Pullover, Crocs. Marissa sollte sich nicht bedroht fühlen – was sie eigentlich auch nicht müsste, von mir schon gar nicht. Job, Aussehen, alles top bei ihr. It’s the character, stupid! Als wir assen, drehte sich das Gespräch um Frauen und Mode. Marissa sagte: «Also, für mich persönlich ist Stil schon wichtig» – dann schaute sie mich schadenfreudig an und fügte hinzu: «Auch wenn ich verstehe, dass es Frauen gibt, die da anders ticken.»

Dieser Text erschien am 04.05.2017 in DIE WELTWOCHE




In der Falle


Wenn in Zeiten sozialer Medien etwas schiefgeht in der Liebe, dann passieren sehr merkwürdige Dinge. Vor allem in den sozialen Medien. Céline, eine jüngere Kollegin, wird gerade «gebencht», wie man sagt. Sie klammert sich an den Gedanken, Nick sei ihr Freund. Eine Beziehungsdefinition, die er zwar nicht verneint, aber auch nicht bejaht. Er meldet sich immer mal wieder. In Abständen, so gross, dass es jeden Respekt vor Céline vermissen lässt.

Nick, Céline und ich sind alle drei auf Facebook befreundet. Ebenso wie ich dort mit meiner alten Schulfreundin Samira befreundet bin. Eine Person, die ich nicht gerade leiden kann. Zu selbstbedeutend, zu streng. Und ja, auch irgendwie zu erfolgreich, diese Anwältin, und zu dünn (hmm, klingt nach Neid, merke ich gerade). Jedenfalls: Über diese lose, virtuelle Verbindung muss Nick auf Samira aufmerksam geworden sein.

Nun ist Nick ein charmanter Kerl, der sich was auf sein Äusseres einbilden kann (und dies auch tut). Aber er ist sechs Jahre jünger als Samira. Liest man die Sprüche, die er unter ihre Fotos schreibt, wird schnell klar: Die Frau zieht ihm den Stecker. Er steht neben sich, schreibt Sachen wie: «Dir geht’s aber gut, Samira! Du kannst bestimmt klagen, haha» – Anwaltswitz, verstehen Sie? Weil Anwälte die einzigen Menschen sind, denen es gutgeht, wenn sie zu klagen haben . . . brutal schlechter Scherz. Neuerdings postet Nick auch Oben-ohne-Bilder von sich.

Leidvolle Zeugin dieses Possenspiels ist Céline. Ich weiss nicht, ob sie überhaupt noch arbeitet. Gehe ich einmal auf Facebook, ist sie immer online. Wahrscheinlich stalkt sie Nick und Samira. Es ist ja nur natürlich für Gehörnte, sich permanent Salz in die Wunde zu streuen. Selbstredend hat Céline auch ihre Facebook-Aktivitäten erhöht. Fotos eines beneidenswerten Lebens: Céline superhappy beim Kochen mit Freunden. Céline total lustig beim Spielen mit einem Babykätzchen (keine Ahnung, wo sie das Tier herhat). Céline sehr entschlossen im Fitnessstudio, rückwärts in den Spiegel blickend, Hintern im Zentrum. Das Komische ist nur, dass Céline in letzter Zeit immer ziemlich fertig aussieht, wenn man sie ausserhalb von Facebook trifft. Sie sagt, Samira sei gar nicht so sehr das Problem (auch wenn sie nicht aufhören kann, über sie zu sprechen). «Ein Typ wie Nick, den man tagelang nicht erreicht und der ständig die Fotos von fremden Tussis kommentiert, der ist doch sicher nicht treu!», sagt sie bitter. «Warum sprecht ihr euch nicht einfach mal aus?», frage ich verwundert. Aber da lacht Céline nur gequält und schaut mich an, als wäre ich völlig plemplem. «Wie würde ich denn dastehen, wenn ich das Ganze anspreche? Als wäre ich abhängig, das totaaale Opfer.» Aha. Céline bleibt also lieber . . . cool?

Dieser Text erschien am 27.04.2017 in DIE WELTWOCHE




Wanderparkplatz


Über Ostern ist wieder einmal deutlich zutage getreten, was die meisten von uns längst ahnten: Paare sind das Grauen. Vielleicht sogar die grösste soziale Misere überhaupt. Wie sie sich zusammenrotteten auf den Wanderparkplätzen: Mann und Frau mit übereinstimmender Körperhaltung, in der gleichen Outdoor-Kleidung, ab vierzig sogar mit identischem Kurzhaarschnitt. Als wäre die Frau zuvor mit einem Bild von ihrem Mann zum Friseur gegangen und hätte gesagt: «So, genau so möchte ich aussehen!

Paare sind radikale Anpassungsmaschinen. Wenn der Verschmelzungsprozess von zweien, die doch einmal Individuen waren, abgeschlossen ist, hört es ja nicht auf: Gemeinsam passt man sich anderen Paaren an. Kauft das gleiche Geschirr. Die gleichen Kaffeekapseln. Am Ende erblickt man auf so einem Wanderparkplatz im Grunde nur noch einen einzigen Grundbaustein: den an allen Ecken und Kanten sauber abgeschliffenen Durchschnittsmenschen, paarweise zusammengekettet.

Um mich für die Wandersaison bereitzumachen, ging ich neulich in ein Fachgeschäft. Als ich mit einer Fleece-Jacke in der Tasche zufrieden wieder vor die Tür trat, fuhr mir der Schreck in die Knochen: Hatte mein Freund nicht die gleiche Jacke, von derselben Marke? Passe ich mich meinen Freunden etwa auch an, schleichend?

Von meinem ersten Freund lernte ich, besser auf mein loses Mundwerk zu achten. Aus Notwendigkeit: Denn sagt man immer, was man denkt, gibt es viel Streit. Also beginnt man mit Selbstzensur, der vielleicht effizientesten Anpassungsmethode. Der zweite Mann trieb mir einen beachtlichen Teil meiner Trägheit aus. Der dritte lehrte mich Freiheit, was nicht immer schmerzfrei verlief. Mein heutiger Partner ist mit dem Feinschliff befasst (etwa: Verminderung teils hormonell bedingter Stimmungsschwankungen). Zweifellos werde ich auf diesem Weg immer stärker eine Frau, die funktioniert. Leistungsstark, widerstandsfähig, ähnlich einer wetterfesten Outdoor-Jacke. Aber wenn ich mir manchmal trotzdem wieder anhören muss, ich sei zu verletzlich, zu sensibel und müsse «ein bisschen härter im Nehmen» sein, dann frage ich mich, ob schon mal ein Mensch auf der Welt gesagt hat: «Das ist aber eine stabile Frau!» – und das als Kompliment meinte. Eigenheiten haben ihren Preis. Ein abwegiger Musikgeschmack will verteidigt werden. Zartheit erfordert Rücksicht. Kraft kann verletzen. Alles, was uns anzieht, hat eine dunkle Kehrseite. Und es ist diese Kehrseite, für die uns oft die Kraft, die Zeit und die Nerven fehlen. Welcher Mann hätte nicht gerne eine zarte Frau? Wäre sie doch nur nicht so empfindlich. Welche Frau hätte nicht gerne einen harten Kerl? Wäre er nur nicht so . . . hart. Zum Glück gibt es einen Ort, an dem uns die unbequeme Seite der Liebe verschont. Wir sehen uns auf dem Wanderparkplatz!

Dieser Text erschien am 20.04.2017 in DIE WELTWOCHE




Ich Tarzan, du Jane


Gibt es eigentlich überhaupt Frauen, die sich nicht immer von Mann zu Mann hangeln wie von Liane zu Liane? Ihr habt doch alle das Tarzan-Syndrom», sagt Maxim und wirkt jetzt für seine sonst so entspannten Verhältnisse erstaunlich verärgert. «Ich finde es echt traurig, dass ihr eine Beziehung nicht einfach beendet, wenn sie nicht mehr gut ist. Ein Mann wird doch in aller Regel nur dann von einer Frau verlassen, wenn der nächste schon bereitsteht.» Mein Cousin und ich sitzen auf einer Parkbank, blinzeln in die Sonne und schlecken Eiscreme wie zwei Kinder. Aber bei diesem Gerede schmeckt’s mir gleich nicht mehr. «Was heisst hier ‹ihr›? Lass mich da bitte aus dem Spiel», sage ich – und denke dabei verstohlen, dass ich den fliegenden Übergang selbst schon einmal praktiziert habe. Nein, eigentlich . . . zweimal. Aber nicht ohne guten Grund!

«Du siehst das völlig falsch», kläre ich Maxim also auf. «Was du Tarzan-Syndrom nennst, ist kein Zeichen von Charakterschwäche. Sieh’s doch mal so: Es zeugt von Leidenschaft, von Hingabe selbst im Angesicht der totalen Hoffnungslosigkeit», sage ich. «Denn nur Frauen, die irgendwann neben ihrem Partner aufwachen und merken, dass sein Herz verkalkt ist und er das Feuer hat ausgehen lassen, ohne auch nur ein müdes Scheit nachzulegen, nur solche Frauen brennen irgendwann mit einem Neuen durch.» Zwar werden Männer aus Lieblosigkeit verlassen, aber meistens wegen ihrer eigenen, denke ich. «Wenn wir uns dann trotzdem an die Beziehung klammern und erst weg sind, wenn uns ein neuer Mann gewaltsam da rausreisst, zeigt das doch nur, wie gross unsere Herzen sind», promote ich den versöhnlichen Blick auf uns Serien-Monogamistinnen.

Maxim schaut mich unbeeindruckt an, etwas Pistazien-Eis klebt an seiner Nase. «O ja, klammern, das könnt ihr . . .» – wie es scheint, hat er bereits den nächsten Aufreger gefunden. «Wie ich sie liebe, die Frauen, die das mit der Emanzipation nicht schnallen. Die nichts selber entscheiden und bei jedem Furz uns Männer fragen müssen. Zu hundert Prozent unselbständig, Frauentyp Zierranke: ein grosser Gewinn für uns.» Ich schaue meinen optisch gelungenen Cousin an und wundere mich über den harschen Zynismus. Was führen wir da für eine Kunstdebatte. «Stehst du, Maxim, nicht meistens auf der Seite der Männer, welche Frauen aus Beziehungen rauslösen?» Er schaut mich an, als wäre ich schwer von Begriff. «Das ist ja gerade das Drama!», sagt er jetzt und klingt etwas entspannter, fast belustigt. «Was glaubst du, warum ich mich auf keine Beziehung einlasse? Wie soll man euch Frauen denn vertrauen, wenn ihr so sprunghaft seid?» Ich muss lachen und haue Maxim in die Seite. «Du Ärmster», sage ich, «komm, ich kauf dir noch ein Eis.»

Dieser Text erschien am 13.04.2017 in DIE WELTWOCHE




Der Untergang


Céline sieht . . . nun ja: richtig übel aus. Dass wir in diesem Salatschuppen von Fremden umringt sind, scheint sie nicht zu kratzen. Ihren Avocado-Mango-Salat rührt sie gar nicht an – wenigstens kann er nicht noch kälter werden. «Warum macht er das?», fragt sie. Ihre Augen sind rot und verquollen, ihr Mund steht offen, als bekäme sie kaum Luft durch die Nase, und ihr Brustkorb hebt und senkt sich unkontrolliert. Céline sieht aus wie ein Grippeopfer im Endstadium, dabei hat sie «nur» Liebeskummer.

Was Céline passiert ist? Sie hat sich in Nick verknallt wie ein kleines Mädchen in einen Popstar. Der ist Sportjournalist, sieht gut aus, macht einen auf James Dean und hat so ziemlich jedes hübsche Ding nach kurzer Zeit am Arsch kleben. Mit Céline hatte er Spass, was ihn aber nicht davon abhielt, sich alle Optionen offenzuhalten. «Seit Tagen hab’ ich nichts von ihm gehört. Ich werde wahnsinnig!», sagt Céline. Und so, wie sie aussieht, wirkt das mit dem Wahnsinn total überzeugend.

Anfang zwanzig ist es einem egal, bei wem man sich ausheult. Ist keine Freundin da, muss eben eine Berufskollegin beim Lunch herhalten. «Unfassbar», flüstert sie jetzt bebend und baff, als flögen gerade vor ihren Augen und mitten in der Bahnhofstrasse rosa Hunde durch die Luft. «Er meldet sich nicht bei mir, seiner Freundin – aber auf Facebook kommentiert er Fotos von irgend so einer Samira! Die sieht krass verklemmt aus, total streng, ich versteh’s gaaar nicht», sagt Céline und fügt noch ein paar Schimpfwörter an über die andere Frau, die sie nicht kennt – deren Beschreibung aber gut auf jemanden zu passen scheint, den ich kenne. Andererseits wäre das verrückt: Die Samira, die ich meine, wohnt in München.

Céline schnappt zum gefühlt hundertsten Mal nach dem Handy, wie ein hungriges Tierchen. Hat er geschrieben? Ist vielleicht der Akku leer? Wahrscheinlich bombardiert sie ihn auch mit Nachrichten. Man muss nämlich nur kurz aufstehen, um Servietten zu holen, schon tippt sie verstohlen. Oh je. Da fühlt man mit, die Situation kennt ja fast jede. SMS-Terror aus Herzschmerz, der sang- und klanglos im Orbit verhallt: «Wo bist du? Melde dich!!!»

Doch da vibriert Célines Handy. Sofort liest sie laut vor, was Nick geschrieben hat: «Babe, sorry, mir ging’s nicht so gut die letzten Tage, und ich wollte dich nicht belasten . . . danke für deine Nachrichten! Schläfst du heute Nacht bei mir?» Ich bin entsetzt. «Nein!», sage ich, «Komm schon, Céline, darauf steigst du nicht ein. Das wäre vollkommen würdelos!» Aber sie scheint mich nicht zu hören und liest stattdessen still für sich die Nachricht noch einmal. Als sie aufschaut, grinst sie. Aber nicht nett, eher schlimm, so komisch überzuckert wie nach einer Monsterladung Cupcakes. Heilige Scheisse.

Dieser Text erschien am 06.04.2017 in DIE WELTWOCHE




Schlampenromantik


Marla und ich beobachten Didi – Marlas grosse Schwester und meine Schulfreundin – beim Hochzeitstanz mit dickem Bauch (klar, aus welchem Grund würde man sonst im März heiraten). Auf der anderen Seite der Tanzfläche steht die wichtigtuerische Streber-Samira mit dem Magerquarkgesicht. Marla grinst, prostet Samira aus der Ferne zu und sagt durch die Zähne: «Mein Gott, sieht Samira wieder verklemmt aus! Die kann sicher nicht furzen. Wer nie den Mund zumacht, weil er ständig angeben muss, kriegt nicht genug Druck aufgebaut. Die Arme muss schreckliche Blähungen haben.» Vor lauter Lachen steigen mir die Blubberbläschen vom Champagner die Nase hoch, ich muss niesen.

Marla ist die geborene Entertainerin. Ausserdem ist sie 27, Dauersingle, Endlos-Studentin – und ein Betthupferl, auf das die Männerwelt zählen kann. Von aussen ist es schwer zu sagen, ob Marla bei ihrer Sexualität die volle Kontrolle hat. Oder gar keine. Selbst an diesem Abend, in Anwesenheit ihrer Eltern, wird man sie später rumknutschen sehen. Mit Cedric, einem Hochzeitsgast, den sie vorher gar nicht kannte. Um fünf Uhr morgens werden die zwei gemeinsam ein Taxi nehmen.

Aber jetzt, beim Hochzeitstanz, ist das noch Zukunftsmusik. Und wenn Marla mal ihr kleines Lästermaul schliesst, ist auch sie nichts weiter als eine junge Frau, ein Versprechen mit rosa Blümchen im Haar. Der Walzer ihrer sehr schwangeren Schwester scheint sie plötzlich ziemlich zu rühren, die Sehnsucht in ihren Augen liesse Schokolade schmelzen. «Glaubst du, so ein Glück finde ich auch eines Tages?», fragt mich Marla, und es ist, als wären wir zurück im Sandkasten und sie fragte mich, ob sie die Spinne essen kann: Unsicherheit und Begehren liegen in der Luft. «Warum nicht?», frage ich zurück, während ich Marla ansehe und denke, wie schön sie doch ist mit ihren grossen Augen und dem Schmollmund. «Irgendwie habe ich es satt. Die ganzen Spielchen», sagt sie. Es sei einfach immer das Gleiche: Sie verstehe sich total gut mit den Männern. «Aber verlieben tun sie sich am Ende in irgendein dahergelaufenes Schätzchen mit Rehblick, das einen auf Jungfrau macht . . .», sagt Marla – und ich beende ihren Satz: «. . . und nicht in die Schlampe, die am ersten Abend mit ihnen ins Bett gehüpft ist.» Marla prustet vor Lachen – danke, jetzt habe ich ihre Champagnerspucke auf dem Kleid. «Schlampe?», sagt Marla mit gespielter Empörung. «Gibt es denn das Wort überhaupt noch im Jahr 2017? Ist doch egal, wann man das erste Mal miteinander in die Kiste steigt, wenn es Liebe ist.» Ich schüttle belustigt den Kopf, lege Marla meinen Arm um die Schulter, und als ich gerade noch etwas sagen will, gerät Didi, ganz das schwangere Walross, auf der Tanzfläche ins Straucheln, huch! Aber ihr Chris fängt sie auf, und Marla und ich sagen nur noch «aww» wie aus einem Mund, bevor Cedric zu uns rüberkommt.

Dieser Text erschien am 30.03.2017 in DIE WELTWOCHE




Bleiben oder gehen


«Schon verrückt, oder?», fragt Sophie – und ich weiss sofort, was sie meint. Ihre Augen funkeln feucht, glitzern traurig-schön um die Wette mit der Frühlingssonne auf dem See, in den wir glotzen, als hätte er die Lösung für die 30er Krise verschluckt, in die mindestens eine von uns wohl hineingerutscht ist. «Weisst du noch, wie wir den Sommer im Schwimmbad verbrachten und darauf warteten, dass uns ein Busen wächst?», frage ich Sophie. Die lacht und klingt ein bisschen bemüht dabei. «Ja . . . und jetzt stehen wir hier und reden über so Scheissthemen wie Scheidung.»

Meine alte Schulfreundin ist zu Besuch. Sie war schon glücklicher. In letzter Zeit steht sie vor einer quälenden Entscheidung: Scheidung oder Baby? Sophie war früh dran, mit 25 Jahren läuteten bei ihr die Hochzeitsglocken. Ihren Ben hatte sie während des Studiums kennengelernt. Es war eine auffällige Liebe, sie kam mit einem Schlag, nach einem halben Jahr gab’s einen Diamantring und eine neue Sophie, die ihre Partyphase von jetzt auf gleich beendete und ganz sicher war, den Richtigen gefunden zu haben. Aber jetzt ... dreht sich bei Ben, einem Werber, alles um den Job. Und während Floristin Sophie beim Blümchenbinden an die Kochrezepte denkt, die sie ausprobieren will (natürlich auf ihrem Thermomix, dem Statussymbol der Neo-Hausfrau), während sie also eigentlich nur mit angenehmen Dingen beschäftigt ist, schleichen sich doch immer öfter negative Gedanken in ihren Kopf.

Banalerweise drehen sich die Streite der beiden viel um Sex. Abends sei Ben meistens zu müde, sagt Sophie. Und so kreativ er auch im Job ist, privat sei er «total unspontan». Also verabreden sie sich zu festen Zeiten – und lassen das Stelldichein trotzdem oft ausfallen, als wär’s eine lästige Pflicht. «Wenigstens einmal die Woche, das muss doch drinliegen!», sagt Sophie peinlich berührt, als verstosse sie gegen ein Gebot aus einer Frauenzeitschrift. «Was kommt als Nächstes, Viagra?», scherzt sie.

30 Jahre, das ist ein komisches Alter. Für manches ist man schon zu alt. Für neonfarbene Sonnenbrillen etwa, für Panikanrufe bei Mama, Krankmeldungen wegen Liebeskummer und, ja, irgendwie auch für Klubnächte. Aber für vieles fühlt man sich auch noch zu jung. «Sollen wir jetzt immer den gleichen Job machen, neben dem gleichen Mann einschlafen, uns um ein oder zwei Kinder kümmern . . . muss das alles so vorgezeichnet sein?», fragt Sophie in den stillen See hinein. Dann schaut sie mich an: «Erinnerst du dich an dieses Gefühl nach einer durchtanzten Nacht, wenn wir völlig fertig, aber total zufrieden aus dem Klub raus sind und gackernd und mit einem Kebab in der Hand den Sonnenaufgang angeschaut haben? Dieses verrückte Kitzeln, dieses Alles-ist-möglich-Gefühl, wo ist das denn nur hin?»

Dieser Text erschien am 23.03.2017 in DIE WELTWOCHE




Schmerzensmann


«Manche Leute sind so arm», sagt Nick mit seiner leicht kratzigen, bedeutungsschweren Stimme, «alles, was sie haben, ist Geld.» Total überwältigt von so viel originellem, systemkritischem Tiefgang stellt Céline mit einem Kopfschütteln und einem Lächeln ihr Bierglas ab. Ihr Gesicht trieft geradezu von Eroberungsstolz.

Das ist er also: der Nick. Célines neuer Typ. Ganz offensichtlich ein Vollpfosten. Er trägt ein weites Baumwollshirt, das stilistisch irgendwo zwischen Jesus und «12 Years a Slave» zu verorten ist, dazu eine Nerdbrille. Er hat sein dichtes Haar locker nach hinten gebunden. Sein Oberkörper ist muskulös und nimmt die Form seines V-Ausschnitts auf. Der ganze Kerl scheint einem Streetwear-Katalog entsprungen zu sein. In einer Boygroup wäre er der Schüchterne. Der mit dem Geheimnis.

Nicks Lächeln ist warm, wenn nicht sogar heiss – zugegeben. Vor allem aber scheint er damit sich selbst zu wärmen. Und vielleicht noch Céline – wenn es ihm gerade passt. Denn manchmal ist Nick tagelang nicht erreichbar. Auch dem heutigen Kennenlernen in einer Bar (die nur Bio-Bier ausschenkt und sich ebenso im Toilettenbereich der Zucht von Bio-Kulturen verschrieben hat) war eine langwierige Anbahnung vorausgegangen. Ein meet-and-greet mit einem Mann wie Nick, der für jedes neue Facebook-Profilbild mindestens 140 Likes kassiert, will eben erkämpft werden. «Oft geht es ihm auch nicht so gut», hat mir Céline entschuldigend erklärt. Ich vermute, es liegt daran, dass Nick so viel Seele hat.

Céline, eigentlich eine gewitzte Journalistin, wird neben Nick zur Cheerleaderin. In den Monaten seit sie mit ihrem Kollegen aus der Sportredaktion zusammen ist, scheint sie eine Art Intelligenzdiät gemacht zu haben. Es gibt Céline jetzt nur noch in zwei Varianten: die unkontrolliert kichernde Céline, die wie ein paarungsbereiter Pavian klingt. Und die Jasager-Céline, die keine von Nicks Binsenweisheiten, die er vermutlich stündlich frisch aus dem Meer der Lebensphilosophien im Internet fischt, unbeklatscht lässt. Manche Frauen haben in ihren Zwanzigern einen Hang zu bad boys. Andere zum Schmerzensmann. Aber Céline macht keine halben Sachen: Ihr Nick scheint das Beste aus beiden Welten zu vereinen. Und so, wie Céline kichert, ist da wohl von aussen auch rein gar nichts mehr zu machen. Die Gute ist verloren.

«Das ist selten schön», sagt Nick und reisst mich aus meinen Gedanken. Erschrocken sehe ich, wie er mit einem Satz auf mich zugeht und den Anhänger meiner Halskette in die Hand nimmt. «Ein Erbstück?», fragt er und schaut mich mit seinen grossen, dunklen Augen an. Ich spüre seinen entspannten, leicht kehligen Atem auf meiner Haut. Und da höre ich mich plötzlich selbst kichern, in erstaunlich hohen Tönen.

Dieser Text erschien am 16.03.2017 in DIE WELTWOCHE




Date mit Kind


Meine Freundin Sarah schielt rüber zur Couch und stopft sich mit der Gier eines Panzerknackers beim Raubüberfall die Backen mit Quarktorte voll – ihre Art, mit Stress umzugehen: Zucker in rauen Mengen. Dafür hat sie heute aber auch allen Grund. Es ist ihr Geburtstag, sie hat Freunde eingeladen – da zählen Kalorien nicht. Und der Stress ist real: Auf der Couch sitzt Sarahs Sohn Pedro, ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter, sein linker Arm ist ganz steif. Milo, Sarahs neuer Freund, steht auf und geht zu ihm rüber. Der grosse und der kleine Mann: Vor wenigen Tagen gab’s die erste Begegnung. Eine veritable Katastrophe.

Sales-Manager Milo, ein sorgloser Typ, hatte vorgeschlagen, dass sie Schlitten fahren gehen. Eine naheliegende Idee fürs erste Date mit Kind: Siebenjährige sind in der Regel empfänglich für den Reiz einer kilometerlangen Rodelabfahrt. Nur ist Pedro ein bisschen anders. Er spielt ungern Fussball und weiss Dinge über «Star Wars», die selbst erwachsenen geeks nicht bekannt sind («Wusstet ihr, dass der Make-up-Künstler, der Yoda modellierte, von seinem eigenen Spiegelbild ausging? Der war vielleicht hässlich!»). Pedro besitzt drei Bibliotheksausweise.

Sarah hatte zwar geahnt, dass Schlittenfahren für Pedro zu wild sein könnte, wollte Milo aber nicht verunsichern. Ausserdem sollte er Pedro nicht für ein seltsames Kind halten. Am Ende stand eine extrem verkrampfte, Unheil witternde Sarah mit ihrem leicht verängstigten, eher ungeschickten Sohn auf der Rodelbahn. Eine Stunde später musste der geschockte Milo die zwei ins Krankenhaus fahren: Pedro hatte sich den Arm gebrochen. Der Grund: Sarah dachte, es wäre sicherer für ihn, wenn er auf ihrem Schlitten mitfahre. Als die zwei stürzten, plumpste sie auf ihn, er konnte nicht ausweichen. Diagnose: Oberarmbruch, verursacht durch die buchstäbliche Last einer überbesorgten Mutter. Ein Lehrstück darüber, was es bringt, nicht zu sich selbst oder zu den Eigenheiten seines Kindes zu stehen. Kleine Sünden bestraft der Herr sofort.

Heute also Versuch Nummer zwei. Milo lässt sich nicht anmerken, wie desaströs das erste Treffen verlief. Entspannt plaudert er mit Pedro, der ihm nun auf der Couch einen Bildband von Dalí zeigt. Schon bald beginnen sie mit Blick auf eins der surrealistischen Bilder darüber zu fantasieren, was passiert, wenn man am Stock zieht: Fällt zuerst die Schnecke? Durchtrennt die Rasierklinge das Spiegelei? Sie lachen. Und es macht wohl keinen Unterschied, ob man ein hochbegabtes Kind oder ein Erwachsener ist, der sich eher für Sport interessiert: Erstens fällt zu Dalí einfach jedem etwas ein. Und zweitens bleibt wohl keinem etwas anderes übrig, als sich selbst zu sein. Vor allem, wenn man gemocht werden will.

Dieser Text erschien am 09.03.2017 in DIE WELTWOCHE




Anstrengend


«Krank, krank, krank!», sagt mein Cousin Maxim – und das ist bei ihm absolut positiv gemeint. Vergnügt rutscht er an diesem Freitagabend auf seinem Barhocker herum und trinkt seinen Gin Tonic. «Der Februar war einfach nur krank. Zuerst war die Friseurin fällig, dann kam die Kollegin, mit der ich im Pool vom Fünfsternehotel beim Betriebsausflug rumgemacht hab. Samira schickt mir Sprachnachrichten, Alexa aus Kitzbühel schreibt mir immer noch . . . ich kann nicht mehr!» Natürlich meint er das nicht ernst. Vor mir sitzen 85 Kilo reine Selbstgefälligkeit. Und wie er so klagt, checkt er auch schon wieder die Bar aus. Könnte ja ein interessantes Jagdobjekt anwesend sein.

Vielleicht liegt es daran, dass mir die Aneinanderreihung von Bettgeschichten bei Maxim langsam frauenverachtend erscheint, womöglich aber auch daran, dass ich mir dieses Protz-Gelaber schon seit Jahren anhöre . . . Aber wenn hier jemand nicht mehr kann, dann ich. «Halt!», rufe ich daher aus dem Affekt, als ich sehe, wie Maxim den nächsten Brigitte-Bardot-Verschnitt in der Bar fixiert – aber zumindest blickt er jetzt aufmerksam zu mir. «Hast du eine Ahnung, wie anstrengend du bist?», frage ich Maxim. «Warum hörst du nicht mal auf damit? Das kann’s doch nicht sein!»

Maxim guckt verdutzt. Während ich auf eine Antwort warte, gewinne ich eine neue Perspektive: Vor mir steht nicht mehr mein hübscher 32-jähriger Cousin, der coole Ingenieur und Weiberheld. Ich sehe den Mann, der er werden könnte: ein abgehalfterter alter Sack ohne Familie, der trinkt und zu junge Frauen in Bars anquatscht, die ihn peinlich finden, ganz egal, wie viel PS sein Sportwagen hat, in den sie nicht einsteigen werden.

«Ich will das ja gar nicht», sagt Maxim endlich, jetzt ganz die Unschuld vom Lande. «Aber ich verliebe mich halt nicht!» – «Ja, dann reiss halt nicht immer Frauen im Nachtleben auf! Geh mal am Samstags in ein Frühstückscafé, da sind die netten Frauen!» Maxim schaut mich säuerlich an. Und was er dann sagt, würde ich nicht glauben, wäre ich nicht selbst dabei gewesen: «Du hast recht. Nachdem mit Elisa Schluss war, ist es mit dem Rumhuren eskaliert. Ich kann echt nicht mehr. Ich bin kaputt. Körperlich . . . seelisch. Ich muss was ändern.»

Maxim legt eine Pause ein, scheint meinen verdatterten Blick zu geniessen, dann fährt er grinsend fort: «Ich habe jetzt verstanden, dass ich das emotionale Loch, das Elisa hinterlassen hat, nicht mit noch mehr Löchern stopfen kann.» Ich stöhne auf, während er mich glucksend vor Lachen darauf hinweist, dass die Bemerkung zweideutig war. «Ach, halt doch die Fresse!», sage ich noch, bevor ich seinen Gin Tonic nehme, kurz überlege, ihn damit vollzuschütten – und ihn stattdessen selbst in einem Zug austrinke.

Dieser Text erschien am 02.03.2017 in DIE WELTWOCHE




Erfolg aus Rache


Als ich aus dem Zug steige, klingelt endlich das Telefon: «Hey, my valentine!», sagt Katrin mit ihrer gemütlichen Stimme, die einen sofort entspannt. Meine österreichische Freundin aus Studienzeiten: Am Valentinstag gibt’s einen Anruf. Mindestens eine von uns ist immer single. Und wer will das zweite Weihnachten des Einzelhandels mit seinem Romantikdruck ohne seelischen Beistand durchstehen?

«. . . Die Geschichte meines Lebens hat jetzt einen Namen: Benching», erzählt Katrin. Englisch für «auf die Reservebank schicken». «Wenn du was mit einem Typen hast, der die Beziehung nicht definiert, aber genug Brotkrumen auswirft, damit du ihm folgst», führt Katrin aus. Wie heisst der aktuelle Reinfall? «Ach, ist unwichtig», sagt Katrin – und klingt bedrückt. «Passiert mir sowieso ständig. Und weisst du was?» Nein. «Ich muss in letzter Zeit dauernd an Sven denken.» Sven? «Ja . . . ich weiss . . . ist ewig her. Aber weisst du was?» Nein.

Also erzählt Katrin von ihrem ersten Ex-Freund. Die grösste Liebesgeschichte seit Sissi und Franz, damals in der niederösterreichischen Provinz, beide Teenager und Turnierreiter, Katrin trug Perlenketten und Poloshirts – bevor sie es cool fand, bei Bier und Marihuana ihr Geschlecht zu dekonstruieren. Während des Studiums in Wien lebten sich die zwei auseinander. «. . . Ich hätte ihn nicht verlassen, wenn er nicht so phlegmatisch geworden wäre!», sagt Katrin verteidigend – noch zehn Jahre später. «Mit einem Mangel an Ehrgeiz kann ich umgehen, den hab ich selber», lacht sie, «aber Sven war sogar zu faul zum Feiern!»

Paradoxerweise scheint die Trennung aber im Rückblick Katrins grösste Liebestat gewesen zu sein. Wie bei vielen Männern, die verlassen werden, bekam Sven plötzlich nicht nur seinen Hintern hoch, er wurde sogar ziemlich erfolgreich. Studierte an den feinsten Architekturschulen, bekam die besten Praktika. Gerade hat Katrin erfahren, dass er nun das Headquarter einer Grossbank entwirft. Er lebt in London, Fünf-Zimmer-Apartment, seine Frau war Eiskunstläuferin, bevor sie an der London School of Economics studierte.

«Ich fühle mich wie Stuart Sutcliffe!», ruft Katrin. Hä? «Der Typ, der die Beatles verliess, als sie noch keiner kannte. Er dachte, alleine könnte er mehr reissen. Also drückte er Paul McCartney seinen Bass in die Hand und wurde Maler. Dann erblindete er, und als die Beatles 1962 den Durchbruch hatten, starb er mit 22 Jahren», sagt Katrin. Ich weise sie darauf hin, dass sie immerhin 34 Jahre alt und noch am Leben ist. «Das ist doch viel schlimmer!», ruft Katrin mit selbstironischer Belustigung «Ich bin eine alte Frau, unverheiratet, und sitze mir den Hintern auf der Ersatzbank breit. Wenigstens einen Strauss Blumen könnte mir Sven am Valentinstag schicken. Nach allem, was ich für ihn getan habe!»

Dieser Text erschien am 23.02.2017 in DIE WELTWOCHE




Prosecco-Frühstück


«Und das Beste: Milo will keine Kinder!», sagt Sarah, meine alleinerziehende Freundin, und wirkt dabei aufgeregt wie ein kleines Hündchen. Sie nimmt einen ordentlichen Zug vom Prosecco. Ich schaue von ihrem Glas weg zur Flasche, um zu überschlagen, wie viel sie sich wohl schon reingeleert hat. Was soll gut daran sein, wenn Milo, Sarahs Verehrer, keine Kinder möchte? Schliesslich sitzt nur wenige Meter von uns entfernt ein kleiner Mann von sieben Jahren in seinem Zimmer, der nun einmal unbestreitbar Sarahs Söhnchen ist (auch wenn wir uns aufgrund seiner Vorliebe für Bücher und anständige Flüche à la «Scheibe» manchmal fragen, wie das nur möglich ist).

«Schau mich nicht so mitleidig an! Du verstehst das falsch. Milo hat ja nichts dagegen, dass ich ein Kind habe, er mag Kinder. Nur will er selber keins», klärt mich Sarah über die Einstellungen des neuen Mannes in ihrem Leben auf. Die beiden haben sich vor ein paar Wochen bei einem Raclette-Abend mit Freunden kennengelernt. Jetzt hatten sie die erste Verabredung zu zweit. Milo blieb entspannt, als Sarah von ihrem Sohn Pedro erzählte. Und wenn man mal so drüber nachdenkt: Vielleicht war das Kind auch bei Sarahs vorherigen Männerversuchen gar nicht so sehr das Problem. Womöglich war es problematischer, dass Sarah nonstop widersprüchliche Signale sendete, bis die Kerle so verwirrt waren, dass sie ihren Namen nicht mehr wussten. Zeigte ein Mann seine Zuneigung, wurde Sarah ruppig: «Was ist denn das für ein Warmduscher?» Begegnete ihr ein Mann nach zwei Treffen noch unentschieden, war sie beleidigt: «Der ist doch bestimmt schwul!» Man musste ihr nur drei Wochen geben, um jeden in die Flucht zu schlagen. Wie eine Wildschwein-Mama, die ihr Junges vor Fremden verteidigt, vergass sie beim Kennenlernen immer, dass sie aus freien Stücken einen Mann suchte. Alleinerziehende Mütter, die vom Mann des Kindes verlassen wurden, bräuchten ein Resozialisierungsprogramm.

Ein leises Geräusch ist hörbar, Pedro kommt aus seinem Zimmer. Er schliesst sorgsam die Tür hinter sich, schiebt die Brille auf der Nase hoch und zieht seinen Pullover tiefer, der um den Bauch herum etwas spannt. Dann nimmt er den Van-Gogh-Bildband, den er aus der Bibliothek geliehen hat, und setzt sich damit auf die Couch, wo er sich aufmerksam jedes Bild ansieht. Pedros Füsse reichen noch nicht einmal zum Boden.

«Er will nicht Fussball spielen aus Angst vor Grasflecken», flüstert Sarah am Esstisch. «Ich glaube, er braucht keinen neuen Vater, er ist so reif!» Ich runzle die Stirn und denke, dass es Pedro vielleicht schon ganz gut tun würde, wenn da mal ein Mann wäre, der vielleicht auch mal mit ihm an die frische Luft ginge. Wie das erste Treffen von Milo und Pedro wohl ablaufen wird?

Dieser Text erschien am 16.02.2017 in DIE WELTWOCHE




Tindergarten


Céline schiebt sich die Bratwurst rein, sie nimmt sogar vom Bürli – jetzt aber. Es ist nur ein paar Wochen her, seit ich sie das letzte Mal über Mittag getroffen habe, und doch wirkt sie recht verändert. «Ich brauch’ gerade eeecht viele Kohlenhydrate . . .», sagt die schlanke, ordentlich mampfende Journalistin, mit der man sonst nur Salat oder Sushi essen kann. Und natürlich verdreht sie jetzt auch noch genüsslich die Augen. Céline ist nicht nur suuuperglücklich, sie ist üüüberglücklich, sie explodiert gleich vor Energie – man müsste eigentlich in Deckung gehen. Stattdessen sehe ich ihre grossen, erwartungsvollen Augen, frage also brav wie das Rotkäppchen den Wolf: «Céline, warum kannst du denn plötzlich so viel essen?» Und da platzt es auch schon aus ihr heraus: «Mit Niiick ... das ist vöööllig verrückt! Jeeeden Tag! Und allein letzten Sonntag: sieeeben Mal!» Dabei schüttelt sie selbst ungläubig den Kopf, weil es ist ja auch alles so waaahnsinnig kraaass und Céline bestimmt die erste junge Frau auf der Welt, der körperliche Liebe in hoher Frequenz zuteil wird. Peinlich berührt, frage ich mich, ob ich mit Anfang zwanzig auch so bekloppt war – sooo bekloppt??? Aber dann erinnere ich mich, dass ich Céline ja irgendwie mag. Die freudige Anteilnahme überwiegt. Hier werden schliesslich auch Fortschritte gemacht!

Céline hat zuletzt viel Zeit im Tindergarten verbracht. Dabei gab ein Mann dem andern die Klinke in die Hand. Fast alle hatte sie über die Dating-App Tinder kennengelernt, und man freute sich bei jedem, wenn er weg war – so konnte man schneller über den nächsten lachen. Der direkte Vorgänger von Nick war Matthias, bei dem Céline nach rechts wischte, weil sie seinen Schnauzer für ein urbanes Retro-Statement hielt – total süüüss!!! –, dabei war der Typ einfach nur wirklich in den Tom-Selleck-Neunzigern hängengeblieben und vertrat Ansichten fernab der für Céline unentbehrlichen Urbanität (Er wollte sogar Kiiinder!!!). Gemessen daran ist Nick, Célines Kollege aus der Sportredaktion, geradezu vom Himmel gefallen. Seit Anfang Jahr sind die beiden zugange. Und auch wenn ich zuerst skeptisch war – Büro-Romanzen enden halt selten gut –, so scheint es sich doch positiv zu entwickeln. Ist es was Ernstes? «Gute Frage», sagt Céline – und klingt plötzlich gar nicht mehr albern. «Vielleicht ist es schräg, aber bis jetzt ist Nick einfach nur alles, was ich mir je von einem Mann erträumt habe.» Uff. Ein Satz, so hochkonzentriert naiv, dass er mich jetzt wirklich unangenehm an früher erinnert. Und an den Mann, der mein Herz rausriss, auf den Boden warf, mit Benzin übergoss, in Brand setzte und dann entspannt seine Zigarette daran entzündete. Sorgen um Céline, erstmals. Beim promiskuitiven Rumgeblödel im Tindergarten gab’s vielleicht nichts zu gewinnen. Aber auch nichts zu verlieren.

Dieser Text erschien am 09.02.2017 in DIE WELTWOCHE




Mami, ledig, sucht


«Das ist nicht dein Ernst!», sage ich wohl etwas entsetzter als nötig. Sarah hat in der Boutique einen weiten senfgelben Strickpullover vom Stapel genommen. «Aber der hat doch so schöne Details, schau, die roten Nähte», verteidigt sie sich mit dieser verhuschten Mädchenstimme, für die man sie am liebsten gleich in den Arm nehmen will. Oder anschreien. Klar, rote Nähte! Das sind natürlich die Dinge, die einen Mann beim ersten Date umhauen. Und Senfgelb: die Farbe der Liebe. Meine Freundin Sarah hatte seit acht Jahren kein Date mehr, seit einem Jahr ist sie alleinerziehend. Fragen stehen zwischen ihr und der Liebe. Büro, Wäsche, Elternabend: «Wann habe ich Zeit für ein Date? Kann ich in High Heels noch gehen? Will ich denn überhaupt, also einen Mann? Was wird untenrum von mir erwartet: rasiert oder nicht? Wie führe ich ein mehrstündiges Gespräch mit einem männlichen Wesen, das älter als sieben Jahre ist? Wirkt mein Wissen über ‹Avengers›-Actionfiguren charmant oder peinlich? Bin ich fett? Was, wenn ich erneut verlassen werde?»

Sarahs Leben ist – wie das Leben aller Alleinerziehenden – kompliziert. Ihr siebenjähriger Sohn Pedro kommt aus der Beziehung mit Gustavol: der Mann, der stärker für Sarahs Geschmacksverirrungen steht, als jeder senfgelbe Zelt-Pullover es könnte. Wer lässt sich bitte ernsthaft auf seinen Fitnesstrainer ein? «Am Anfang», sagt Sarah, «war es Liebe.» Auf beiden Seiten. Bis der heissblütige Gustavol auf Nina, die biegsame Yogalehrerin, traf und unbedingt all ihre Chakren öffnen musste. Jetzt leben die zwei auf Bali. Und Sarah mit dem kleinen Pedro in Zürich. In zirka fünf Naschattacken pro Tag kam dann Sarahs Verwandlung. Die schicken Sachen passen ihr nicht mehr. Also haben wir Pedro bei der Oma abgeladen und sind jetzt shoppen, sechs Stunden bevor Sarah ihr neustes Problem treffen wird: Milo. Ein Sales-Manager und schmucker Kerl, kennengelernt hat sie ihn bei einem Raclette-Abend mit Freunden. Schock: Er flirtete mit ihr. Und er hörte nicht einmal auf, als Sarah ihren Sohn erwähnte. Schon aus purer Überrumpelung gab sie ihm am Ende ihre Nummer.

Geknickt schaut Sarah in den Spiegel, den senfgelben Pulli vor der Brust: «Okay, wenn er mich darin toll findet, muss es Liebe sein!» Am Ende einigen wir uns aber doch auf ein schwarzes Etuikleid (locker am Bauch). Zu Hause schminken wir Sarah fünf Jahre jünger. Und als sie sich dezent beschwipst und kichernd in ihren geliehenen High Heels leicht wackelig auf den Weg macht, fühle ich mich wie eine (etwas verantwortungslose) Mutter, die ihr Kind auf den Abschlussball entlässt. Und ich denke, ich werde Milo finden müssen, um ihm einen Knochen zu brechen, sollte er der kleinen Maus weh tun.

Dieser Text erschien am 02.02.2017 in DIE WELTWOCHE




Goldener Schnatz


Maxim, mein Cousin, sitzt vor einer Tasse dampfendem Kaffee, sein Brötchen beschmiert er grosszügig mit Nougatcreme. Beobachtet wird er von drei Frauen, die alle gleich aussehen: meine Mutter, seine Mutter und ich. «Aber was suchst du denn dann?», fragt meine Mutter und meint nicht den Orangensaft, der auf dem Frühstückstisch zu weit weg von ihm steht, sondern die Tatsache, dass er viele Mädchen hat, aber nie eines mit nach Hause bringt. «Ich weiss es nicht», antwortet er. «Was findet ihr, was ich brauche?»

«Eine, die dich mal zur Abwechslung nicht anhimmelt», sagt seine Mutter, «eine Coole.» Ich ergänze: «Mit dir ist das wie mit dem Stein der Weisen bei ‹Harry Potter›: Alle wollen ihn, aber in die Finger kriegt ihn nur, wer ihn weder besitzen noch benutzen will.» Maxim äfft mich nach für die Stichelei. Als Teenager hatte er selbst eine Brille wie der Zauberlehrling, die seine Attraktivität in Grenzen hielt und ihm den uncoolsten Spitznamen der Welt einbrachte: «Harry Potter». Heute erinnert Maxim aufgrund seiner Statur eher an Captain America. Wobei das Nerdige noch manchmal durchscheint. Etwa, wenn er mir seine Theorien zu Frauen anhand einer Gauss-Glocke verdeutlicht: Als Ingenieur will er den «Werks-Effekt» entdeckt haben, demnach die Verteilung für die gefühlte Attraktivität einer Frau auf dem Werksgelände eines Maschinenbau-Unternehmens, wo es kaum Frauen gibt, mindestens zwei Punkte nach rechts verschoben ist. Heisst, eine Acht auf der Arbeit ist in Wahrheit nur eine Sechs und eine perfekte Zehn bloss eine Acht. «Gefährlich!», sagt er nach solchen Ausführungen mit glühenden Wangen.

«Ach, ich glaube, er braucht einfach nur die Richtige», meint meine Mutter, während Maxim zufrieden sein Brötchen isst. «Und die war halt noch nicht dabei.» Das wiederum kann ich mir schwer vorstellen. Bei der schieren Masse an Frauen, die Maxim schon hatte, ist es unwahrscheinlich, dass die Richtige nicht darunter war, eher schon mehrere Richtige. «Was war mit Mara?», frage ich. Maxim: «Hatte trophy wife-Faktor, aber war zu anhänglich.» Alexa? «Heiss, aber immer am Leiden». Und Valerie? «Unglaublich elegant, aber garstig. Und auch nicht sehr helle.» Das geht noch eine Weile so weiter. Bis der Eindruck entsteht, dass Maxims Spiel – um es mit einer Quidditch-Analogie aus dem Potterversum zu sagen – erst beendet ist, wenn er den kaum auffindbaren und noch schwerer zu fangenden Spezialball, den goldenen Schnatz, in der Hand hält: hier wohl eine Mischung aus Penélope Cruz, Marie Curie und Saufkumpel.

Meine Mutter runzelt die Stirn. «Aber Maxim, glaubst du, die Frau, die du suchst, gibt es auch?» Maxim schenkt ihr sein schönstes Grinsen. «Klar. Wie du sagst: Die Richtige war halt noch nicht dabei. Reichst du mir mal den Orangensaft?»

Dieser Text erschien am 26.01.2017 in DIE WELTWOCHE




Seestrasse 18


Selten habe ich mich so gefreut, die Treppen unseres Wohnhauses hochzugehen, wie an dem Sonntag, als Herr Bruno Steiner sichtlich verlegen und mit zwei Stück Mohnkuchen in der Hand vor Frau Regula Niedermayers Wohnung stand, aus der «O mio babbino caro» von Montserrat Caballé ertönte. Herr Steiner hatte das verbliebene Haar mit Gel sorgsam nach hinten gekämmt – und er klingelte. Endlich!

Frau Niedermayer, unsere 72-jährige Nachbarin, war eigentlich kein Kind von Traurigkeit. Nicht nur, weil sie spontan Nachbarn auf einen Kaffee zu sich lud, laut ihre Opernarien hörte und dabei ein Cailler-Branchli nach dem anderen verdrückte (wodurch sie mit den Jahren selber einer Operndiva alter Schule glich). Nein, um ihre Lebenslust zu illustrieren, konnte Frau Niedermayer vor allem ihre Jugend vorweisen: Als Tänzerin hatte sie in Las Vegas gearbeitet, mitunter sass sie zu Beginn der Show in einem riesigen Champagnerglas, ihre Beine: ein Traum. Wer das nicht glaubt, kann Frau Niedermayer in der Seestrasse 18 besuchen, wo sie gerne die alten Bilder zeigt.

Doch mit dem Judihui war Schluss, als der 86-jährige Herr Steiner letztes Jahr in eine kleine Wohnung in unserem Haus zog. Harte, ernste Züge: Er wirkte wie ein alter Offizier. Frau Niedermayer war verloren. Erstaunlich häufig traf man die beiden irgendwo zusammen im Haus an. In der Waschküche. Im Keller. Bei den Mülleimern. Es war so, als hätte der eine dem anderen aufgelauert, und dieser eine war sicherlich nicht Herr Steiner, denn dieser begegnete Frau Niedermayer stets mit kühler Einsilbigkeit, während diese ihm ihre Geschichten erzählte – bis sie immer leiser lachte. Frau Niedermayer verlor Gewicht; es war nicht mit anzusehen. Kaum noch hörte man ihre Arien. Und dann war er irgendwann da, der Blick in ihren Augen, wenn sie Herrn Steiner ansah: ein schüchternes Funkeln, vielleicht Angst. Als wäre Liebe zerbrechlich. Zart wie der Flügelknochen eines Babyvogels. Die Wendung zum Guten kam zwischen den Jahren. «. . . und der Albaner war noch besser als Pierre Brice!», hörte man Herrn Steiner mit ungewohnter Aufregung zu Frau Niedermayer im Treppenhaus sagen, die begeistert nickte und für einmal ganz sprachlos war. Er redete mit ihr! Offenbar hatten die beiden denselben Film geschaut. Der steife Weisse und der schöne Indianer: Old Shatterhand und Winnetou – ein bisschen wie Herr Steiner und Frau Niedermayer. Wer hätte gedacht, dass das Fernsehen heute noch die Kraft haben würde, Menschen einander näherzubringen?

Als ich an besagtem Sonntag meine eigene Wohnung erreichte, hörte ich, wie Frau Niedermayer die Tür öffnete und rief: «Schnell, mein Lieber! Wir haben nur noch eine halbe Stunde für den Kuchen. Dann beginnt der Film!»

Dieser Text erschien am 19.01.2017 in DIE WELTWOCHE




Pussy-Magnet


Ein langer Tag ist vorbei, ich schenke ein Glas Wein ein und entnehme dem verführerischen Brutzeln im Ofen, dass die Käsepizza gleich fällig ist – als das Telefon klingelt. «Sie kam noch mit zu mir!», sagt Maxim, mein Cousin. Und ich weiss nicht, von wem er redet. Zu viele Frauen. «Alexa aus Kitzbühel.» – Ach so. Und? «Ja, war mega. Also, ich hatte fünf Gin Tonics drin, und dafür muss ich sagen, hab’ ich noch ganz erstaunlich performt.» Und sie? «Na ja, nett. Aber ist jetzt glaub’ nichts, für was ich jedes Wochenende nach Kitzbühel fahren muss.»

Maxim ist über dreissig und kann in der Freizeit eine Baseballmütze tragen, ohne lächerlich zu wirken. Er ist der Untergang der Frauen. «Mir steigt das fast zu Kopf!», sagt er selbst. «Aber ich bin der reinste Pussy-Magnet.» Maxim ist Ingenieur, hat Witz und das Lächeln eines Champions. Wenn er eine hübsche Frau trifft, macht er ihr nie Komplimente fürs Aussehen. Aber für ihre «originelle Denkweise» oder die liebe Art, mit der sie ihrer Freundin begegnet. Eine Strategie der Kontrastsetzung, bei der Verunsicherung und Wertschätzung den Walzer tanzen. Irritiert fragt sich die Frau, weshalb sie kein Kompliment für ihre Optik erhält: Was für Kaliber ist der denn gewohnt? Ist vielleicht mein Make-up verschmiert? – Dann jedoch fällt sie ins warme Bett der Wertschätzung: Maxim erkennt ihre wahren Werte. Abgeschmackt? Vielleicht. Funktionieren tut es trotzdem.

Dabei ist Maxim ein Familienmensch. Letztes Jahr hat er es mit professionellem Online-Dating probiert, denn in freier Wildbahn lerne er nur Frauen kennen, die «irgendwie dumm» seien. Das Ergebnis kam flott und war phänomenal: Elisa, promovierte Psychologin mit Wangengrübchen und der gnadenlosen Fürsorglichkeit einer Mutter Theresa. Als sie erstmals in meine Wohnung kam, hängte sie die Wäsche auf, und das war bei ihr nicht komisch, nur liebenswert. Elisa, der Engel – und ein ziemlicher Männer-Magnet. Bald bekam sie mehr Aufmerksamkeit als Maxim, selbst seine Mutter mochte Elisa ein bisschen mehr als ihren Sohn. Vielleicht war das der Grund. Jedenfalls ist Elisa mittlerweile Geschichte.

Während Maxim am Telefon über die Haptik von Alexas Brüsten redet, denke ich an Julia Butze: die Einzige, die je mit Maxim Schluss machte. Sie war vierzehn, er auch, seine erste Freundin – und die letzte, mit der er mehr als vier Monate zusammen war. Maxim sagt immer, in spätestens drei Jahren, also mit 35, wolle er heiraten. Nimmt man bis dahin jedes Wochenende, abzüglich Weihnachten, dann sind es nur noch 153 Frauenherzen, die er brechen kann. «Und beide Brustwarzen waren gepierct!», sagt Maxim durch den Hörer und klingt wie ein Forscher, der einen neuen Schmetterling entdeckt hat. Ich schenke Wein nach.

Dieser Text erschien am 12.01.2017 in DIE WELTWOCHE




Innerer Marroniofen


Ist Ihnen auch so kalt? Ohne den Zauber der Weihnachtsmarktlichter macht der Schnee nur eisige Füsse statt strahlende Augen. Und die Sonne, ein Schatten ihres Sommerselbst, ist keine grosse Hilfe. Kommt sie mal raus, scheint sie matt und distanziert wie ein Magermodel. Brrr. Zeit, den inneren Marroniofen anzuwerfen. «Du glaubst es nicht. Rate!», befiehlt Céline, eine junge Journalistin, mit glühenden Apfelbäckchen beim Mittagessen im neuen Jahr. Dünnes Blüschen, Rock, keine Rücksicht aufs Thermometer: klares Indiz einer jungen Bettgeschichte. «Der Neue aus der Sportredaktion!», klärt sie mich ohne Abwarten über den Kerl auf, der heute Morgen ihre Zahnbürste mitbenutzen durfte, weil alles so ungeplant kam – angeblich. Dabei hatten sie schon Silvester gemeinsam verbracht. «Ich weiss, ich weiss: Don’t fuck the company!», begegnet Céline meinem skeptischen Blick. «Aber der hat mich umgehauen. Die Augen, der charmante Mail-Wechsel – und im Bett: Also, der Junge kennt keine falsche Scheu!» Céline kichert dümmlich. Dieser Zustand kompletter Bumsbesoffenheit nach einer ersten Nacht – beneidenswert.

Allerdings verstösst Céline mit ihrer Affäre innerhalb ihrer Zeitung gegen ein Naturgesetz: Zwei gleiche Pole stossen sich ab. Zwei Sozialarbeiter? Haben gemeinsam mehr adoptierte Kinder und Katzen, als in jede Wohnung passen, die sie bezahlen könnten. Oder nehmen wir zwei Unternehmensberater: Während sie nach Frankfurt fliegt, wo sie siebzig Stunden die Woche an den slides für die Verlegung eines Zürcher Callcenters in den Kosovo bastelt, wird bei ihm plötzlich die Teamkollegin Natascha zum Star seiner privaten Portfolioanalyse.

Das Problem beim Inzest in der Medienbranche? Dort sind alle verrückt. Und mehr als ein gestörtes Element verträgt keine Beziehung. Ich habe mal von einem Journalistenpaar gehört, wo die Frau nach der Trennung für die Männerwelt verloren war und es als Nächstes mit einer Frau versuchte. Bei zwei anderen griff am Ende die Polizei ein. Céline hört sich mein lautes Nachdenken an. Unbeeindruckt. «Ach, das wird bei uns anders, ich hab echt ein gutes Gefühl!» Als sie geht – der Kaffee ist bereits dem Neuen vorbehalten – bleibe ich zurück, vor dem letzten Stück kaltem Sushi, und ziehe ebenso besserwisserisch wie neidisch meine Strickjacke enger. Brrr. Célines Hintern wackelt fröhlich davon. Was aus ihr und dem Sportjournalisten wird? Mal sehen – hier, wo von nun an jede Woche ein bisschen Liebe erzählt wird. Die nächste gehört Maxim, der lauter Frauen hat, aber eben nicht die richtige.

Dieser Text erschien am 05.01.2017 in DIE WELTWOCHE