Wie beim ersten Mal


Während ihre Alterskolleginnen gerne mit Sexskandalen um «Likes» kämpfen und sich in Abgeklärtheit üben, schwelgt die Sängerin Taylor Swift ganze Alben lang im Liebesschmerz. Und die Zeiten sind offenbar reif dafür. Die 24-Jährige ist die bestverdienende Musikerin der Welt.


Sommer ohne Taylor
Sieht so eine aus, die sich unterkriegen lässt? Taylor Swift auf dem Laufsteg von Victoria's Secret.

Auf dem Laufsteg von Victoria’s Secret stand die Country-Sängerin Taylor Swift im letzten Jahr in einem silbernen Strasskleidchen, sah aus wie die heilige Unschuld vom Lande und sang ihren Herzschmerz aus der Brust, schützend flankiert von den schönsten Frauen der Welt, in weissen Engelsroben. Rache mag sich süss anfühlen, aber sie hat wohl noch selten auch so süss ausgesehen.

Auf dem Laufsteg von Victoria’s Secret stand die Country-Sängerin Taylor Swift im letzten Jahr in einem silbernen Strasskleidchen, sah aus wie die heilige Unschuld vom Lande und sang ihren Herzschmerz aus der Brust, schützend flankiert von den schönsten Frauen der Welt, in weissen Engelsroben. Rache mag sich süss anfühlen, aber sie hat wohl noch selten auch so süss ausgesehen.

Das Lied «I Knew You Were Trouble When You Walked in», dessen Ge-schichte laut Swift wie alle ihre Lieder eine reale Vorlage hat (angeblich geht es um den Schauspieler Jake Gyllenhaal, der die Trennung angeblich auch bereut hat, mit dem Swift allerdings gemäss einem anderen Hit, «Never Ever Ever», wieder zusammenkommen will), eroberte Platz eins der amerikanischen Charts. Es war ihr bisher grösster Erfolg. Und 2013 das Jahr ihrer Krönung: Mit 23 Jahren verdiente die Blondine mehr als jeder andere Musiker. Mehr als Justin Timberlake und beinahe doppelt so viel wie Superstar Beyoncé Knowles. Laut dem «Billboard»-Magazin gingen fast 40 Millionen US-Dollar auf ihr Konto.Es ist wieder einmal so weit, dass die amerikanische Country-Begeisterung so gross wird, dass sie auch nicht amerikanische Radios erreicht. Johnny Cash («I Walk the Line»), Shania Twain («That Don’t Impress Me Much!»), Faith Hill («This Kiss»). Aber anders als Twain und Hill aus der Vollweiber-Riege sieht Swift noch immer aus wie ein Mädchen, das die Pubertät nicht verwinden kann. Bei ihrer Putzigkeit würde man nicht unbedingt vermuten, dass sie in der Tradition des Genres alle ihre Lieder selber schreibt.

Swift wirkt wie ein perfektes Produkt, womit ein Teil ihres Erfolgs schnell erklärt sein dürfte. Ein Produkt, das so selbstgemacht ist wie die Cupcakes fortgeschrittenen Könnertums, die sie gerne fotografiert und auf Instagram postet.

Swift gilt als ebenso rechtschaffen wie kontrollsüchtig. Damit auch wirklich alles mit rechten Dingen zugeht, macht sie fast alles selbst. Den Zirkel von Musikern, mit denen sie zusammenarbeitet, hält sie eng. Experimente sind ihre Sache nicht und sich gehen zu lassen, auch nicht. Die Haarfarbe hat sie noch nie geändert. Bei allem Liebesleid, das die normalsterbliche Frau gerne in Schokolade tunkt, konnten an der sehr Schlanken bisher auch keine Gewichtsschwankungen beobachtet werden.

Auf dem Cover des Musikmagazins «Rolling Stone» als «Heartbreak Kid» betitelt, geht es bei Swift viel darum, die Opfer der Liebe, zu denen sie immer selbst zählt, zu den heimlichen Siegern umzumünzen. Denn in Swifts Welt, die sie als eine Mischung aus Peter Pans Nimmerland und dem Wunderland von Alice beschreibt, ist die Liebe «absolut alles». Ergo ist nichts armseliger als die Lieblosig- keit der Herzensbrecher. Mit dieser Ansicht gewappnet, stürzt sich Swift anscheinend über jeden Zweifel erhaben im realen Leben von einer Beziehung in die nächste. «Fall hard, if you fall hard», sagt sie. Da war also Gyllenhaal, dem beinahe das gesamte jüngste Album «RED» gewidmet ist. John Mayer, Taylor Lautner, Joe Jonas, Harry Styles, Conor Kennedy. Nichts will halten.

Erfolgreich wie die Beatles


Sie hat bereits zighundert Lieder geschrieben, die systematisch auf ihren Tagebucheinträgen basieren. Und weil das zumindest professionell so gut funktioniert, ist die Veröffentlichung ihrer Leiden schon erklärtes Ziel, noch bevor sie sich wieder einmal weh tun lässt. Als sie mit 20 Jahren bei ihren Eltern auszog, um ein eigenes Penthouse in der Country-Musik-Hauptstadt Nashville zu beziehen («ein Land, in dem 99 Prozent der Menschen freundlich sind und höfliche Autofahrer», wie sie meint), erklärte sie einem Interviewer mit der Nüchternheit eines Sachbearbeiters: «Ich werde ausziehen, selbständig leben, Beziehungen erfahren. All das wird dokumentiert in einer Art Fotoalbum beziehungsweise in einem Tagebuch – welches wiederum mein nächstes Album wird.»

Neben Liebesleid geht es in Swifts Liedern viel um Moral. Männer, die vergeben sind, sollen sie bitte gar nicht erst anschauen. Sie spricht häufig von «Selbstbewahrung». Das passt zum Country-Genre, welches zwar heute politisch diversifizierter ist, um noch immer als reine Stammtisch-Musik der Republikaner durchgehen zu können, aber noch immer gemeinhin als eher konservativ gilt.

Womöglich hat der Übererfolg Swifts, die mit «RED» erstmals seit den Beatles ein Album über sechs Wochen auf Platz eins der Charts halten konnte, auch ein wenig mit einer Verdrossenheit über Obamas urbanes Amerika zu tun, dessen Realität nicht so herzlich ist wie der altmodische Charme der Country-Welt. Dazu passt auch, dass Obama wiederum schon mal auf Swifts Musik zurückgreift, um über die Politik der Republikaner zu spotten. «Erst wollen sie drastische Sparmassnahmen, und jetzt meckern sie jede Minute darüber und erklären, wie sehr sie diese hassen würden. Das ist, als ob man in einem Taylor-Swift-Album gefangen wäre», scherzte er beim letzten grossen Korrespondenten-Dinner im Weissen Haus.

Das Mädchen mit den staunenden Katzenaugen und dem immer noch irgendwie nerdig verkrümmten Rücken wirkt, auch wenn sie die Cowboy-Stiefel durch Designer-Schuhe eingetauscht hat und auch gelernt hat, wie man den Körper einer theoretisch erwachsenen Frau mit etwas Grazie durch die Welt bewegt, manchmal ein wenig unbedarft. Aufgewachsen ist sie auf einer Farm für Weihnachtsbäume in Pennsylvania. Da gab es auch sieben Pferde und eine Weinlaube, in der sie Gitarre spielen konnte. «Bis meine Finger buchstäblich geblutet haben», wie sie beteuert. Seine Highschool-Zeit verbrachte das stark behütete Mädchen teilweise daheim im Homeschooling. Dabei soll sie den Stoff von zwei Unterrichtsjahren in nur einem Jahr bewältigt haben. Mit 19 Jahren behauptete sie, noch nie eine Zigarette geraucht oder auch nur einen Tropfen Alkohol getrunken zu haben, an Sex vor der Ehe gar nicht zu denken (Grundsätze, die sie für Jake Gyllenhaal teilweise modifiziert haben soll). Ihre Begeisterung für Country-Musik begann mit sechs Jahren. Bereits wenige Jahre später gab sie ihre bisherige Lieblingsbeschäftigung – Märchen ausdenken – auf und begann, Lieder zu schreiben. Nur waren ihre Klassenkameraden von Country-Musik weniger begeistert als sie selbst. Es soll ge-scherzt worden sein. Wunden, die sie bis heute noch schmerzen.

Ohne Klarsicht


Swift hat einen leichten Silberblick, nach eigenen Angaben sieht sie nicht ganz klar. Eventuell ist das wenig tragisch, da sie ohnehin mehr an Innenwelten interessiert zu sein scheint. Wird sie von Gesprächspartnern mit Kritik aus der Realität da draussen konfrontiert, die bei ihr eigentlich auch kaum schlimmer ausfällt, als zum Beispiel eine «Wiegenräuberin» zu sein, weil sie sich auch in Teenager verliebt, wehrt sie sich vehement. «Ich lebe in einer so kleinen glücklichen Welt. Macht mir das bitte nicht kaputt!»

Über sich selbst lachen kann Swift eigentlich nur, wenn der Scherz auch von ihr kommt. Wer sich sonst auf ihre Kosten belustigt, ist des Teufels. Als die Komikerinnen Tina Fey und Amy Poehler sie bei den Golden Globes 2013 für ihre Unreife piesackten, konterte sie unter der für sie typischen eisernen Wahrung ihrer Contenance später mit einem politisch überaus korrekten Zitat der ehemaligen US-Aussenministerin Madeleine Albright: «Es gibt einen besonderen Platz in der Hölle für Frauen, die anderen Frauen nicht helfen.»

Wenn man das möchte, dann kann man Swift selbstverständlich kritisieren. Dass sie monothematisch sei. Stimmt wohl. Dass sie eine eher schwache Stimme hat. Auch das nicht unrichtig. Man kann sich auch darüber ärgern, dass sie immer das gleiche begeisterte Gesicht macht, wenn sie wieder einen Preis bekommt (sieben Grammys hat sie schon), und dass dieses Gesicht auch einfach albern wirkt. Man kann finden, dass sie mehr essen sollte und einfach mal einen geraden Rücken machen.

Aber das kleine Feld, das sie sich erwählt hat, Herzschmerz in sanften Tönen auszuwiegen, dieses Feld ist klar abgesteckt, und sie beackert es sorgfältig und mittlerweile wohl auch perfekt. Für die Konkurrenz kaum möglich, ihr auf ihrem Gebiet das Wasser zu reichen. Sie trifft immer den richtigen Ton. Und wenn sie sich live ihrem Schmerz ergibt, das haben schon einige beiwohnende Journalisten bezeugt, dann kommen selbst den grossen und starken Security-Männern mitunter die Tränen. Vielleicht macht Swift ihrem eigenen Anspruch nach ja auch alles richtig mit den Herrschaften. Womöglich kann oder will nur einfach keiner so recht das Niveau ihres Feingefühls erreichen. Hinzu mag kommen, dass man als ihr Date fürchten muss, wenige Monate später in einem Lied verbraten zu werden – ein in den Klatschspalten gerne diskutiertes Problem.

Im Moment gibt es wohl keinen Mann in ihrem Leben. Vielleicht gönnt sie sich die Auszeit, welche Swift-Kritiker seit längerem empfehlen. Die Illustrierten behaupten auch mit Verweis auf einen «Insider», dass Swifts Team und ihr Management sie angewiesen hätten, eine Weile Single zu bleiben und sich mehr um ihre Frauenfreundschaften zu kümmern. Mal sehen, wovon ihr nächstes Album handeln wird.

Dieser Text erschien am 30.03.2014 in der NZZ am Sonntag.

Mehr zu Taylor Swift? Der Sommer 2016 ist ein Sommer ohne Taylor: Kein Jahr verging ohne die passende Musik von Taylor Swift. Auf die Liedermacherin war Verlass – bis jetzt. Sie ist verliebt. Und redet von einer Auszeit.