«Der Schlüssel zur Stärke liegt in der eigenen Verletzlichkeit»


Jake Gyllenhaal spielt im neuen Biopic «Stronger» den jungen Jeff Bauman, der beim Bombenanschlag auf den Boston-Marathon 2013 seine Beine verlor und ungewollt zum Helden stilisiert wurde. Ein Gespräch über den Schmerz, ein Mann zu werden.


jake gyllenhaal
«Bestimmte Art von Bescheidenheit»: Jake Gyllenhaal.

Es ist fast ein wenig schade, einem Menschen Fragen zu stellen, der ein so gutes Zuhörgesicht hat. Es scheint lautlos klick zu machen, wenn Jake Gyllenhaal ruhig und aufmerksam wird. Dann finden sich die feinen Züge dort ein in seinem Gesicht, wo sie vielleicht hingehören. Die Anspannung in den 26 Gesichtsmuskeln, die immer wieder auf leicht andere Art zusammenspielen für Charaktere, die unter die Haut gehen, sowie die beinah irre wirkende Intensität seiner grünblauen Augen weichen einem gelassenen Ausdruck: Der Mann ist jetzt einfach da.

Womöglich ist der 37-Jährige beim Zuhören so, wie er ist, wenn er gerade nicht all die anderen ist: nicht der destruktive Teenager Donnie Darko, mit dem vor siebzehn Jahren alles begann, nicht der seelisch verwundete Cowboy in «Brokeback Mountain», nicht der gebrochene Boxer in «Southpaw», nicht der Soziopath aus «Nightcrawler» oder Jeff Bauman, der unbeholfene Held wider Willen, den er nun in der selbstproduzierten Filmbiografie «Stronger» spielt (Kinostart: 19. April).

«Ich glaube, es bedarf einer bestimmten Art von Bescheidenheit, um ein Mann zu werden», sagt Gyllenhaal beim Treffen im «Dolder Grand», das Anfang Oktober 2017 im Rahmen des Zurich Film Festival stattfand. Obwohl die «me too»-Debatte zu diesem Zeitpunkt noch nicht begonnen hat, dreht sich das Gespräch bereits um die Fragen, die wichtig werden. Gyllenhaal ist ungeschminkt, was auch für männliche Hollywoodstars ungewöhnlich ist. Er ist ein wenig blass von der Anreise und trägt ein schlichtes Shirt. «Ich habe mich selbst immer gefragt, wie man ein Mann wird, und mich an den Konzepten gerieben, welche die Gesellschaft den Heranwachsenden dazu bietet.» Gyllenhaal sieht sich in eine Zeit des «kulturellen Verfalls» hineingeboren. «Zuhören, die Älteren respektieren und ihre Geschichten ernst nehmen, das ist essenziell fürs eigene Erwachsenwerden – aber das musste ich erst mühsam lernen», sagt er mit weicher Stimme. Die «verlängerte Adoleszenz», die heute viele bis in ihre Vierziger hineinziehen, sieht er kritisch.

Mehr Zeit


Männlichkeit in der Krise, das ist der rote Faden, der Gyllenhaals Arbeit durchzieht. Seine Figuren hadern stets mit den Erwartungen von aussen und kämpfen mit ihrer eigenen Verletzlichkeit. «Ich bin mit vielen starken Frauen aufgewachsen. Insbesondere – direkt an meiner Seite – mit meiner Mutter und meiner Schwester», erzählt er. «Und mit einem sehr starken Vater, der mir gezeigt hat, dass der wahre Schlüssel zur Stärke darin liegt: im Annehmen der eigenen Verletzlichkeit.»

Der Schauspieler ist US-Amerikaner, entspringt aber einem Zweig der schwedischen Adelsfamilie Gyllenhaal, den es nach Hollywood verschlagen hat: Er ist der Sohn des Regisseurs Stephen Gyllenhaal und der Drehbuchautorin Naomi Foner sowie der Bruder der drei Jahre älteren Schauspielerin Maggie Gyllenhaal («The Dark Knight»). Obwohl Jacob Benjamin Gyllenhaal noch jung ist, kann er bereits auf ein üppiges Werk zurückblicken: 36 Kinofilme sind es schon, zwei weitere entstehen gerade. Trotzdem fertigt Gyllenhaal Journalisten nicht mit Hollywood-Arroganz und einstudierten Antworten ab. Er lässt Fragen auf sich wirken, erscheint dabei auch mal verwirrt, denkt sichtlich nach beim Reden und bittet seine Assistentin um mehr Zeit, wenn er etwas ausholen will.

Sein neuer Film «Stronger» beruht auf einer wahren Geschichte. Es ist die Verfilmung von Jeff Baumans gleichnamiger Autobiografie: Der heute 32-jährige Amerikaner verlor seine Beine während des Bombenanschlags auf den Boston-Marathon im Jahr 2013. Er wollte die Liebe seiner Freundin zurückgewinnen, die als Läuferin teilnahm. Bauman feuerte sie vom Strassenrand an – als die Bombe hochging. In der Folge wurde Bauman von den Medien zum Helden stilisiert, dabei kam der junge Mann ohne Beine nicht mehr mit dem Leben klar, begann zu trinken. Bevor er erwachsen wird, klammert er sich an ein altes Männlichkeitsverständnis: Er markiert den Harten, beginnt Kämpfe in Bars, zerstört sich. Als seine Freundin schwanger wird, entkommt er der Verantwortung nicht länger: Er lässt sich ein auf die schmerzhafte Erfahrung, verletzlich zu sein – und wird stärker.

Anders, aber gleichwertig


Wir reden über eine der berührendsten Szenen des Films: Der beinlose Bauman sitzt an seine Freundin gelehnt. Die beiden geniessen den Moment der Nähe, aber Bauman ist auch verunsichert: «Solltest du dich nicht an mich lehnen?», fragt er seine Freundin. Beide begreifen, dass die klassischen Rollenmodelle in ihrer Beziehung nicht möglich sein werden, dass er physisch geschwächt bleiben wird, dass sie stark sein und ihn mitunter wird schützen müssen. Sie sagt: «Ich geniesse es einfach, hier mit dir zu sitzen.»

Gyllenhaal lächelt. «Es ist schön, sich um eine Frau zu kümmern», sagt er. Es sei ein schmerzhafter Prozess gewesen für Bauman – der durch die gemeinsame Arbeit am Film zu Gyllenhaals Freund wurde –, die Hilfe seiner Freundin anzunehmen. «Aber in jeder guten Beziehung muss es möglich sein, sich anzulehnen, unabhängig vom Geschlecht», sagt Gyllenhaal und spricht jetzt in einem geweiteten Kontext von Beziehungen abseits der Leinwand. «Was Männer und Frauen füreinander sein können, befindet sich in tiefem Wandel. Was ich vom Feminismus meiner Schwester lerne: Man sollte sehr nah bei sich und den eigenen Stärken bleiben und nicht zu stark an gesellschaftliche Normen glauben. Gleichzeitig denke ich, dass es biologische Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt. Ich zum Beispiel halte viel von einer gewissen Ritterlichkeit im Umgang mit Frauen.» Er finde aber, die Unterschiede der Geschlechter sollten nicht dazu missbraucht werden, gesellschaftliche Nachteile und Ungleichheit aufrechtzuerhalten.

In früheren Filmen spielte Gyllenhaal mitunter Männer, die bewusst die Rolle ablehnen, die von ihnen erwartet wird – was zu Problemen führt. In «Nocturnal Animals» (2016) etwa wird der von ihm gespielte Mann, ein sensibler Autor, von seiner Freundin für einen finanzstarken, klassisch männlichen Typen verlassen. Gyllenhaal schaut leicht bitter, als wir darüber reden. Als fühle er sich gerade noch einmal in die Figur ein. Dann sagt er: «Die Emanzipation bringt ihre Probleme mit sich. Männer wie Frauen sind gelegentlich überfordert.» In seinem Umfeld gehe ja auch der Fluch um, dass sehr erfolgreiche Frauen, die einen Oscar als Hauptdarstellerin gewännen, keinen Partner fänden. Gyllenhaal relativiert das aber aus eigener Erfahrung: «Ich kenne viele Männer, die sehr sensibel sind – und die unglaubliche Frauen haben, die, nun ja, auch ungemein auf sie stehen. Es macht Männer und Frauen gleichermassen attraktiv, wenn sie über innere Stärke verfügen, für sich einstehen können und das, was sie tun, mit Leidenschaft verfolgen.»

Gyllenhaal ist Demokrat. Auch in der Trump-Regierung sieht er eine Männlichkeitskrise – mit verursacht durch die Unfähigkeit, zuzuhören. «Viele Menschen in den USA sind leider schlecht informiert. Es ist sehr leicht, in diesem Klima Falschinformationen zu verbreiten», sagt er. «Ich habe Trump nicht gewählt, fühle mich aber dennoch mitverantwortlich für ihn.» Das Milieu und die Bildungsschicht, der er selbst angehöre, habe den Frust der vielen im Land nicht ernst genug genommen und es verpasst, ausreichend zuzuhören. «Im Kontext dessen, über was wir gerade gesprochen haben: Es wäre gesund – gerade auch in meinem Milieu –, wenn wir wieder den Anspruch hätten, erwachsen zu werden und Verantwortung zu übernehmen. Das ist nicht nur die Voraussetzung für Männlichkeit, sondern auch für Führungsstärke in jeder Form.»

Am Ende bedankt sich Gyllenhaal für das Gespräch. Dann geht er ans Fenster, aus dem er über Zürich blicken kann, und er nimmt ein paar tiefe Atemzüge. Schliesslich wendet er sich der nächsten Journalistin zu – mit einem Lächeln, das kein bisschen gespielt, sondern einfach nur ehrlich wirkt.

Dieser Text erschien am 29.03.2018 in DIE WELTWOCHE