Im falschen Film


In der herzerwärmenden Tragikomödie «Florence Foster Jenkins» von Stephen Frears spielt Hugh Grant den liebenswürdigen Beau – wie immer. Beim Treffen ist der Schauspieler weniger charmant.


djs
«Ich wollte eigentlich nie in Liebeskomödien spielen»: Filmstar Grant. Bild: Getty Images

«Was Sie sagen, widert mich ein wenig an», sagt Hugh Grant zu mir – und schaut mich dabei an, als hätte ich ihm eine Tüte mit Hundekot und dazu einen Esslöffel hingehalten. Dabei hat das Interview mit Grossbritanniens bekanntestem Leinwand-Darling gerade erst begonnen.

Am 24. November kommt mit «Florence Foster Jenkins» ein hübscher Unterhaltungsfilm in die Kinos, in dem Grant nach vielen Jahren wieder einmal in einer prominenten Nebenrolle zu sehen ist. Er spielt an der Seite von Meryl Streep, welche die reale Figur der Florence Foster Jenkins verkörpert: einer Erbin, Gönnerin und Musikliebhaberin im New York der vierziger Jahre. Wie gewöhnlich ist Grant der drollige – wenn auch gealterte – Beau der Geschichte. Jenkins kann nicht singen, will aber Opernsängerin werden; ihr liebender Gatte (Grant) macht dies gegen alle Widerstände für sie möglich.

Beim Treffen in Zürich bestellt sich der Schauspieler als Erstes einen Tee, Sorte English Breakfast. Das erinnert an seine – meist britischen, konfliktscheuen – Filmfiguren, die so gerne abwarten und Tee trinken. «Wenn ich an Hugh Grant denke, kommt mir Tee und dieses spezielle Lächeln in den Sinn», sage ich voller Vorfreude auf das Gespräch zu Grant – dessen Gesichtszüge irritierenderweise weit weg sind von jenem Lächeln, das ich meine: Der Mund hängt runter wie bei einer alten Tante.

Trinken Sie so gerne Tee wie Ihre Figuren?

Na ja, ich muss immer Tee trinken, weil mich Kaffee gewalttätig und unangenehm macht.

Sie haben ein Markenzeichen-Lächeln: süss, schüchtern, zugeknöpft. Gehört dieses Lächeln Ihren Rollen oder Hugh Grant?

Mir ist mit Sicherheit nicht bewusst, von welchem Lächeln Sie reden.

Nun, in Ihren romantischen Komödien . . . Ihr Lächeln eben.

Ernsthaft? Was Sie sagen, widert mich ein wenig an.

Da Sie meist ähnliche Rollen spielen, fragt man sich nun mal, ob Sie sich selbst spielen.

Ich denke, ich weiss, welche Rollen Sie meinen. Aber das ist mehr als zehn Jahre her. Ich habe zwischen 1994 und 2003 wiederholt Rollen gespielt, die Richard Curtis geschrieben hat, was war in «Vier Hochzeiten und ein Todesfall», «Notting Hill» und zuletzt in «Tatsächlich . . . Liebe». Aber diese Figuren waren Alter Egos von Curtis. Sie entsprechen nicht im Entferntesten meiner Person.

Mit diesen Liebesfilmen sind Sie berühmt geworden. Gibt es etwas, was Sie aus den Filmen über die Liebe gelernt haben?

Nein, ich glaube nicht.

Ihre Figur in «Florence Foster Jenkins» ist ihrer Frau untreu, dennoch wirkt die Liebe echt. Greift unser heutiges, auf Monogamie fixiertes Verständnis von Liebe zu kurz?

Die Figur, die ich spiele, hat einen guten Grund für die Untreue – und ich kann diesen Grund nicht verraten, ohne zu viel vom Film vorwegzunehmen.

Sie haben vier Kinder von zwei Frauen, und alle wohnen in derselben Strasse. Wie macht man das logistisch?

Ich bin nur hier, um über den Film zu reden.

Mich interessiert nur, wie Sie das managen.

Ich bin nur hier, um über den Film zu reden.

Mir gefällt Ihr Film, aber er wirft nicht gerade viele Fragen auf. Das ist jetzt so unangenehm wie in «Notting Hill», wo Ihre Figur in eine Interviewsituation rutscht und sinnlose Fragen stellt: «Welcher Teil des Films hat Ihnen beim Drehen am meisten Spass gemacht?»

(Grant lacht, bezieht sich ebenfalls auf «Notting Hill») Der Teil, der im Weltall spielt.

Gab es Herausforderungen beim Dreh von «Florence Foster Jenkins»?

Die Tanzszene war ein Albtraum. Du liest im Drehbuch: «Er tanzt wundervoll.» Das lässt sich leicht schreiben – aber nur schwer ausführen. Vor allem, wenn es um eine historische Tanzart der vierziger Jahre geht: Lindy Hop. Ich habe den Unterricht gehasst. Nach zwei oder drei Monaten musste ich dann aber doch zugeben: Tanzen macht eigentlich Spass. Vielleicht werde ich mich in Zukunft häufiger über Bewegung ausdrücken.

Sie sind dabei, sich neu zu orientieren. Für Liebeskomödien finden Sie sich selbst zu alt. Welche Genres reizen Sie?

Ich wollte eigentlich nie in Liebeskomödien spielen. Ich habe keine spezielle Begeisterung dafür. Mir wurden einfach immer die Drehbücher für solche Filme angeboten. Was andere Genres betrifft: Ich würde alles machen. Solange das Drehbuch passt. Als Nächstes spiele ich in der Fortsetzung des Kinderfilms «Paddington» den Bösen.

Was waren Ihre grössten Unsicherheiten als Teenager?

Meine Körpergrösse. Ich war ein Spätzünder. Die anderen Jungs waren doppelt so gross wie ich und hatten schon erste Bartstoppeln. Ich war noch immer ein winziges Kind. Das hängt dir ein Leben lang nach.

Wann waren Sie in Ihrem Leben am glücklichsten?

In meinen Zwanzigern, als ich mit zwei Kollegen Radio-Werbung gemacht und Comedy-Sketche für TV-Shows geschrieben habe. Das war fantastisch, weil wir für unser eigenes Material gesorgt haben. Damals fühlte ich mich viel mehr wie ein richtiger Mann als heute, wo ich immer nur die Worte anderer spreche.

Grant redet noch ein bisschen über Meryl Streep («professoral, leidenschaftlich, definitiv brillant»), Zürich («schön»), Roger Federer («die Meryl Streep des Tennis»). Und auch wenn er ein wenig auftaut, scheint sich Grant weiterhin unwohl zu fühlen. Mehrmals verdreht er die Augen oder macht so ein entsetztes «Dschungelcamp»-Gesicht («Ich bin ein Star – holt mich hier raus!»). Es heisst, Grant hasse Journalisten und hadere mit seinem Ruhm.

1979 bekam der Sohn eines Teppichverkäufers und einer Lehrerin ein Stipendium für die Elite-Universität Oxford, an der er englische Literatur studierte und einer exklusiven Verbindung beitrat, die für ihren Snobismus bekannt ist. Vielleicht sind die Filme, mit denen Grant berühmt wurde, einfach nicht ganz auf dem Niveau, das er sich damals erträumt hat.

Dieser Text erschien am 06.10.2016 in DIE WELTWOCHE