Vagina 2.0


Schönheitschirurgische Eingriffe im Schambereich liegen bei Frauen im Trend. Warum nur? Ein Besuch in einer angesehenen Klinik in Luzern.


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Einmal klein und pink, bitte: Schönheitschirurg Häcki beim Operieren. (Bild: Gabi Vogt)

Er tranchiert das Fleisch langsam. Blut läuft herunter, sickert in eine Mullbinde, die wie ein Tampon im Loch steckt. Schrumpelige und an den Rändern dunkelfarbige Reste aus Menschenfleisch bleiben übrig wie Schnittreste aus Stoff beim Modedesigner.

Wenige Momente zuvor hatte Sarah*, 24, eine ganz normale Vulva. Jetzt landen rund zehn Quadratzentimeter ihrer Schamlippen im Müll, eingewickelt in eine Folie für menschlichen Abfall. Schönheitschirurg Dr. Jürg Häcki ist zufrieden. «Es ist wunderbar gelaufen», sagt er mit einem Lächeln und mit einfühlsamer Stimme zur halbwachen Patientin auf dem OP-Tisch, «schön sieht es aus.»

Sarah ist Studentin. Für den Eingriff zahlt sie 4500 Franken. Die Krankenkasse springt nur in Fällen ein, die sie für wirklich pathologisch hält. Bei Sarah ist das nicht der Fall. Über ihre Investition sagt sie: «Wenn es am Ende so aussieht, wie ich es mir vorstelle, war es ein Schnäppchen.» Die Chancen stehen gut. Ihr Schönheitschirurg weiss, was er tut.

Häcki ist eine Schweizer Koryphäe auf dem Gebiet der intimen Verschönerungen. Bei Sarah hat er die Schamlippen verkleinert und beim Vernähen gleichzeitig ihre Klitoris etwas nach unten gezogen. Netter Nebeneffekt: Durch Penetration wird Sarah nun leichter erregbar sein. Auf der Website seiner Klinik in Luzern veröffentlicht Häcki Vorher/Nachher-Bilder der Vaginen, die über seinen OP-Tisch gegangen sind. Auch Sarah fotografiert er im Schritt.

Vorpubertäre Optik


Ein weiteres Körperteil hat es ins Problemzonen-Bewusstsein der Frau geschafft. Es klingt unheimlich, ist aber die Realität: Intim-OPs liegen im Trend. Erstaunlich ist dabei auch, dass es sich nicht um «vaginale Verjüngungen» an älteren Frauen handelt, die bereits mehrere Kinder geboren haben. Die gegenwärtige Entwicklung wird von den Jungen getragen, die sich eine Vagina nach neuen ästhetischen Vorstellungen wünschen. 2015 unterzogen sich in den USA 400 Mädchen mit achtzehn Jahren oder jünger einer Schönheits-OP im Schambereich. Das sind 80 Prozent mehr als im Vorjahr. Die hier erfasste Gesamtzahl ist nach wie vor klein, dürfte laut New York Times aber auch deutlich höher liegen: Eingriffe durch Gynäkologen sind in der Erhebung nicht berücksichtigt. Auch in Europa wird die kosmetische Genitalchirurgie immer beliebter. Gemäss einem Bericht von 2013 hat sich die Anzahl der Eingriffe bei Mädchen und Frauen in Grossbritannien seit 2003 verfünffacht. Für die Schweiz gibt es keine Zahlen, Experten sprechen aber von einer wachsenden Nachfrage.

Früher waren die weiblichen Genitalien einmal hinter Schamhaar verborgen. Ein Haar, das die erwachsene Frau vom Kind unterschied. Mädchen freuten sich auf den ersten Flaum. Heute wird das Schamhaar abrasiert. Das, was darunter zum Vorschein kommt, sollte idealerweise präpubertär wirken: einmal klein und pink, bitte.

Chirurg Häcki wendet den sogenannten Keilschnitt an. Er verkürzt die Schamlippen nicht einfach der Länge nach und überlässt den Rand der Vernarbung. Er schneidet das Gewebe stattdessen in Form eines Keils heraus und vernäht die Enden zu einer neuen Schamlippe – eine runde Sache ohne sichtbare Narben. Auch die Klitoris passt er ästhetisch ins neue Gesamtbild ein, indem er an ihrem Mantel überschüssige Haut entfernt. Gelernt hat Häcki die Technik von einem plastischen Chirurgen aus Los Angeles.

In Los Angeles leben schon seit längerem besonders viele Frauen, die sich die Vagina haben machen lassen. Sie heissen Sheila, Shannon oder auch Chrystal, und man kann ihre neuen, generalüberholten Vaginen auf Internetportalen wie Pornhub.com in Nahaufnahmen betrachten. Die Schamhaare sind weggelasert. Die äusseren Schamlippen wurden aufgespritzt – was praktisch ist für die Porno-Branche. So sieht die Frau untenrum immer schön geschwollen aus, auch wenn der männliche Darsteller sie nicht wirklich erregt hat. Eine Schicht weiter innen folgen: getrimmte, rosafarbene Schamlippen. Das dunkelfarbige Ende der Lippen ist weggeschnitten, letzte Rückstände der nicht so hübschen Färbung sind mit aggressiven, hautunfreundlichen Mitteln optisch vollends hell gebleicht, Ton in Ton mit dem After. Die Klitoris ist stärker in die Sichtbarkeit gezogen. Alles in allem: ein aufgeräumtes Erscheinungsbild in einladenden Pastelltönen. Vollendet am PC, dank Bildbearbeitungsprogrammen.

«Da wird ein krankes, neues Bedürfnis geschaffen, an dem sich manche Chirurgen eine goldene Nase verdienen», findet Dr. Thomas Eggimann, Gynäkologe mit Praxis und Generalsekretär von Gynécologie suisse. Er habe erst letzte Woche ein siebzehnjähriges Mädchen abgelehnt, das sich von ihm eine operative «Korrektur» seines Intimbereichs ins vorpubertäre Stadium gewünscht habe. «Geht’s noch?», kommentiert der Arzt das Geschehen am Telefon, noch immer ein wenig empört. In manchen Fällen erachtet aber auch Eggimann operative Eingriffe an Vulven als sinnvoll. «Etwa wenn die Schamlippen so lang sind, dass es zu Einklemmungen beim Sport und beim Geschlechtsverkehr kommt.» Das könne etwa durch Schamlippen geschehen, die deutlich über vier Zentimeter vom Körper abstehen.

Die inneren Schamlippen haben die Funktion, den Scheideneingang vor Keimen und vor dem Austrocknen zu schützen. Sind sie nach den ästhetischen Verkürzungen in ihrer Funktion eingeschränkt? «Das nicht», sagt Eggimann. «Wenn ein operativer Eingriff sauber gemacht wurde, bleiben alle gesunden Funktionen voll erhalten. In der Schweiz ist das die Regel.» Welchen Sinn haben die dunkler pigmentierten Stellen der Vulva, die bei den Eingriffen weggeschnitten werden? «Keinen», so Eggimann. Sie seien vermutlich ein Relikt aus vormenschlichen Entwicklungsstufen und heute ohne Aufgabe. Fazit: Vom rein gesundheitlichen Standpunkt her betrachtet, sind Intimoperationen nicht sehr heikel.

Sieht man jedoch bei einer solchen Operation zu, wird man das Gefühl nicht los, dass hier auf ungute Weise eine Grenze überschritten wird. Messer im Genitalbereich: Assoziationen an grausame Volksriten und Bestrafungen in Form von Beschneidung und Verstümmelung werden geweckt.

Aktionsangebot «Busenfreundin»


Gynäkologen bewerten den Intim-OP-Trend im Gegensatz zu den Schönheitschirurgen kritischer: als Spinnerei pubertärer Mädchen, die durch das Kursieren pornografischer Bilder auf dem Pausenplatz ein Gefühl von Unzulänglichkeit entwickeln, aus dem eine Obsession wird. «Wirklich abnorme Genitalien kommen bei Frauen sehr viel seltener vor, als Eingriffe stattfinden», so Eggimann.

Dennoch geben die Frauen, die zu Häcki in die Schönheitsklinik kommen, meist gesundheitliche Gründe für den OP-Wunsch an. Viele haben es zuvor beim Gynäkologen und über die Krankenkasse versucht – dort ist es nötig, eine Krankengeschichte glaubwürdig zu erzählen. Vielleicht glaubt man diese irgendwann selbst. Und wer will schon ehrlich zugeben, aus reiner Eitelkeit den Schambereich operieren zu lassen? Häcki sagt, er hake insbesondere bei minderjährigen Patientinnen genauer nach und es sei ihm in diesen Fällen wichtig, dass körperliche Beschwerden vorliegen. «Von den letzten 600 Intimoperationen, die ich durchgeführt habe, fand ausserdem höchstens eine an einer Minderjährigen statt», so Häcki. Wenn die Eltern das Einverständnis geben und er das Kind als emotional stabil einschätze, spreche für ihn nichts gegen einen Eingriff. Häcki ist es wichtig, immer «wertneutral» zu bleiben. Er ist auch geschäftstüchtig. Derzeit bewirbt er sein Aktionsangebot «Busenfreundin»: Lassen sich zwei Freundinnen gemeinsam bei ihm die Brüste vergrössern, gibt es Rabatt.

Als Sarah die Genital-OP hinter sich hat, strahlt sie. Auch sie erzählt, dass sie früher beim Sport Beschwerden hatte. Was schwer vorstellbar ist, hat man ihre Vagina vor dem Eingriff gesehen: Die Schamlippen waren nicht kurz, aber auch nicht abartig lang. Ziemlich normal. Wollte der Partner die Verschönerung? Sarah verneint. Sie habe niemandem von ihrem Vorhaben erzählt. Dass es selten der Partner sei, der sich den Eingriff wünscht, sagt auch Häcki. «Bei Brustvergrösserungen ist das durchaus öfter der Fall», so der Chirurg. «Bei Eingriffen im Schambereich sind die Partner jedoch mitunter sogar eher dagegen.» Mysterium Frau.

Die Vagina, mit der Sarah nach Hause geht, ist selbst im noch wunden Zustand bereits straffer, besser geformt und farblich ansprechender, als sie es vorher war. Eine hübsche Vagina, das muss man ihr lassen.

Dieser Text erschien am 02.06.2016 in DIE WELTWOCHE