Kampf um Echtheit


Um die Frage, ob sich Frauen schminken sollten oder nicht, ist eine neue Debatte entstanden. Der zarte Gesichtsschleier des Westens wirft existenzielle Fragen auf.


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«Emotionales Wachstum.» Alicia Keys. Bild: Instagram

Wenn eine Frau die Nacht mit einem Mann verbringt, kommt der Punkt, an dem sie sich abschminkt. Ist es das erste Mal, und sie wünscht sich mehr als nur eine Nacht, dann ist dieser Moment ein besonderer. Denn eine Frau kann nackt sein. Und sie kann nackt sein. Sich vor einem Mann ausziehen ist das eine. Ihm das ungeschminkte Gesicht zeigen das andere. Es kann die noch grössere Form der Intimität darstellen. Denn selten ist eine Frau so ehrlich wie jetzt – und so verletzlich. Je mehr Schminke im Alltag die Norm ist, desto stärker ist das Schamgefühl im Rohzustand.

Wer manipuliert, hat Macht


In den letzten Jahren hat die Beauty-Industrie ordentlich aufgerüstet. Ein bisschen Puder, Rouge, etwas Wimperntusche – das war einmal. Das Schminken erlebt eine Blütezeit. Junge Mädchen studieren stundenlang Youtube-Tutorials über die neusten Techniken. Dabei tun sich ständig neue Produktwelten auf. Bei L’Oréal, dem weltgrössten Kosmetikkonzern, wächst der Umsatz Jahr für Jahr. Mit einer 12-prozentigen Steigerung hat er 2015 noch einmal einen Sprung nach vorne gemacht. Aus Kosmetikerinnen sind «Make-up-Artists» geworden, sie wollen Künstlerinnen sein. Einige wurden mit ihren Schminkanleitungen auf Youtube und anderen Social-Media-Kanälen berühmt. Julia Graf, die erfolgreichste dieser Damen in der Schweiz, ist mit ihren Videoanleitungen auch auf Blick.ch präsent, was zeigt: Das penible, kunstvolle Schminken ist eben kein Nischenphänomen der sozialen Medien, sondern Mainstream geworden.

Es ist heute nicht einmal mehr selbstverständlich, am Wochenende ungeschminkt ins Fitnessstudio zu gehen. Viele Frauen glauben, sie müssten 24 Stunden an sieben Tagen die Woche Make-up im Gesicht tragen. Gerade unter den «Millennials» sind selbst falsche Wimpern zum Aufkleben nicht mehr nur eine Spielerei für besondere Anlässe, sondern Tag für Tag im Einsatz. Einstündige Aufenthalte im Bad am Morgen – warum nicht?

Und wie immer, wenn eine Entwicklung an einen extremen Punkt gelangt, formiert sich eine Gegenbewegung. «Ich möchte mich nicht mehr verbergen», sagt die US-Sängerin Alicia Keys dazu, dass sie neuerdings Make-up ablehnt. Und fügt an, was sie alles nicht länger unter der Schminke verstecken möchte: «Nicht mein Gesicht, nicht meinen Verstand, nicht meine Seele, nicht meine Gedanken, nicht meine Träume, nicht mein emotionales Wachstum.» Es geht um die Frage der Authentizität. Alicia Keys macht ein grosses Fass auf. Ihre Äusserungen zeigen, wie viel mehr als nur ein bisschen Gesichtsfarbe viele Frauen mit Make-up verbinden. Seele, Verstand, Träume, Wachstum: Schminken oder Nichtschminken, das ist hier die Frage.

Zuerst ging Keys Ende August ungeschminkt zu den MTV Video Music Awards. Man hätte die Aktion zu diesem Zeitpunkt noch für einen PR-Coup halten können, denn natürlich zog die ungeschminkte Sängerin mehr Aufmerksamkeit auf sich als die anderen, aufgedonnerten Stars – die Art ihres Auftretens hatte schlichtweg grossen Seltenheitswert. Doch auch in der Folgezeit war Keys ohne Make-up zu sehen. Derzeit zeigt sie sich im Fernsehen als Coach in der Talentshow «The Voice» mit diesem frischgewaschenen, unbemalten Gesicht, das sie wie einen Teenager aussehen lässt. Dass sie damit den Nerv der Zeit trifft, zeigen die vielen Bilder, die Frauen unter hnomakeup in den sozialen Netzwerken von sich zeigen. Alicia Keys ist zur Ikone einer neofeministischen Bewegung geworden.

Ist das Schminken ein harmloser Initiationsritus, oder geben wir Mädchen das Gefühl, von Natur aus nicht schön genug zu sein, wenn wir ihnen irgendwann den ersten Mascara in die Hand drücken? Ist Make-up eine Zensur der Natürlichkeit, eine Verschleierung weiblicher Identität, ein gesellschaftlicher Zwang?

Die Frage nach der Echtheit und Ehrlichkeit der geschminkten Frau ist keine neue. «Ich weiss auch von euren Malereien Bescheid», sagte schon Hamlet zu Ophelia. «Recht gut. Gott hat euch ein Gesicht gegeben, und ihr malt euch ein anderes.» Das war nicht nett gemeint. Bereits frühe christliche Autoren hatten die weibliche Neigung zum verschönernden Pinselstrich als manipulativ gebrandmarkt. Aber wer manipulieren kann, der hat immerhin Macht. Hier drückt sich eine männliche Angst aus, von Frauen hinters Licht geführt zu werden. Die geschminkte Frau galt also nicht als Opfer, welches dem Mann gefallen muss und deshalb zum Farbtopf greift. Die geschminkte Frau bestimmt ihr eigenes Bild. Sie ist eine Femme fatale. Wie Make-up-Artist Lisa Eldridge in ihrem Buch «Face Paint – The Story of Make-up» aufweist, korrelieren die Selbstbestimmung der Frau und der Gebrauch von Schminke, historisch betrachtet, tatsächlich immer wieder positiv, während «in Zeiten, in denen Frauen in hohem Mass unterdrückt» waren, «Make-up generell abgelehnt» wurde.

Das Paradebeispiel hierfür sind die stark geschminkten Frauen im alten Ägypten. Verglichen mit Frauen in anderen Kulturkreisen und anderen Epochen, besassen sie relativ grosse Autonomie. Der Besitz von Land und Vermögen wurde gebilligt, sie konnten Geschäfte führen und vor Gericht klagen. In der griechischen Antike hingegen wehte ein anderer Wind: «Ferner ist im Verhältnis das Männliche von Natur aus das Bessere und das Weibliche das Geringerwertige, und das eine herrscht, das andere wird beherrscht», schrieb Aristoteles. Auch wenn wir heute das alte Griechenland mit Fortschritt verbinden, waren die Frauen doch weitgehend von diesem ausgeschlossen. Ihr Ort war das Haus. In der Öffentlichkeit und in der Politik hatten sie nichts zu melden.

Es ist bezeichnend, dass Frauen in unserer Gesellschaft vor allem in der freien Wirtschaft geschminkt sind, wo ihnen eine gewisse Härte abverlangt wird. Und schaut man sich die Chefinnen in Wirtschaft, Politik und Medien an, sieht man nur geschminkte Gesichter.

Sorglose Momente


Make-up lässt eine Frau vielleicht nicht unbedingt schöner, aber in den meisten Fällen unberührbarer und weniger verletzlich wirken. Eine Maske hält auf Abstand. Das geschminkte Gesicht ist ein öffentliches. Mascara lässt die Augen wacher aussehen. Roter Lippenstift verleiht dem Gesicht Stärke. «Make up your life. Dein Weg zu Schönheit, Stil und Erfolg» heisst das 2015 erschienene Buch von Michelle Phan, einer der weltweit erfolgreichsten Schmink-Youtuberinnen. Im Buchtitel spielt Phan mit der Doppeldeutigkeit des Wortes Make-up. Denn als Verb bedeutet es so viel wie: erfinden, sich etwas ausdenken, erdichten. Wenn man so will, blitzt da noch ein wenig das Trügerische auf. Aber auch das: Kreativität. In ihrem Buch, das sich an ein junges Publikum richtet, erklärt die 29-jährige Phan nicht nur, wie man sich schminkt, sondern auch, wie man einen Businessplan schreibt. Eine Frau, die Make-up trägt, ist eine, die etwas aus sich und ihrem Leben macht – so die Botschaft.

Die Beauty-Industrie als Speerspitze der weiblichen Befreiungsbewegung? Na ja. Auch wenn der Gebrauch von Make-up das weibliche Selbstwertgefühl stärken kann, haben sich die Konzerne im 20. und 21. Jahrhundert nicht immer mit Ruhm bekleckert. Die Industrie lebt auch davon, Frauen das Gefühl zu geben, sie seien defizitär und – ja – von Natur aus hässlich. Insbesondere zu Beginn des 20. Jahrhunderts spielte die Werbung stark mit der Unsicherheit der Frauen. «Meistens liegt es am Aussehen, dass manche Frauen zu Partys ausgeführt werden, während andere nur nach Hause gebracht werden», warb das Kosmetikunternehmen Helena Rubinstein 1923 für seine Anti-Aging-Produkte.

«Was ich sage, ist vielleicht nicht aussergewöhnlich, aber die Wahrheit: Die sorglosesten Momente in meinem Leben hatte ich nicht, wenn ich mich schön fühlte, sondern, wenn ich keinen Gedanken an die Schönheit verschwendete», schreibt die US-Autorin Autumn Whitefield-Madrano in ihrem neuen Buch «Face Value». Sie bringt damit ein weibliches Lebensgefühl auf den Punkt. Denn die schönsten Momente erleben wir nicht auf einem Ball mit dickem Airbrush-Make-up, ständig besorgt, dass nichts verschmiert. Wir erleben das Glück besonders dann, wenn wir, ganz ungeschminkt, einfach nur wir selbst sein können.

Etwa dann, wenn im Bett ein Mann auf uns wartet, der uns so am schönsten findet, wie wir aus der Dusche kommen.